Neue Studie zu Bildungsgerechtigkeit Falscher Wohnort? Pech gehabt!

Deutsche Schulen bemühen sich um bessere Chancen für alle Kinder - doch das klappt laut einer Studie nicht in allen Bundesländern. Bei den Fähigkeiten der Schüler betragen die regionalen Unterschiede bis zu drei Jahre.

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Die Erkenntnisse sind einerseits gut - und andererseits ziemlich beunruhigend. "Seit der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 geht es mit Deutschlands Schulen voran. Die Leistungen haben sich verbessert, weniger Schüler bleiben ohne Abschluss", schreiben die Autoren der Studie "Chancenspiegel 2017". Sie wurde am Mittwoch von Bildungsforschern der Universitäten Dortmund und Jena sowie der Bertelsmann-Stiftung veröffentlicht.

Die Autoren stellen aber auch fest, dass die soziale Herkunft der Schüler die Chancen auf eine gute Bildungskarriere nach wie vor massiv beeinflussen. Und dass die gute Entwicklung in den einzelnen Bundesländern "sehr unterschiedlich" verlaufe. Mit anderen Worten: Wer im falschen Land wohnt, hat in Sachen Bildung von vorneherein schlechtere Startchancen.

Für den Chancenspiegel wurden Schulstatistiken der Bundesländer sowie Leistungsstudien aus den Jahren 2002 bis 2014 ausgewertet und langfristige Trends untersucht. Dafür haben die Forscher vier Kategorien gebildet: Integrationskraft, Durchlässigkeit, Kompetenzförderung und Zertifikatsvergabe.

Alle Bundesländer, so die Autoren, hätten die Schulen "insgesamt leistungsstärker und chancengerechter gemacht" - aber eben auf sehr unterschiedlichem Niveau und mit verschiedenen Schwachstellen.

  • Inklusion: Der Anteil der Förderschüler, die in reguläre Klassen gehen, stieg von 12,5 Prozent (2002) auf rund ein Drittel (2014). "Bei zunehmender Vielfalt in den Klassenzimmern gibt es in allen Bundesländern Verbesserungen. Das ist ein Verdienst von Politik und Lehrern", lobt Jörg Dräger von der Bertelsmann Stiftung.
  • Schulabbrecher: Der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss sank von 9,2 Prozent (2002) auf 5,8 Prozent (2014). Doch die Entwicklung driftet seit 2011 auseinander: Trotz des rückläufigen Gesamttrends ist das Risiko für ausländische Schüler, keinen Abschluss zu machen, seither wieder gestiegen - 12,9 Prozent brechen die Schule endgültig ab. Das sei "ein Warnsignal", sagen die Forscher. Und verweisen auf massive Differenzen zwischen den Ländern: "In Brandenburg bleiben nur knapp 4 Prozent der ausländischen Schüler ohne Abschluss, in Sachsen hingegen 27 Prozent."
  • Bundesländervergleich: "Die generellen Verbesserungen hinsichtlich der Chancengerechtigkeit dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es große Unterschiede zwischen den Ländern gibt und diese seit 2002 noch gewachsen sind", sagt Bildungsforscher Wilfried Bos von der TU Dortmund. So schwanke der Anteil der Ganztagsschüler zwischen 15 Prozent in Bayern und 80 Prozent in Sachsen. Sein Kollege Nils Berkemeyer von der Friedrich-Schiller-Universität Jena kritisiert, dass bei den Kompetenzen in Lesen und Mathematik "in der neunten Klasse ein Unterschied von mehr als drei Lernjahren zwischen Sachsen und Bremen besteht." Das sei nicht hinzunehmen, ein öffentliches Schulsystem müsse für vergleichbare Chancen für alle Schüler sorgen. Eine Länderübersicht, die der Studie entnommen ist, sehen Sie hier:
Schülerkompetenzen im Ländervergleich

Lesen:

BertelsmannStiftung

Mathe:

BertelsmannStiftung
BertelsmannStiftung

Für den Ländervergleich haben die Autoren des Chancenspiegels verschiedene Studien zu Lese- und Mathematik-Kompetenzen ausgewertet. Dabei zeigt die Farbe Grün, dass das jeweilige Bundesland zur Spitzengruppe gehört, Orange steht für die Schlusslichter. Ein Land mit besonders vielen grünen Feldern in einem Kompetenzbereich schneidet also besonders gut ab.

Diese Studien wurden für den Chancenspiegel herangezogen: Nationale Ergänzungsstudien zu Pisa (PISA-E) der Jahre 2000, 2003 und 2006; die Ländervergleiche von 2011 und 2012 des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB); für die Sekundarstufe I die IGLU-E-Studie, die die Kultusministerkonferenz in Auftrag gibt.


Von vergleichbaren Chancen sind die Schulen noch weit entfernt - nicht nur mit Blick auf die Bundesländer, sondern auch, wenn man die Herkunft der Schüler betrachtet. So liegen Neuntklässler aus sozial eher schwächeren Familien mit ihrer Lesekompetenz im bundesweiten Schnitt mehr als zwei Schuljahre hinter ihren Altersgenossen aus privilegierten Milieus zurück.

Immer weniger Jugendliche verlassen die Schule ohne Hauptschulabschluss
BertelsmannStiftung

Immer weniger Jugendliche verlassen die Schule ohne Hauptschulabschluss

Um die Unterschiede zwischen Ländern und Schülergruppen zu verkleinern, fordern die Bildungsexperten den Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Ganztagsschule, "damit der Reformeifer nicht erlahmt". Denn eine weitere Gefahr liegt im Tempo der Schulreformen: Geht der Ausbau der Ganztagsangebote weiter wie bisher, dauere es "noch mindestens drei Jahrzehnte, bis alle Kinder in Deutschland einen Ganztagsschulplatz erhalten".

Anteil der Abiturienten im Zeitverlauf. Grün ist die Gruppe der bestplatzierten Länder, blau das Mittelfeld, orange die schlechtplatzierten Länder
BertelsmannStiftung

Anteil der Abiturienten im Zeitverlauf. Grün ist die Gruppe der bestplatzierten Länder, blau das Mittelfeld, orange die schlechtplatzierten Länder



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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citizen01 01.03.2017
1. Der Autor geht fahrlässig mit den Attributen um. Kinder, die nicht aus dem sozial schwächeren Bereich kommen ...
... befinden sich gleich im privilegierten Milieu? Aha. Könnte man als unzureichendes Deutsch- und Differenzierungsvermögen einordnen. Dafür spricht auch die beliebte Vertauschung von statistischen und ursächlichen Zusammenhängen. Wichtiges Thema behandelt, leider mit politischer Brille.
fudiröller 01.03.2017
2. Glückwunsch
nach Baden-Württemberg. Dort haben es die Grünen und Roten in kürzester Zeit geschafft das Land von gut auf Mittelmass zu bringen. Bei der nächsten Studie darf man dann mit roten Ergebnissen rechnen. Apropos rot, diese Farbe zeigt eine auffällige Korrelation von Landesregierung und Bildungsergebnissen... nicht zu vergessen Finanzlage, aber die war ja heute mal nicht das Thema. Hauptsache am Ende sind alle gleich. Gleich dumm und gleich arm.
ollowain13 01.03.2017
3. Was heißt da
Es wird beklagt, es bestehe die Gefahr, dass es noch bis zu 3 Jahrzehnten dauern könnte, bis es für jedes Kind einen Ganztagsschulplatz gibt. Wieso ist das eine Gefahr? Es braucht schlicht und ergreifend nicht jedes Kind einen Ganztagsschulplatz. Es wollen auch nicht alle Eltern ihre Kinder von 8 bis 17.00 Uhr beim Staat abgeben. Es gibt schon noch Eltern, die sich tatsächlich auch ein bisschen Zeit für ihre Kinder nehmen, sie selbst miterziehen wollen und vor allem auch ihren Kindern zutrauen, eventuelle Freizeit selbst sinnvoll zu nutzen. Die Kehrseite einer Bereitstellung von Ganztagsschulplätzen für jedes einzelne Kind wäre nämlich, dass damit automatisch eine Ganztagspflicht für alle einherginge, weil die Länder unmöglich gleich 2 Varianten für alle Kinder bereitstellen können. Das wären doppelte Kosten in sehr großem Umfang. Würden die Länder auf ein Ganztagsangebot für alle Schüler verpflichtet, hätten sie deshalb keine andere Wahl, als NUR noch Ganztagsschulen anzubieten. Da bei uns Schulpflicht herrscht, müssten dann alle Eltern ihre Kinder ganztags zur staatlichen Verwaltung abgeben. Damit wird das Erziehungsrecht der Eltern ziemlich effektiv ausgehebelt und außerdem haben Eltern und Kinder nicht mehr die Entscheidungshoheit darüber, ob und welche Freizeitinteressen ein Kind pflegt. Das Kind wäre ja zwangsweise in der Schule. Sicher kann eine Schule ein paar Angebote machen - aber sie kann niemals alle Bereiche abdecken, denn auch dazu bräuchte es Personal, das nunmal nicht da ist und auch nicht zur Befriedigung der Wünsche einzelner Kinder/Eltern zusätzlich engagiert werden kann, denn... es kostet halt Geld. Ergo müssten Eltern und Kinder sich mit dem Angebot zufrieden geben, das die Schule bereitstellen kann. Nur mal zwei plakative Beispiele: Fussball: Geht - in großen Gruppen, aber das kann ein Sportlehrer anbieten. Klavier? Vergiss es, denn in der ganzen Schule gibt es maximal 3 Instrumente. Wann soll der Schüler denn üben können? Und vor allem, wer darf es denn lernen, wenn es mehr Interessenten gibt als Instrumente frei sind? Fazit: Ein Ganztagsangebot für alle wäre zwangsweise ein Ganztagszwang für alle - und würde damit zwangsweise zur kulturellen Verarmung führen. Angesichts der Stossrichtung unserer Bildungspolitik bin ich heilfroh, keine Kinder zu haben. Dieser ideologisch gefärbte Unfug ist ein Verbrechen an den Kindern! Nebenbei: Vielen Dank an meine Eltern, die sich noch selbst um mich gekümmert haben und mich entsprechend meinen Begabungen gefördert haben. Das kriegt die heutige Elterngeneration entweder nicht hin, oder sie will es auch gar nicht erst versuchen, weil sie schon grundsätzlich mit dem Anspruch an den Staat herantritt, dass der sich gefälligst um die Kinder zu kümmern hätte. Was für ein Armutszeugnis!
skeptikerin007 01.03.2017
4. Interessant
Bayern wurde kritisiert wegen der fehlenden Ganztagsschulen, Hamburg gelobt, über 80 %Ganztagsschulen. Bayern hat durchgehend grüne Balken , Hamburg rot. Wie ist das möglich? Oder sind die Ganztagsschulen doch nicht Garanten , wie die Linken , SPD, Grünen uns eintrichtern?
Nordstadtbewohner 01.03.2017
5.
"Schulabbrecher: Der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss sank von 9,2 Prozent (2002) auf 5,8 Prozent (2014)." Das ist ein Pyrrhussieg, denn die Senkung der Zahl der Schulabgänger ohne Schulabschluss wurde nur mit der Abwertung des Hauptschulabschlusses erreicht. Denn als Konsequenz dessen verlangen viele Ausbildungsunternehmen einen Realschulabschluss. Darüber gab es auch mal vor einiger Zeit eine Sendung auf Spiegel.tv Die Hauptschüler bleiben bei einer solchen Entwicklung auf der Strecke. Ich kann allen Eltern nur empfehlen, sich gerade in den Fächern Deutsch, Mathe und Englisch bei den eigenen Kindern einzubringen, denn, die Schulen sind nicht mehr wirklich in der Lage, das Notwendige zu vermitteln. Angebote von Schulen in freier Trägerschaft mit Schuldgeld sind eine weitere hilfreiche Alternative.
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