Schwimmunterricht für muslimische Mädchen "Die Eltern habe ich gar nicht gefragt"

Das Bundesverwaltungsgericht verhandelt den Fall einer muslimischen Schülerin, die nicht am Schwimm-Unterricht teilnehmen wollte. Wie lassen sich Religionsfreiheit, Integration und Schulpflicht vereinbaren? Die Lehrerin Renate Scherf, 63, hat einfach Ganzkörper-Schwimmanzüge angeschafft. Das Interview.

DPA

SPIEGEL ONLINE: Frau Scherf, wenn Ihre Schülerinnen Ganzkörper-Schwimmanzüge tragen, sind von den Mädchen nur noch Gesicht, Hände und Füße zu sehen. Warum haben Sie diese Montur angeschafft?

Scherf: Mir taten die muslimischen Mädchen leid, die nie mit zum Schwimmen durften. Los ging es damit, dass eine Schülerin auf die Idee kam, in Leggings, Pullover und Kopftuch zu schwimmen.

SPIEGEL ONLINE: Das haben Sie erlaubt?

Scherf: Ja, sicher. 30 Jahre lang habe ich mit ansehen müssen, wie muslimische Mädchen ausgeschlossen blieben vom Schwimmen - dabei wollten fast alle gerne mitmachen. Mit den Leggings ging es dann eine Weile gut, andere muslimische Mädchen machten mit. Allerdings schaltete sich nach einem Dreivierteljahr der Bademeister ein: Die Fusseln der Sportkleidung drohten, Abflüsse und Siebe zu verstopfen.

SPIEGEL ONLINE: Also haben Sie sich etwas Neues einfallen lassen.

Scherf: Ja, in einem Sportgeschäft bin ich auf die Ganzkörper-Schwimmanzüge gestoßen. Teuer zwar - hundert Euro pro Stück -, aber die Investition hat sich gelohnt. Die Mädchen waren begeistert.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat die Anzüge bezahlt?

Scherf: Die Schule. Erst haben wir drei Stück angeschafft, vor ein paar Jahren schon, später noch ein paar mehr. Die Fußballbuben bekommen ihre Trikots ja auch bezahlt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Ihre Kollegen und die Eltern der Mädchen reagiert?

Scherf: Die Eltern habe ich gar nicht gefragt, ein Vater hat es allerdings später in der Zeitung gelesen und war nicht sonderlich begeistert. Aber meine Kollegen sehen es so pragmatisch wie ich: Gut ist, was funktioniert. An unserer Schule haben mehr als die Hälfte der Kinder einen Migrationshintergrund, da wollen wir niemanden ausgrenzen. Im Kochunterricht ist es zum Beispiel selbstverständlich, dass es kein Schweinefleisch gibt. Und wir bieten Unterricht in den Muttersprachen vieler Kinder an.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker sehen das als falsch verstandene Toleranz.

Scherf: Ach, kommen Sie! Besorgte Eltern ziehen ihren Kleinkindern im Schwimmbad einen Ganzkörperanzug an, weil sie Angst vor UV-Strahlung und Ozonloch haben. Klar, manche sehen es als einen Rückschritt, wenn wir verschleierten Schwimmunterricht erlauben. Ein Stück weit kann ich das verstehen - aber so etwas sagen meist Leute, die von der Praxis keine Ahnung haben. Was meinen Sie, wie viele Atteste wegen angeblicher Chlorallergie ich bekam, bevor wir die Schwimmanzüge hatten? Dutzende!

SPIEGEL ONLINE: Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet an diesem Mittwoch über den Fall einer muslimischen Schülerin: Das Mädchen hätte im Schwimmunterricht den Burkini tragen dürfen, wie an einigen Großstadtschulen mittlerweile üblich, wollte aber keine Jungen und Männer mit nacktem Oberkörper sehen müssen.

Scherf: Einen ähnlichen Fall hatte ich in einer meiner Schwimmgruppen. Das Mädchen sollte die Schwimmhalle nicht betreten dürfen, sondern im Café des Schwimmbades warten. So haben sich die Eltern das vorgestellt. Da hätten wir aber unserer Aufsichtspflicht nicht nachkommen können. So saß sie also dick verpackt und in Socken auf einer Bank in der Schwimmhalle, den Blick gesenkt, durch ein Attest vom eigentlichen Schwimmen befreit. Mir hat es das Herz zerrissen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie daraus gelernt?

Scherf: Diese Fälle sind eher die Ausnahme, aber natürlich gibt es manchmal keine einfachen Antworten. Wir haben geduldet, dass das Mädchen nicht mitmacht, sonst hätte sie den ganzen Tag über gefehlt, dafür hätten ihre Eltern schon gesorgt. Sicher, es gilt die Schulpflicht, aber mit Härte kommen Sie im Alltag kaum weiter. Wir sind zum Beispiel dazu übergegangen, den Eltern bei Klassenfahrten zu erlauben, ihre Kinder abends im Landschulheim abzuholen. Seitdem dürfen auch die muslimischen Mädchen mitkommen.

Zur Person
Renate Scherf
Renate Scherf, 63, hat 42 Jahre als Lehrerin gearbeitet, 36 davon an der Vigeliusschule in Freiburg. Sie hat Sport, Hauswirtschaft und textiles Werken unterrichtet. Für ihre muslimischen Schülerinnen schaffte sie 2009 Ganzkörperschwimmanzüge an, damit sie am Unterricht teilnehmen dürfen. Jetzt ist sie im Ruhestand.
Das Interview führte Oliver Trenkamp

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 270 Beiträge
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Seite 1
Crom 11.09.2013
1.
"Der Burkini lässt - so ähnlich wie diese Ganzkörper-Anzüge in Freiburg - nur Gesicht und Hände frei." Nun, offenbar auch die Füße, wenn man sich das letzte Bild ansieht. Übrigens gelungene Bezeichnung "Burkini".
order66 11.09.2013
2. Wenn wir zulassen
das Religion den öffentlichen Alltag bestimmt, beginnen wir die Trennung von Kirche und Staat aufzuweichen.
addit 11.09.2013
3. Eine super Lehrerin
mit Weitblick, Toleranz und Gefühl. Mehr davon!
vogtnuernberg 11.09.2013
4. Keine Rücksicht...
Keine Rücksicht... Schliesslich erlaubt man es ja auch nicht Kinder in Heimunterricht zu unterrichten, wenn sie aus religiösen Gründen die Teilnahme am Schulunterricht ablehnen. Warum also Religionen unterschiedlich behandeln?
christjans 11.09.2013
5. Mit Mitgefuehl und Pragmatismus
Zitat von sysopDPADas Bundesverwaltungsgericht verhandelt den Fall einer muslimischen Schülerin, die nicht am Schwimm-Unterricht teilnehmen wollte. Wie lassen sich Religionsfreiheit, Integration und Schulpflicht vereinbaren? Die Lehrerin Renate Scherf, 63, hat einfach Ganzkörper-Schwimmanzüge angeschafft. Das Interview. Burkini: Lehrerin über Ganzkörperschwimmanzüge für Muslime - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/burkini-lehrerin-ueber-ganzkoerperschwimmanzuege-fuer-muslime-a-921160.html)
Ein gelungener Ansatz. Sicherlich sind damit nicht alle Probleme geloest, aber ein Fortschritt ist es allemal. Ich freue mich das zu sehen.
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