Krawalle in Chemnitz Kommt politische Bildung an Sachsens Schulen zu kurz?

Nach den rechten Aufmärschen in Chemnitz stellt sich die Frage, ob sächsische Schulen den Kindern die Demokratie ausreichend nahebringen. Zwei Lehrer berichten, wie schwierig das ist.

Kinder im Unterricht (Symbolbild)
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Kinder im Unterricht (Symbolbild)

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Das Fach, in dem Schülern politische Bildung vermittelt werden soll, heißt fast in jedem Bundesland anders. Baden-Württemberger nennen es "Gemeinschaftskunde", in Sachsen-Anhalt heißt es "Sozialkunde" und in Sachsen trägt es den Namen "Gemeinschaftskunde/ Rechtserziehung/ Wirtschaft".

Nach den Krawallen in Chemnitz, bei denen Rechte gegen Mitbürger mit ausländischem Aussehen hetzten, rückt dieses Fach verstärkt ins öffentliche Interesse. Ist in sächsischen Schulen ein "Vakuum" in der politischen Bildung entstanden?

Sächsische Lehrpläne sehen für politische Bildung, verglichen mit den Lehrplänen anderer Bundesländer, tatsächlich eher wenige Unterrichtsstunden vor. Zu diesem Ergebnis kamen Bielefelder Forscher Anfang des Jahres in einer groß angelegten Studie.

Aber selbstverständlich können Lehrer auch in anderen Unterrichtsfächern politische Themen ansprechen. Tun sie das auch - trotz straffer Lehrpläne und Personalmangel? Das lässt sich kaum seriös auswerten.

Zudem stellt sich die Frage, wie viel politische Aufklärung im Unterricht überhaupt bewirken kann. "Schule ist kein Reparaturbetrieb der Gesellschaft", teilt der Sächsische Lehrerverband mit. Es sei teilweise erschreckend, welche Ansichten Schülerinnen und Schüler von zu Hause mitbrächten, sagt dessen stellvertretender Vorsitzender Michael Jung, der selbst Gemeinschaftskunde unterrichtet. "Wir können sie nur zum Nachdenken anregen, aber nicht überzeugen."

Das bestätigt auch Axel Stumpf, Vorsitzender des Bezirksverbandes Chemnitz der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Sachsen. Er unterrichtet Deutsch und Englisch an einem Gymnasium in Brand-Erbisdorf, etwa 30 Kilometer von Chemnitz entfernt.

"Ich bin sicher, dass die meisten meiner Schüler genauso entsetzt sind über diese Gewaltausbrüche und diesen Hass auf Menschen anderer Herkunft wie ich", sagt er. "Aber ich weiß auch, dass einige aus Elternhäusern kommen, die einem eher blau-braun gefärbten Gedankengut anhängen. Immerhin ist die AfD in Sachsen sehr stark. Das ist leider die traurige Wahrheit."

Stimmenfang #63 - Rechte Krawalle in Chemnitz: Warum immer wieder Sachsen?

Stumpf sorgt sich, dass Schüler zu Mitläufern werden könnten. Er erlebe durchaus, dass manche eine grundsätzlich menschenverachtende Haltung gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe oder gegenüber Obdachlosen zeigten, sagt er. "Dazu kommt, dass sie Menschen nach Herkunft oder Rasse klassifizieren. Da ist dann abwertend die Rede von 'den Ausländern' oder 'den Flüchtlingen'."

Wenn er so etwas mitbekomme, halte er dagegen, sagt Stumpf. In der ersten Stunde nach den Vorfällen in Chemnitz trug er zwei Gedichte von Erich Fried vor:

Die Jungen werfen zum Spaß mit Steinen nach Fröschen.
Die Frösche sterben im Ernst.

Und:

Angeklagt der Unmenschlichkeit
behauptet der Nichtmehrmensch,
immer noch erst ein Nochnichtmensch zu sein.

"Ich habe keine Aufgabe dazu gestellt, die Schüler auch nicht zum Reden aufgefordert. Ich wollte ihnen Raum geben, einfach darüber nachzudenken, was diese Gedichte bedeuten, und deutlich machen: Hier in der Stadt passiert etwas, was absolut nicht in Ordnung ist", sagt Stumpf.

Lehrkräfte wie Stumpf müssen einen Balanceakt schaffen: Sie müssen neutral bleiben und dürfen Schülern keine Meinung aufdrängen. Gleichzeitig sind sie verpflichtet, für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einzutreten und Kinder im Geiste der Menschenwürde, Demokratie, Toleranz und Gleichberechtigung zu erziehen.

Es gibt bundesweit etliche Vereine, Netzwerke und Beratungsstellen, die Lehrer fortbilden und Schulen unterstützen, die sich mit Rassismus und Extremismus auseinandersetzen müssen.

Doch der Sächsische Lehrerverband räumt ein, dass solche Angebote selten wahrgenommen werden können. Die Schulen seien mit Themen wie Inklusion und Integration "bis oben zu", sagt Jung. Fortbildungen für Lehrer, die besser gegen rechtes Gedankengut argumentieren lernen wollen, seien da "schwierig zu installieren".

Und Deutschlehrer Stumpf weist auf ein anderes Problem hin: "Manche Kollegen sympathisieren selbst mit rechten Gesinnungen, das wird in einigen Gesprächen durchaus deutlich."

insgesamt 145 Beiträge
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Seite 1
donjoga 30.08.2018
1. Geschichte
Ich erinnere mich noch an meine Schulzeit von 1970 bis 1980 in der DDR. Witze mit rassischem, antisemitischen und diskriminierenden Hintergrund waren Gang und gäbe, trotz Gehirnwäsche des Lehrkörpers. Ich glaube, und das sehe ich auch an meiner 14jährigen Tochter, die in Bayern in die Schule geht, dass die Signale aus dem Elternhaus kommen müssen. Lehrer, die sich politisch neutral verhalten müssen, können kaum Heranwachsende beeinflussen . Leider höre ich immer wieder Von meiner Tochter, wie Mitschüler, die auch selbst teilweise einen Migrationshintergrund besitzen, über Ausländer herziehen.
fördeanwohner 30.08.2018
2. -
Es bedarf einer ganz bestimmten "Kultur des wertschätzenden Miteinanders" und gelebte Toleranz bei gleichzeitiger Durchsetzung von Maßnahmen gegen Verstöße. Das heißt, vermeintliche freie Meinungsäußerung muss genau beobachtet werden. Wenn SuS sich z.B. a la Sarrazin äußern, dann muss man das aufgreifen und darf es nicht "neutral" stehen lassen, weil es ja Meinung ist. Schule muss nicht immer "neutral" sein, sondern soll vermitteln zu hinterfragen. Wenn bereits das nicht passiert, dann kann jede/r denken, was er/sie will, ohne es mal zu reflektieren. Dass das kein Weg sein kann, sollten wir gerade in Deutschland nach zwei besonders wenig nachdenklichen Zeiten wissen.
manchmal_dafür 30.08.2018
3. Politik hat sich entfernt
Steht ja schon im Artikel: Der Herd für rechtes Gedankengut sitzt zu Hause. Was sollen Lehrer da bewirken? Ein Problem ist doch auch, dass sich die Politik vom Bürger entfernt hat. Machtgeile Politiker, die Politik in erster Linie für Lobbyisten machen und sich nur von einer Legislaturperiode zu nächsten hangeln, haben dazu beigetragen, einen Verdruss zu schaffen, den Rechte jetzt ausfüllen. Nicht dass diese besser oder weniger auf den eigenen Vorteil bedacht wären-Gott bewahre- aber sie schaffen anscheinend ein Feindbild was es bequem macht, seinem Ärger Luft zu machen. Was man dagegen tun kann? Ich habe leider keine Ahnung!
mronkey 30.08.2018
4. Demokratie lernen im undemokratischen System Schule
Schülerinnen und Schüler sollen in der Schule zu demokratischen und mündigen Bürgerinnen und Bürgern werden. Natürlich ist hier die Basis der elterlichen Erziehung wichtig, doch erst in der Schule kann man lernen, mit vielen anderen fremden Menschen einigermaßen gut zurechtzukommen. Leider aber ist unser Schulsystem in großen Teilen immer noch im vorletzten Jahrhundert stecken geblieben. Warum sonst fällt vielen der Gedanke der Inklusion so schwer? Schule ist immer noch ein Ort, in dem eine weitgehend autoritär auftretende Lehrkraft fremdbestimmte Inhalte den Lernenden aufzwingt. Wie aber soll in so einem System eine demokratische Grundhaltung entstehen? Die Schülerinnen und Schüler haben die kleinen geheuchelten Partizipationsangebote längst durchschaut und wissen, dass es am Ende um die Note geht und dass sie daher nach der Pfeife der Lehrkräfte tanzen müssen. Also: Um Demokratie zu vermitteln müssen die Kinder und Jugendlichen echte Demokratie erfahren! Und das bedeutet ein Ende der outputorientierten Lehrpläne, der krassen Hierarchien und zumindest eine starke Reform der Bewertungspraxis
jufo 30.08.2018
5. Das kann die Schule nicht retten
Schule kann nicht alle gesellschaftlichen Defizite ausbügeln. Die Gedichte finde ich gut, das zweite ziemlich anspruchsvoll.
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