SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

30. Januar 2008, 21:52 Uhr

Campus Rütli

Vom Schandfleck zur Vollversorgungsschule

Von

Sie ist das Symbol einer gescheiterten Schule. Doch jetzt soll rund um die Berliner Rütli-Schule ein ganzes Dorf von Kitas, Jugendclubs und Freizeiteinrichtungen entstehen. Das Ziel? Rundumbetreuung von morgens bis abends, vom ersten bis zum 20. Lebensjahr.

Eine nagelneue Kletterwand mit grünen, gelben und blauen Griffen ragt an der Westseite der trist-beigefarbenen Turnhalle der Rütli-Schule empor. Anderswo im Schulgebäude fehlen schon mal Tapetenstücke und der Parkettboden sieht abgelatscht aus. Aber hier, in dieser einen Ecke, sieht man, dass sich etwas ändert. Kommunalpolitiker und Pädagogen haben noch viel vor mit der Schule in Berlin-Neukölln, die als Sinnbild einer außer Kontrolle geratenen Parallelweilt zu zweifelhaftem Ruhm kam.

So bunt wie die Klettergriffe an der Wand ist das Logo des Modellprojekts Campus Rütli. Es schmückt die drei Fahnen, die der Berliner Schulsenator Jürgen Zöllner, der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) und Schirmherrin Christina Rau, Witwe des verstorbenen Bundespräsidenten Johannes Rau, gemeinsam auf dem Schulhof hissen.

Der symbolische Akt für die versammelten Journalisten wird vom Johlen und dem Applaus einiger Schüler begleitet, die sich im dritten Stock an den offenen Fenstern drängen. Es soll der Startschuss sein für ein bundesweit einmaliges Projekt: "Campus Rütli" ist die ambitionierte Neuorganisation eines ganzen Straßenzuges. Hier sollen Jugendliche künftig von der Geburt bis etwa zum 20. Lebensjahr umfangreich betreut werden, eine Art Exzellenzinitiative für Problemkinder.

Blühende Landschaften in Neukölln

Herzstück des Campus soll mit Beginn des kommenden Schuljahres eine Gemeinschaftsschule sein, die aus der Rütli-, der Heinrich-Heine-Schule und der Franz-Schubert-Grundschule hervorgehen wird. Der Plan sieht vor, ein hochwertiges Bildungsangebot aus einer Hand von der Grund- bis zur Oberschule bereitzustellen.

Durch eine Zusammenarbeit mit dem Albert-Schweitzer-Gymnasium besteht zudem die Möglichkeit, die Schüler bis zum Abitur zu leiten. Auf den insgesamt 41.000 Quadratmetern des Campus Rütli sollen außerdem Kitas, Werkstätten, eine Mensa, ein Gesundheitsdienst, ein Jugendclub sowie Sport- und Freizeitflächen entstehen.

Mit Beratungsangeboten für Schüler und Eltern, sowie einer geplanten Volkshochschule sollen auch Erwachsene stärker ins Zusammenleben im Viertel integriert werden. "Entscheidend sind nicht die neuen Gebäude, die neue Mensa, die neue Sporthalle -entscheidend für das Projekt Campus Rütli ist die veränderte Philosophie im Kiez: wie wir künftig miteinander leben und arbeiten wollen", sagt Bürgermeister Buschkowsky. Campus Rütli sei ein Versuch, bestimmte Gebiete durch die Bündelung aller Sozial- und Bildungskompetenzen zu verändern, "quasi in das Rad der sich scheinbar naturgesetzlich ständig selbst erneuernden Unterschicht einzugreifen". So könne das Projekt dazu beitragen, die Wahrnehmung Neuköllns vom reinen Problemgebiet zu einem heterogenen Modellbezirk positiv zu verändern.

"Man kennt ja die Zuständigkeiten für manche Jugendliche", sagt Christina Rau. "Morgens ist das die Schule, nachmittags das Jugendzentrum, abends die Polizei." Damit das nicht passiert, gibt es jetzt den Campus Rütli, von 6 bis 21 Uhr ständige Betreuung für Kinder und Jugendliche. Sie sollen hier lernen, dass es keine vergebliche Mühe ist, sich in der Schule anzustrengen, dass sie durch eigene Leistung etwas bewegen können.

"Ein gewisser Symbolcharakter"

In der Perspektivlosigkeit vieler Schüler und den geringen Chancen auf einen Ausbildungsplatz sehen Pädagogen eine der Hauptursachen für die katastrophalen Zustände an mancher deutschen Hauptschule.

Im Frühjahr 2006 hatten Lehrer der Rütli-Schule einen verzweifelten SOS-Brief verfasst, weil sie an den disziplinlosen und häufig gewalttätigen Teenagern verzweifelten. Die darauf folgenden Medienberichte machten die Rütli-Schule zum Symbol für das Scheitern der Institution Hauptschule. Gleichzeitig machten sie deutlich, wie schwierig Integrationsbemühungen an einer Schule mit 80 Prozent Migrantenkindern mitten in Neukölln sein können.

"Natürlich spielt es für Campus Rütli eine Rolle, dass die Schule einen gewissen Symbolcharakter hat", sagt Jürgen Zöllner. Durch die regen Diskussionen sei erst eine Sensibilität dafür entstanden, "dass es ein Problem gibt, das nur durch eine neue Dimension der Zusammenarbeit gelöst werden kann."

Es seien bereits 500.000 Euro zur Sanierung des Schulgeländes bewilligt worden, finanzielle Unterstützung kommt außerdem von der Senatsverwaltung und aus Mitteln des Stadtentwicklungsprogrammen. Konkrete Summen wollte Zöllner nicht nennen.

Trotz der zweifelhaften Berühmtheit der Rütli-Schule sei es auch wichtig, andere Schulen in Berlin nicht zu benachteiligen. "Das Schlimmste wäre, wenn Neidgefühle aufkommen innerhalb der Stadt", sagte Zöllner.

Auf dem Schulhof wehen die Fahnen für eine bessere Zukunft, draußen vor dem Eisentor der Schule stehen zwei kräftige Sicherheitsmänner in dunkelblauen Anzügen. Sie verhandeln mit Jugendlichen, die eindeutig zu alt aussehen, um Rütli-Schüler sein zu können. Einer der Wächter diskutiert mit einem etwa 18-jährigen Jungen, hält ihn vorne am Kapuzenpulli fest; lächelt, aber ohne ihn anzusehen. Man kennt sich in der Rütlistraße.

Wenn alles glatt geht mit den ganzen Neubau-Ideen für den Campus Rütli, sollen in zwei, drei Jahren keine Wachleute mehr nötig sein. Noch steht am Eingang der Straße eine rot-weiße Schranke - die kann man runterlassen, wenn es mal sein muss.

Mit Material von ddp

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung