Faschismusvorwurf Russland empört sich über Schülerrede im Bundestag

Der russische Schüler Nikolaj hat im Bundestag der deutschen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg gedacht. Daheim wird er dafür wüst beschimpft und bedroht. Jetzt mischt sich sogar der Kreml ein.

Nikolaj Desjatnitschenko im Bundestag
Deutscher Bundestag

Nikolaj Desjatnitschenko im Bundestag

Von , Moskau


Was muss sich Nikolaj Desjatnitschenko alles anhören: "Verräter", "Er leckt den Faschos den Arsch!" oder "Bleib für immer dort, sonst bekommst du in die Fresse!" Mit "dort" ist Deutschland gemeint. Es sind einige, nicht unbedingt die schlimmsten, Kommentare, die zu Zehntausenden im russischen Netzwerk Vkontakte, in anderen sozialen Medien und Kommentarspalten erschienen sind.

Eine Welle des Hasses und der Empörung hat den 16-jährigen Schüler des Gymnasiums Nr. 1 aus dem westsibirischen Nowy Urengoi getroffen. Es war so schlimm, dass er zweitweise die Kontaktmöglichkeit bei Vkontakte blockierte. Seine Mutter, eine Anwältin, geht nicht mehr ans Telefon. Sie sagt, ihr Sohn werde mit den Worten bedroht, man werde "ihn finden" oder er solle sich doch aufhängen.

Desjatnitschenko war am Sonntag mit zwei russischen und drei deutschen Schülern während der Gedenkstunde zum Volkstrauertag im Bundestag aufgetreten. Sie hatten an einem Austauschprojekt des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge teilgenommen, hatten Biografien gefallener Soldaten des Zweiten Weltkriegs recherchiert: sowjetische, tschechische und deutsche Opfer. Solche Schülerprojekte gab es bereits zu Hunderten, für die deutsch-russische Aussöhnung leisten sie einen wichtigen Beitrag. Doch nun zeigt sich, wie schwierig die Aussöhnung und wie aufgeladen die Stimmung in Russland ist.

Desjatnitschenko hatte sich mit dem Wehrmachtsgefreiten Georg Johann Rau beschäftigt, der im März 1943 in einem Lager für Kriegsgefangene nahe Stalingrad gestorben war. In seiner knapp drei Minuten langen Rede berichtete er von Rau, dessen Grab er in der Uralstadt Kopejsk besucht habe.

"Ich sah die Gräber unschuldig ums Leben gekommener Menschen, unter denen viele in Frieden leben und nicht kämpfen wollten. Sie haben während des Kriegs unwahrscheinliche Mühen durchlebt, über die mir auch mein Urgroßvater erzählte, der als Kommandeur einer Schützenkompanie am Krieg teilnahm."

"Unschuldig ums Leben gekommen" - mit diesem Zitat habe der "umprogrammierte Schuljunge" der Heimat "das Messer in den Rücken gerammt", schrieb das Kreml-nahe Massenblatt "Komsomolskaja Prawda". Auch andere interpretierten daraus, dass Desjatnitschenko die Wehrmachtssoldaten, die in der Sowjetunion für unzählige Kriegsverbrechen verantwortlich sind, für "unschuldig" hält.

Ein Blogger erstattete Strafanzeige wegen "Rehabilitierung des Nazismus". Auch Jelena Kukuschkina, Abgeordnete der Region des Schülers, schaltete auf Berufung dieses Straftatbestandes die Staatsanwaltschaft ein - nach Artikel 354.1 des Strafgesetzbuches kann das mit bis zu drei Jahren Haft in Russland geahndet werden. Verantwortlich seien die Erwachsenen, die zuließen, dass Desjatnitschenko so reden konnte.

Auch in Moskau empörten sich etliche Politiker, darunter der Rechtspopulist Wladimir Schirinowksi, der im Staatsfernsehnen gar mutmaßte, dass in der Schule des jungen Mannes wohl Geschichtsbücher von George Soros gelesen würden. Der US-Milliardär fördert liberale Projekte in Osteuropa, er gilt deshalb auch in konservativen Kreisen Russlands als Feindbild.

Angst in der Schule

Inzwischen wird Desjatnitschenkos Schule überprüft, der Bürgermeister der Stadt hatte den Jungen verteidigt, musste sich dem Auftrag eines Ausschusses des Föderationsrates, dem Oberhaus des Parlaments, beugen.

Im Gymnasium will sich niemand mehr äußern, so groß ist die Angst. Einige Lehrer haben russischen Medien berichtet, sie seien bedroht und beschimpft worden: Sie sollten doch ihren Job machen und den Kindern die Bedeutung des Großen Vaterländischen Kriegs erklären, damit ist der Kampf der Sowjetunion gegen Hitler-Deutschland von 1941 bis 1945 gemeint - der Sieg über den Nationalsozialismus ist bis heute ein Ereignis, das in Russland groß inszeniert wird.

Desjatnitschenko steht nun unter Verdacht, mit seinem Mitleid für deutsche Kriegsgefangene, die in sowjetischer Haft starben, dieses Bild zu stören. Da hilft es auch nicht, dass die Sprecherin des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf Anfrage betont, es habe sich um eine "falsch vorgenommene Verkürzung" gehandelt. Es gebe keinerlei Gleichmacherei von Opfern und Tätern. "Der Zweite Weltkrieg ist ein verbrecherischer Angriffskrieg des nationalsozialistischen Deutschlands." Auch Desjatnitschenkos Deutschlehrerin Ljudmila Kononenko versuchte, den Schüler zu verteidigen: "Er hat die Taten der Faschisten mit keinem Wort entschuldigt." Sie ist ebenfalls nicht mehr erreichbar.

"Nationalpatriotische Hysterie"

Sicherlich sei das Zitat "unschuldig umgekommener Menschen" nicht gut formuliert, sagt Irina Schtscherbakowa, die bei der Menschenrechtsorganisation Memorial die Bildungsprogramme leitet. Besser wäre es sicherlich gewesen, wenn Desjatnitschenko davon gesprochen hätte, dass nicht alle Wehrmachtssoldaten freiwillig in den Krieg gezogen waren. Doch die Debatte zeige, welche "nationalpatriotische Hysterie" in Russland herrsche, und es werde immer schlimmer. "Es tut mir unendlich leid, dass es den Jungen und die Lehrer nun trifft." Sie würden von Menschen angegriffen, die sonst über christliche Werte reden: "Dazu aber gehört auch Mitleid." Auch Memorial ist immer wieder Ziel von Anfeindungen. Anlässlich eines Schülerwettbewerbs warf der Sender Ren-TV der Organisation vor, sie erzöge die Schüler zum Extremismus - Memorial klagte und gewann.

Inzwischen hat sich Desjatnitschenko zu Wort gemeldet, verpixelt unter anderem im Sender Swesda. Er habe seine Rede kürzen müssen, da er nur knapp drei Minuten Zeit gehabt habe. Außerdem habe er zum Frieden in der Welt aufgerufen. Zuvor hatte seine Mutter bereits erklärt, sie habe den Text gemeinsam mit ihrem Sohn ausgearbeitet - er müsse ihn dann allein verändert haben. Inzwischen stellen die Staatsmedien den Jungen als dumm und unwissend dar.

Das allerdings, nachdem Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow sich zu Wort meldete und fast väterlich betonte, der Schüler habe nichts Böses gewollt. "Die exaltierte Hetze, die jetzt stattfindet, ist völlig unverständlich."

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