Lehrer im Raum Chemnitz "Liebe Leute, macht euch nicht zum Schaf!"

Rassistische Angriffe, Gewaltausbrüche, Pöbeleien - nach den Vorfällen in Chemnitz macht sich ein Lehrer Sorgen um seine Schüler. Hier erzählt er, was ihn umtreibt - und welche Lösungen er sucht.

Demonstranten in Chemnitz
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Demonstranten in Chemnitz

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"Als ich meine Schüler nach den schrecklichen Vorfällen in Chemnitz das erste Mal wiedergesehen habe, wollte ich mein Entsetzen zum Ausdruck bringen und habe zwei Gedichte von Erich Fried gelesen. Das eine heißt 'Humorlos' und geht so:

Die Jungen werfen zum Spaß mit Steinen nach Fröschen.
Die Frösche sterben im Ernst.

Das andere heißt 'Rückwärtsgewandte Utopie':

Angeklagt der Unmenschlichkeit
behauptet der Nichtmehrmensch,
immer noch erst ein Nochnichtmensch zu sein.

Im Klassenzimmer war dann erstmal Stille. Die Texte haben schon Aufmerksamkeit erregt. Ich habe keine Aufgabe dazu gestellt, die Schüler auch nicht zum Reden aufgefordert. Ich wollte ihnen Raum geben, einfach darüber nachzudenken, was diese Gedichte bedeuten und deutlich machen: Hier in der Stadt passiert etwas, was absolut nicht in Ordnung ist. Für mich geht es hier um eine Frage von Menschlichkeit.

Auch Lehrer sympathisieren mit rechten Gesinnungen

In einigen Tagen werde ich vielleicht noch mal mit den Schülern über die Vorfälle sprechen. Aber ich brauche Zeit, um mich da etwas einzufühlen. So kurz danach hatte ich auch durchaus Bedenken, dem einen oder anderen könnte gefühlsmäßig etwas herausplatzen, was da nicht hingehört. Es kommt schon vor, dass Schüler eine grundsätzlich menschenverachtende Haltung zeigen, ohne jedes Mitgefühl für andere.

Das betrifft etwa Menschen mit einer anderen Hautfarbe oder auch Obdachlose. Dazu kommt, dass sie Menschen nach Herkunft oder Rasse klassifizieren. Da ist dann die Rede von 'den Ausländern' oder 'den Flüchtlingen', über die sich Schüler abwertend und diskriminierend äußern. Wenn ich so etwas mitbekomme, halte ich immer dagegen und sage: 'Liebe Leute, das ist nicht in Ordnung und unwissenschaftlich, von der Herkunft von Menschen bestimmte Eigenschaften abzuleiten.'

Ich finde es wichtig, Schüler dafür zu sensibilisieren, weiß aber, dass nicht alle Kollegen so reagieren. Meiner Meinung nach nehmen einige Lehrkräfte solche Äußerungen nicht ernst genug und ignorieren sie. Andere sympathisieren selbst mit rechten Gesinnungen, das wird in einigen Gesprächen durchaus deutlich.

Ich bin sicher, dass die meisten meiner Schüler genauso entsetzt sind über diese Gewaltausbrüche und diesen Hass auf Menschen anderer Herkunft wie ich. Aber ich weiß auch, dass einige aus Elternhäusern kommen, die einem eher blau-braun gefärbten Gedankengut anhängen. Immerhin ist die AfD in Sachsen sehr stark. Das ist leider die traurige Wahrheit.

Da ist eine Menge Schafherde dabei

Einige Kinder und Jugendliche werden von dem, was sie zu Hause und in der Gesellschaft insgesamt an rechten Parolen hören, beeinflusst. Andere treten bewusst in Kontrast dazu. Bei meinen Schülern habe ich noch nicht erlebt, dass sie offen rechte Meinungen äußern. Aber die kennen natürlich meine Haltung, und ich bin nicht sicher, ob alle immer ehrlich sind. Da bleibt einiges vielleicht verdeckt.

Ich habe aktuell keine Angst, dass sich meine Schüler in die Ausschreitungen in Chemnitz verwickeln lassen. Da liegen ja auch einige Kilometer Entfernung dazwischen. Aber ich sehe schon die Gefahr, dass es überall in der sächsischen Provinz das Potenzial gibt, dass Menschen anfällig für rechtes Gedankengut sind. Da reichen einige wenige Meinungsführer, an denen sich andere orientieren. Wenn ich daran denke, mache ich mir große Sorgen, dass Schüler zu Mitläufern werden könnten. Ich habe den Eindruck, dass auch bei den Vorfällen in Chemnitz eine ganze Menge Schafherde hinterherläuft.

Als Lehrer finde ich es deshalb sehr wichtig, meine Schüler zum 'Ich-Sein' zu ermutigen: Bildet euch eure eigene Meinung, lauft nicht anderen hinterher. Macht euch nicht zum Schaf. Im Deutschunterricht habe ich dabei nicht zuletzt mit entsprechender Lektüre viele Möglichkeiten, aber manches Mal scheitert man auch.

Wichtig ist mir als Lehrer, immer mit den Jugendlichen im Gespräch zu bleiben, sensibel mit ihnen umzugehen und zumindest deutlich zu machen: Gewalt ist keine Lösung, egal welche Meinung man sonst vertritt. Wenn sie wenigstens das annehmen, kann ich halbwegs zufrieden nach Hause gehen. Aber das Thema lässt sich nicht abschließen. Wir sind da als Lehrer künftig vielleicht noch mehr gefordert als bisher."

Axel Stumpf, Lehrer für Deutsch und Englisch am Bernhard-von-Cotta-Gymnasium in Brand-Erbisdorf im Landkreis Mittelsachsen, Vorsitzender des Bezirksverbandes Chemnitz der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Sachsen.

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