Burn-out-Diagnose bei Kindern Lea und Malte, völlig fertig

Zwei kranke Kinder, ein ärztlicher Befund: Burn-out. In Fachkreisen ist die Diagnose umstritten - doch Lea, 15, und Malte, 11, sind so erschöpft, dass sie sich aufgeben. Wie kann so etwas passieren? Und was hilft?

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Als Lea sich das erste Mal fühlt, als könne sie nie wieder glücklich sein, ist sie 13. Sie sitzt am Küchentisch im gerade erst bezogenen Haus, vor ihr sitzen die Eltern. Die Mutter sagt:

"Lea, wir wollen uns trennen."

Lea, Einzelkind, rennt die Treppe hoch, packt ihre Sachen und fährt zu einer Freundin. Von nun an geht ihr Leben bergab, so beschreibt sie es später.

Als Malte das erste Mal merkt, wie es sich anfühlt, bedrückt zu sein, ist er sechs und gerade eingeschult. Er ist langsamer als seine Mitschüler, fühlt sich allein. Malte sagt zu Wochenbeginn:

"Mama, ich bin krank. Ich will nicht zur Schule."

Ein Satz, der von nun an noch Hunderte Male fallen wird, so erinnert Maltes Mutter sich.

Lea und Malte sind zwei unterschiedliche Kinder. Was ihre Geschichte eint, ist ein im Laufe der Monate wachsendes Gefühl von Hilflosigkeit und ein ärztlicher Befund: Burn-out.

Das ist die Diagnose, die Michael Schulte-Markwort, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie, nicht nur Lea und Malte, sondern immer mehr jungen Menschen stellt, die ihn in seinen Einrichtungen im Uniklinikum Hamburg-Eppendorf oder im Altonaer Kinderkrankenhaus aufsuchen. "Kinder können vor Erschöpfung ausbrennen", sagt der Arzt.

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Jede Woche stellen sich mindestens zwei Kinder mit den Symptomen totaler Erschöpfung bei ihm vor, immer zwei bis fünf Burn-out-Patienten sind in stationärer Behandlung - Tendenz steigend. Breit angelegte Studien bestätigen das, laut KiGGS-Studie sehen Forscher bei rund einem Fünftel der 3- bis 17-Jährigen die Gefahr, psychisch auffällig zu werden.

Betroffene Kinder leiden an starken Konzentrationsproblemen und Schlafstörungen. Sie haben das ständige Gefühl, kaputt und voller Sorgen zu sein, schreibt Schulte-Markwort in seinem Buch "Burnout-Kids".

Sein Befund "Burn-out" ist in Fachkreisen umstritten. In der "Internationalen Klassifikation der Erkrankungen" (ICD-10) steht Burn-out, anders als die Erschöpfungsdepression, nicht in der Liste offizieller Diagnosen.

"Hinter dem Begriff Burn-out verstecken sich oft depressive Störungen oder Angststörungen. Ist ein Kind von diesen betroffen, sollte man sie klar benennen", sagt Christine Freitag, Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Frankfurt. In der Regel sei eine Behandlung der Störungen erfolgreich. Stephan Bender, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Köln, sieht das genauso.

Schulte-Markwort sagt, für ihn seien Burn-out und Erschöpfungsdepression das gleiche. Sein Vorwurf an die Gesellschaft: Sie mache ihre Kinder krank. Erst das alarmierend klingende Wort Burn-out wecke eine Diskussion, für die es höchste Zeit sei.

Fest steht: Nicht nur Erwachsene, auch Kinder können so ausgelaugt sein, dass sie zusammenbrechen. Das sehen die Ärzte gleichermaßen so - ganz unabhängig von der Debatte um den geeigneten Fachausdruck.

Die Frage ist: Wie sieht ein Umfeld aus, das diese kraftlosen Kinder hervorbringt?

DPA

Lea ist heute 15 und geht in die neunte Klasse eines Gymnasiums. Ihre Krankheitsgeschichte beginnt vor zwei Jahren. Zunächst hat sie nach der Trennung ihrer Eltern weniger Appetit. In der Schule versucht sie, ihre guten Noten zu halten - doch dann stirbt der Opa, und bald darauf auch die Oma. Lea, die seit neun Jahren Hockey spielt und Verabredungen mit Freundinnen liebt, isoliert sich immer öfter, verkriecht sich bald nur noch ins Bett.

"Mit meinen Eltern konnte ich nicht reden. Die waren halt voll mit sich selbst beschäftigt."

Sie verlässt ihren Freund, das Verliebtsein fühlt sich falsch an. Dann beginnt sie, sich an den Unterarmen zu ritzen. Lange Pullis verdecken die Wunden. Aber die Verlustgefühle donnern wie Wackersteine weiter auf sie ein, tun weh, treten Gedanken los.

"Auf einmal fand ich das Leben scheiße."

An Hausaufgaben ist nicht mehr zu denken, der Vertrauenslehrer nimmt sich kaum Zeit:

"Er meinte nur, ich soll mir halt Hilfe suchen."

Lea hat lange dunkle Haare, trägt enge Jeans mit einem Smartphone in der Hosentasche, Nagellack, graues Shirt. Beim Reden hält sie den Blick, ihre Augen sehen dann traurig aus.

Nachdem die Eltern vor zwei Jahren in der Küche verkünden, dass sie sich trennen, zieht Leas Vater, 49 und kaufmännischer Angestellter, aus. Er wohnt noch immer in der Stadt.

Die Mutter, 47 und kaufmännische Angestellte, findet kurz nach der Trennung einen neuen Freund, mit dem sie nach der Arbeit oft ins Restaurant geht. Leas Essen ist dann vorgekocht.

Sie ist bald psychisch so erschöpft, dass sie sich körperlich kaum mehr aufrappeln kann. Sie geht nicht mehr zum Hockey. Sie trifft sich nicht mehr mit Freundinnen. Lea sagt:

"Ich war mal beliebt. Aber irgendwann war ich allein."

Lea sagt, sie habe nicht mehr leben wollen. In den Sommerferien 2014 bricht sie zusammen:

"Das war eine total große Eskalation in mir."

Der Vater sagt:

"Ich war hilflos."

Die Mutter sagt:

"Man wünscht sich für sein Kind was anderes. Aber Lea hat auch bekräftigt, dass wir als Eltern nicht schlimm sind."

Burn-out bei Kindern bedeutet, dass sie die Aufgaben ihres Alltags nicht mehr bewältigen können und für Tage, Wochen oder Monate völlig in sich zusammensacken. Das lernt Lea später bei Schulte-Markwort. Als ihre Eltern sie bei dem Mediziner anmelden, wirkt sie niedergestimmt und kaum kontaktfähig, erinnert sich Schulte-Markwort. Er verschreibt ihr ein Antidepressivum. Ab jetzt geht Lea zur Psychotherapie.

Schulte-Markwort spricht in seinem Buch von drei Hauptursachen eines Burn-outs: Eine könne sein, dass die Kinder heute mit dem ständigen Empfinden aufwachsen, besser sein zu müssen als die Eltern. Wer früh lerne, dass diese Gesellschaft keinen Stillstand, sondern nur Wachstum dulde, der habe von Anfang an Angst, sich in Ruhe auszuprobieren und Fehler zu machen, schreibt der Arzt.

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Grund für völlige Erschöpfung könne auch das Fehlen stützender Bezugspersonen sein. Wenn Kinder oft alleine zurechtkommen müssen und nicht mit ihren Eltern reden können, würde das Zuhause nicht als ein Ort empfunden, an dem jeder er selbst sein könne.

Eine andere Ursache sei die Schule. Der bedrückende Gedanke, dass Selbstverwirklichung nur mit Abitur funktioniere. Und Lehrer, die wenig Zeit hätten, sich mit den individuellen Biografien ihrer Schüler auseinanderzusetzen.

"Die deutschen Schulen sind kein Ort der Wertschätzung und des Respekts", sagt Schulte-Markwort. Viele Kinder hätten berichtet, dass zu viel geschimpft werde, dass es nur darum gehe, etwas zu schaffen - und nie darum, dass schlechte Noten und Niederlagen zum Leben gehören.

Leas Eltern finden Dreien akzeptabel. Lieber sind ihnen Einsen.

Die Mutter sagt:

"Wer sich Träume erfüllen will, der kommt mit mittlerer Reife nicht weit."

Der Vater sagt:

"Wenn Lea mit der Idee kommt, vom Gymnasium zu gehen, dann sagen wir, dass das so nicht geht."

Nachdem in Leas Leben alles durcheinander gerät, kommen auch Probleme in der Schule. Die Noten sacken ab, sie hört nicht mehr zu. Hätten die Lehrer erkennen müssen, dass es ihr schlecht geht?

"Lehrer haben zunehmend das Gefühl, dass sie nicht nur 30 Kinder vor sich haben, sondern 60 Mütter und Väter und drei Anwälte", sagt Schulte-Markwort. "Da sind manche froh über alles, das sie nicht wahrnehmen müssen." Immer wieder besuche er Elternabende oder kontaktiere die Lehrer seiner Patienten. Doch das sei schwer: "Viele Pädagogen haben Sorge, dass ich mich als Außenstehender einmischen will, um mal eben schnell zu sagen, wie es weitergehen soll."

Im Leben von Malte, heute 11, überfordert zuerst die Schule - und dann scheitert der Alltag. Bis er den Kindergarten verlässt, nehmen die Eltern ihn als einen Jungen ohne Auffälligkeiten wahr. Doch mit der ersten Klasse ändert sich das.

Malte fühlt sich immer wieder erschöpft, auch morgens. Er hat Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und weint, wenn er in die Schule gehen soll. Die Mutter, 37, selbstständige Kauffrau, sagt:

"Die Lehrer dachten, das Kind sei wahrnehmungsgestört."

Aber Malte, der eine jüngere Schwester und einen älterer Bruder hat, kann einfach nur nicht richtig schreiben. Er macht Flüchtigkeitsfehler, ist nicht so schnell wie die anderen. Dass er Legasthenie hat, eine Lese-Rechtschreib-Störung, habe die Lehrerin nicht erkannt, sagt Maltes Mutter.

Der Vater, 67, selbstständiger Kaufmann, geht arbeiten, die anderen Familienmitglieder pauken stundenlang mit Malte Schreiben, bis er vor Entkräftung den Kopf auf den Tisch legt.

Er bekommt Nachhilfe und Ergotherapie. Doch er steigert sich immer mehr in seine Sorgen hinein, oder: sie sich in ihn. Wie sehr es ihn betrübt, dass er den anderen hinterherhinkt, kann er in der ersten Klasse mit Worten kaum sagen.

In dieser Zeit haut Malte, 7 Jahre, von der Schule ab. Er rennt nach Hause und bricht in der Küche zusammen. Als die Mutter ihn findet, sagt der Junge:

"Ich bin eine Schande für uns und zu nichts nütze."

Die Eltern machen daraufhin einen Termin bei Schulte-Markwort. Der bewirkt, dass Malte die Schule wechselt. Ein Test macht seine Legasthenie sichtbar. Ab der zweiten Klasse bekommt er eine spezielle Förderung und in den Fächern Deutsch und Englisch einen Nachteilsausgleich, der ihn von der Pflicht, Zensuren zu schreiben, befreit.

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Für Malte löst dieses Prinzip die Spannung. Er gewöhnt sich ein, entwickelt sich gut. Doch mit neuen Umbrüchen kommen neue Probleme: Als Malte in die fünfte Klasse kommen soll, trennen sich die Eltern. Die Mutter schläft ein halbes Jahr im Wohnzimmer auf dem Sofa, dann zieht sie aus. Die Kinder sind ab jetzt mal beim Vater, mal in der neuen Wohnung der Mutter. Malte sagt:

"Es war schöner, als wir noch alle zusammen waren."

Malte trägt blondes kurzes Haar, Turnschuhe, Lederjacke. Er liebt Hunde und seine eigene kleine Werkstatt im Keller. Wenn er sich etwas wünschen dürfte, dann nur eins: dass er so schnell schreiben kann wie die anderen.

Für die Eltern stellt sich nach der vierten Klasse die Frage: Welche weiterführende Schule ist die richtige für ein besonderes Kind wie Malte? Die Entscheidung fällt auf ein privates Gymnasium.

Maltes Mutter sagt:

"Der Junge ist klug. Er interessiert sich für Meeresbiologie. Wenn er will, dann kann er."

Doch auf dem Gymnasium stehen seine Leistungen ab der fünften Klasse auf der Kippe. Die Schulleitung wolle den von Schulte-Markwort gestellten Antrag auf Nachteilsausgleich nicht akzeptieren, erzählt Maltes Mutter. Und so kämpft er weiter mit dem Schreiben und seiner Schrift. Malte sagt:

"Heute geht es mir wieder schlechter."

Er streite sich oft mit Lehrern, erzählt er, fühle sich wieder erschöpft. Trotzdem wolle er unbedingt auf der Schule bleiben, allein wegen der Freunde.

Die Lehrer wollen, dass Malte das fünfte Schuljahr wiederholt. Maltes Mutter ist verunsichert: Sie überlegt, den Jungen an einem anderen Gymnasium anzumelden. Wird Malte je in Frieden mit sich leben können?

Diese Frage für sich selbst beantworten zu können, ist heute Leas einziger Wunsch. Sie sagt, sie fühle sich durch die Psychotherapie besser.

Zum Ende des Sommers kommt sie in die zehnte Klasse. Das Antidepressivum nimmt sie bis heute. Ihre Noten sind besser geworden, sie ritzt sich nicht mehr. Doch: Lea kann sich noch immer nicht vorstellen, eines Tages eine selbstbewusste junge Frau zu sein:

"Dafür bin ich viel zu unperfekt. Das Leben wird immer dieses Spinnennetz sein. Und ich immer die Fliege, die sich darin verfängt."


Hinweis: Die Namen der Kinder wurden von der Redaktion geändert.


Weiterführende Links zum Thema:

Hilfe für Jugendliche: Anonyme Telefonseelsorge

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKE Hamburg

Kinder- und Jugendpsychosomatik im Altonaer Kinderkrankenhaus, Hamburg


Die Reportage ist Teil einer Bachelor-Arbeit am Institut für Journalistik in Dortmund.

Redaktionelle Betreuung: Carola Padtberg-Kruse und Jule Lutteroth

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