Chancengleichheit in Deutschland Studie entlarvt Versagen des Bildungssystems

Das deutsche Bildungssystem scheitert, benachteiligte Kinder bekommen viel zu wenig Hilfe. Eine neue Studie zeigt: Die Schulpolitik ist in fast allen Bundesländern gleich schlecht - mit einer Ausnahme in Ostdeutschland.

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Schulunterricht: Fairness und Chancengleichheit - Fehlanzeige, zeigt eine Studie
Corbis

Schulunterricht: Fairness und Chancengleichheit - Fehlanzeige, zeigt eine Studie


Mit Pisa fing alles an: 2001 erschrak Deutschland über den Zustand seines Schulsystems. Seither ist Pisa Ausgangspunkt und Maßstab zugleich - für Bildungspolitiker wie Bildungsforscher. Man kann die Entwicklung des Bildungssystems seither als Erfolg lesen: Es gibt immer weniger Jugendliche ohne Schulabschluss, der Anteil der Abiturienten pro Jahrgang steigt, und die deutschen Schüler schneiden bei internationalen Leistungsvergleichen zunehmend besser ab.

So beschreibt es auch der neue Chancenspiegel, den die Bertelsmann-Stiftung von Schulforschern der Unis Dortmund und Jena hat erstellen lassen; am Donnerstag wurde er veröffentlicht. Doch die Studie, die mittlerweile zum dritten Mal vorgelegt wird, zeigt auch etwas anderes: Wer aus einem benachteiligten Umfeld kommt, braucht in deutschen Klassenzimmern nicht auf Fairness und Chancengerechtigkeit zu hoffen. "Der Bildungserfolg, gemessen in Kompetenzen von Neuntklässlern in Mathematik, bleibt weiterhin stark von der sozialen Herkunft abhängig", schreiben die Forscher, "es gelingt Schulen in Deutschland also immer noch zu wenig, die herkunftsbedingten Benachteiligungen ihrer Schüler auszugleichen."

Leistungsunterschiede von zwei Schuljahren

Mit anderen Worten: Wer aus wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen stammt, vielleicht noch einen Migrationshintergrund mitbringt und nicht auf das akademische Bildungserbe seiner Eltern und Großeltern zurückgreifen kann, hat ungleich schlechtere Chancen auf einen höheren Bildungsabschluss. Die mangelnde Chancengerechtigkeit, sagen die Forscher, bleibe "die größte Baustelle", auch wenn es langsame - sehr langsame - Fortschritte gebe: "Neuntklässler aus höheren Sozialschichten haben in Mathematik bis zu zwei Jahre Vorsprung vor ihren Klassenkameraden aus bildungsferneren Familien." Unterschiede, die sich nicht mehr allein mit unterschiedlichen Schulsystemen in den Bundesländern erklären lassen.

Der Statusbericht zur Chancengleichheit vergleicht die Durchlässigkeit der Schulsysteme, die Entwicklungs- und Integrationsmöglichkeiten für Schüler und ihre Chance, einen guten Abschluss zu erhalten. Dabei spielen auch Unterschiede zwischen den Bundesländern eine Rolle, aber: "Kein Land ist in allen Bereichen Spitze oder Schlusslicht."

Einige Teilergebnisse:

  • Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern gehören bei den Kriterien "Durchlässigkeit" und "Kompetenzförderung" zur Spitzengruppe - und sind neben Hamburg die einzigen Bundesländer, die es überhaupt schaffen, in zwei der vier bewerteten Bereiche ganz oben mit dabei zu sein.
  • Bezogen auf alle vier bewerteten Felder im Bereich der Bildungsgerechtigkeit kommt Thüringen auf die höchste Wertung aller Bundesländer.
  • Bei der Integrationskraft erreichen Berlin und Bremen gute Werte, schwächeln dafür aber bei den anderen Kriterien.
  • Bayern punktet im Bereich der Kompetenzförderung, zeigt sich aber in den Feldern Durchlässigkeit und Integrationskraft deutlich restriktiver.
  • Völlig ausgeglichen präsentieren sich Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz: Sie erreichen jeweils bei allen vier Kriterien einen Mittelfeldplatz.
  • Eine klare Ost-West-Trennung gibt es bei der Zertifikatsvergabe, also der Chance auf einen guten Abschluss: Alle ostdeutschen Bundesländer gehören hier zur Schlussgruppe, während Baden-Württemberg, Hamburg, NRW und das Saarland die Spitzenreiter sind.



Überrascht zeigen sich die Autoren davon, wie stark sogar innerhalb der Bundesländer die Chancengerechtigkeit schwankt - dieser Aspekt wurde im aktuellen Chancenspiegel erstmals untersucht.

So verlassen etwa in Bayern nur 4,9 Prozent eines Jahrgangs die Schule ohne Abschluss, im Bundesdurchschnitt sind es sechs Prozent. Beim Blick auf die Kreise und Städte des Freistaats entdeckten die Forscher allerdings, dass der Wert zwischen 0,7 und 12,3 Prozent schwankt - eine enorme Breite, die wesentlich vom Schulangebot vor Ort abhängt.

Einen vergleichbaren Effekt fanden die Forscher in Sachsen bezogen auf Schüler mit Abitur oder Fachabitur: 44,7 Prozent schaffen landesweit diese Abschlüsse - aber je nach Wohnort sind es mal 32 Prozent, mal 63 Prozent. "Eine stärkere Unterstützung der regionalen Schulentwicklung durch die Länder" fordert Schulforscher Wilfried Bos von der TU Dortmund deshalb: Nur so könne der Bildungserfolg vor Ort von eventuellen Finanzproblemen der Kommune entkoppelt werden.

Nachholbedarf sehen die Schulforscher auch beim Thema Ganztagsangebote. Zwar stieg die Zahl der Schüler an Ganztagsschulen von 2011 (30,6 Prozent) bis 2012 auf 32,3 Prozent, doch "der insgesamt langsame Ausbau deckt bei Weitem nicht die Nachfrage der Eltern", heißt es in der Studie. Und im gebundenen Ganztag mit verpflichtendem Nachmittagsunterricht für alle werden bisher gerade mal 14,4 Prozent der Schüler unterrichtet - genau diese Schulform sei aber diejenige mit den größten Chancen für Bildungsgerechtigkeit. "Ein Rechtsanspruch wäre der entscheidende Hebel, damit genügend Ganztagsschulen eingerichtet und bessere Konzepte entwickelt werden", fordert Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.

Die Vorstellung ihrer Ergebnisse verbanden die Bildungsforscher auch mit der Aufforderung an die Politik, mehr Daten zum Thema Bildung zu erheben. "Wenn es uns wirklich wichtig ist, die Gerechtigkeit der Schulsysteme über größere Zeiträume hinweg untersuchen und einschätzen zu können, müssen verlässlichere und aussagekräftigere Daten bereitgestellt werden", sagte Nils Berkemeyer, Schulforscher an der Universität Jena.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 211 Beiträge
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nullneunelf 11.12.2014
1. Gespannt
darf man sein, ob irgendein Schlaumeier auch mal darauf kommt, dass die Wertigkeit nötigen Schulbesuchs, die in den Familien vermittelt wird, eine entscheidende Rolle spielt. Vermutlich ist Wegducken hinter irgendeiner anonymen "Politik" einfacher, zutreffender wird die ewig gleiche Leier dadurch allerdings nicht. Eine familiäre Erziehung mit PlayStation, Dauer-RTL und Dreijährigenwortschatz wird in keiner Schule dieser Welt kompensiert. Das ist und war auch nie Aufgabe von Schulen. Aber Hauptsache, von "benachteiligt" faseln, das zieht immer-und bequemerweise liegt immer alles an anderen.
wiesnase111 11.12.2014
2. Schulpolitik
wie lange sollen wir das noch lesen und hoeren?Wann will man endlich mal anfangen das zu aendern? Seit Jahren lese und hoere ich das nun,es langweilt. Eine Schande fuer unser Land ist diese Schulpolitik.Es wird sich auch jetzt wieder nichts aendern.
lofeu 11.12.2014
3. Erzwungener Ganztagesunterricht
ist nicht die Lösung des Problems der Bildungsgerechtigkeit. Ich habe sechs Jahre an einer Gesamtschule in gebundener Ganztagesform gearbeitet, an der prozentual viele Schüler mit bildungsfernem heimischem Umfeld und Migrationshintergrund unterrichtet wurden. Alle Versuche hier mehr Integration Bildungsgerechtigkeit zu erreichen sind kläglich gescheitert, und das ebensowenig am Engagement der vielen idealistischen Lehrer als an den Bedenkenträgern sondern vielmehr an den verkorksten Lebensbedingungen dieser Kinder zu Hause. Anstatt an den Schulen herumzudoktorn sollte vielmehr die frühkindliche Förderung verbessert werden, da in den Schulen das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Die deutsche Sprache zu sprechen und zu verstehen ist der Schlüssel der Integration und damit der Bildungsgerechtigkeit. Sprachen erlernen Kinder am schnellsten im frühkindlichen Alter. Gerade Kinder aus bildungsfernem Haushalten oder mit Migrationshintergrund gehen nicht in die Kindergärten, weil die Geld kosten. In der Grundschule sind sie dann plötzlich mit einer Sprache konfrontiert, die sie nicht verstehen, weil zu Hause kein Deutsch gesprochen wird und im Fernsehen auch nur die Sender des Heimatlands die Kinder berieselnd. Bei den bildungsfernen Deutschen wird immerhin RTL II- Deutsch gesprochen, dass das nicht ausreicht, ist aber auch eine nicht zu bestreitende Tatsache. Das Problem ist, dass eine Kindergartenpflicht ist jedoch nicht kostenneutral zu machen, sparen lässt sich erst recht nichts dabei, also wird es sie nicht geben. Damit wird auch die Sprachförderung und der Schlüssel zur Bildungsgerechtigkeit weiter nicht zur Verfügung stehen, sodass Bildungsforscher weiter ihr Mantra des Versagens der deutschen Bildungssysteme vor sich her tragen können wir eine Monstranz.
triplem77 11.12.2014
4. Ergänzung
Chancengleichheit ist in der Konsequenz ohne Zweifel auch wesentlich von der Ausprägung der geistigen Anlagen abhängig. ....das wird bei solchen Studien offenbar nie mit eingerechnet. ....es wird immer so getan, als hätte jeder Mensch die gleichen Möglichkeiten sofern gewisse Rahmenbedingungen stimmen....damit wird schlicht immer die Realität ignoriert, dass Intelligenz nunmal ungleich verteilt ist und es somit ausgeschlossen ist, dass alle die gleichen Chancen haben.....
shopkeeper 11.12.2014
5. Das ist doch nicht neu!
Ich selbst entstamme einer sogenannten bildungsfernen Schicht. Mutter Flüchtling, Vater Halbwaise, die junge Nachkriegsgeneration. Was mich zu einem Universitätsabschluss gebracht hat waren die WERTE, die mir beide vermittelt haben. Anstand, Fleiß, Bescheidenheit, ich konnte das nur halb so gut wie die beiden. Harte Arbeit, nicht Rumjammern, stolz sein, wenn man es ohne Hilfe des Sozialstaates schaffte und Freude daran haben, was man tut. Nicht fragen, was andere für einen tun können, sondern etwas für andere tun. Den Rest habe ich in der Schule gelernt .... Mathe ist ein Klacks im Vergleich zum Charakter, den man braucht. Vorbilder dafür heute? Ehrlich? Mir wird übel.
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