"Krabat"-Urteil Unterricht wiegt schwerer als religiöse Gefühle

Jedes Jahr lesen Schüler unversehrt Otfried Preußlers "Krabat", trotzdem sahen Eltern in der Verfilmung eine spirituelle Gefahr. Als Zeuge Jehovas sollte ihr Sohn den Film nicht sehen. Jetzt urteilte das Bundesverwaltungsgericht: "Krabat" ist kein Befreiungsgrund.

Preußlers Jugendbuch "Krabat": Nichts für Zeugen Jehovas?
Thienemann

Preußlers Jugendbuch "Krabat": Nichts für Zeugen Jehovas?


Otfried Preußlers Jugendbuchfigur Krabat hat seit diesem Mittwoch einige hochrangige Fürsprecher mehr. Die Richter am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entschieden: Auch wenn in einer Schullektüre und dem dazugehörigen Film von schwarzer Magie die Rede ist, können religiöse Eltern ihr Kind deshalb nicht vom Unterricht befreien lassen.

Damit gaben die Bundesrichter einem Revisionsantrag des Landes Nordrhein-Westfalen gegen ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster statt. Unterlegen ist ein Elternpaar aus Bocholt, das versucht hatte, einen Besuch ihres Kindes in einer Schulvorführung des Films "Krabat" zu verhindern. Nach Meinung der Eltern, die den Zeugen Jehovas angehören, kollidiert die Abenteuergeschichte vom Müller- und Zauberlehrling Krabat mit ihren religiösen Überzeugungen.

Das OVG Münster hatte den Antrag auf Unterrichtsbefreiung zunächst für gerechtfertigt erachtet, die Revision zum Bundesverwaltungsgericht allerdings zugelassen. Die Richter entschieden nun: Verstößt der Inhalt des Schulunterrichts aus Sicht einzelner Schüler oder ihrer Eltern gegen deren religiöse Überzeugungen, rechtfertige das "im Regelfall keinen Anspruch auf Unterrichtsbefreiung".

"Krabat" ist in NRW ein Standardwerk

Eine Unterrichtsbefreiung könne nur verlangt werden, wenn den religiösen Belangen des Betroffenen regelmäßig "eine besonders gravierende Beeinträchtigung droht" und der "schulische Wirkungsauftrag im Vergleich hierzu lediglich nachrangig berührt wird".

Der Junge ist nicht der einzige Schüler, der in Nordrhein-Westfalen "Krabat" zu sehen und zu lesen bekam. Der Jugendbuchklassiker wird an den Schulen viel gelesen. Deswegen stand er auch auf dem Deutsch-Lehrplan für die siebte Klasse des Jungen. Der Kinobesuch war als verbindliche Schulveranstaltung angesetzt worden. Die Eltern hatten daraufhin beantragt, ihren Sohn zu befreien. Um keinen Präzedenzfall zu schaffen, lehnte der Schulleiter ab, und die Eltern zogen Anfang 2010 vor Gericht. Allerdings verloren sie in erster Instanz vor dem Verwaltungsgericht Münster.

Danach klagten die Eltern vor dem nordrhein-westfälischen Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster. Die dortigen Richter urteilten im Dezember 2011, der Schulleiter hätte den Antrag der Eltern nicht zurückweisen dürfen (Aktenzeichen: 19 A 610/10). Die Eltern hätten nachvollziehbar und überzeugend dargestellt, dass ihre Religion ihnen alle Berührungspunkte mit Spiritismus und schwarzer Magie verbiete.

Ein Kompromiss wie Zuhalten von Ohren und Augen bei strittigen Szenen sei nicht praktikabel gewesen, so die Argumentation des OVG. Zudem habe der Schüler an der Besprechung des Buchs im Unterricht vor und nach dem Kinobesuch normal teilgenommen, deswegen "müsse der staatliche Bildungs- und Erziehungsauftrag im vorliegenden Einzelfall ausnahmsweise zurücktreten", so das OVG damals.

Aktenzeichen: BVerwG 6 C 12.12 - 11. September 2013

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