Christiane Stenger Die Tricks der Gedächtnisweltmeisterin

Sie denkt an betrunkene Bären oder Schafe, die vom Baum fallen - mit Gedächtnisstützen kann sich Christiane an alles erinnern, wenn sie will. Mit 16 machte sie Abitur und wurde sogar Gedächtnisweltmeisterin. Dabei hatte es zunächst in der Schule Fünfen gehagelt.

Von Sebastian Christ


Wenn sich Christiane Stenger eine Mathe-Formel merken will, dann denkt sie an einen kotzenden Bären. Klingt surreal? Ist es auch, aber es funktioniert. Die aus dem Mathe-Unterricht gefürchtete abc-Formel hört sich bei ihr folgendermaßen an:

"Im Zähler steht: 'Minus b'. Das kann man sich so merken, dass man sich einen Bären vorstellt. Und der läuft rückwärts", sagt sie. "Auf einmal fängt er an zu torkeln, läuft vor- und rückwärts: plus und minus. Er stolpert über eine Wurzel, ist total benebelt, sieht alles doppelt: b im Quadrat. Jetzt wird ihm total übel, er erbricht vier Ananas und Zitrusfrüchte, daraus wird 'Minus 4 ac'. Er teilt diese Masse - Bruchstrich - und findet noch einmal zwei Ananas, also '2a', alles klar?"

Christiane, 20, kommt aus Münchnen und ist mehrfache Juniorenweltmeisterin im Gedächtnissport. Das Erfinden von einprägsamen Geschichten wie die mit dem betrunkenen Bären ist eine ihrer Lernmethoden. So kann sie sich schnell selbst komplizierte und abstrakte Zusammenhänge merken, wie die abc-Formel. "Diese Techniken kann jeder lernen", sagt sie, "da geht es um Kreativität und Phantasie". Kaum einer beherrscht diese Methode wie sie.

"Ich war immer anders und wollte nie anders sein"

Christiane war nicht immer so erfolgreich: In der Grundschule langweilte Christiane sich, sie bildete sich immer wieder Krankheiten ein, um nicht zum Unterricht gehen zu müssen. Sie fühlte sich manchmal "gefangen", sagt sie, war unterfordert. Ein Arzt riet ihr dazu, einen Intelligenztest machen zu lassen. Das Ergebnis: Christiane hat einen IQ von 145, das ist extrem hoch, unter ein Prozent der Menschheit erreichen einen Wert in diesem Bereich. Ab einem Ergebnis von 130 erlassen einige deutsche Universitäten ihren Studenten die Studiengebühren.

Auf den Test folgte ein Gutachten, ein Psychologe empfahl ihr, eine Klasse zu überspringen. Dass sie "hochbegabt" sei, hört Christiane aber nicht gern: "Ich mag den Begriff in Bezug auf mich überhaupt nicht. Ich habe damit als Kind so viel Negatives verbunden", sagt sie. "Ich war immer anders und wollte nie anders sein. Mittlerweile mache ich mir nicht mehr so viele Gedanken darüber."

Auch das Gymnasium war für sie anfangs eine Enttäuschung. Schon nach ein, zwei Tagen kam sie nach Hause und beschwerte sich bei ihrer Mutter: "Da wird ja alles dauernd wiederholt." Ihre Neigung zur "Faulheit", wie sie selbst sagt, kam langsam durch. Ihr fehlte der Ansporn, die Inspiration. Christiane machte keine Schulaufgaben mehr. Die Vieren, Fünfen und Sechsen häuften sich, weil sie keine Lust auf Schule hatte.

"Christiane schätzt ihr Gedächtnis falsch ein"

Ihre Eltern hatten bereits nach dem IQ-Test Kontakt zu einem Verein aufgenommen, der hochintelligente Kinder fördert. Christiane wollte erst gar nicht an dem Programm teilnehmen, belegte dann aber doch einen Kurs.

Der Titel der Veranstaltung: "Gedächtnistraining und Naturphänomene". Leiter Gunther Karsten nahm Christiane zur deutschen Gedächtnismeisterschaft mit. Dort geht es unter anderem darum, sich Zahlenreihen und Kartenkombinationen zu merken. Während des Turniers, in dem sie an einigen Disziplinen außer Konkurrenz teilnahm, fiel sie dem Organisator der Gedächtnisweltmeisterschaft auf, das war ihr Einstieg in die Gedächtnissportszene.

In der Schule blieben die Probleme. Der Lateinlehrer schrieb ihr ins Abschlusszeugnis der sechsten Klasse: "Christiane Stenger schätzt ihr Gedächtnis falsch ein." Ein halbes Jahr später war ihre Versetzung stark gefährdet. Sie wechselte von einem humanistischen zu einem neusprachlichen Gymnasium. Auch dort fühlte sie sich nicht wohl. Ihre Eltern schickten sie schließlich auf das Internatsgymnasium Schloss Torgelow in Mecklenburg-Vorpommern, das ein spezielles Begabtenförderungsprogramm anbietet.

Dort besuchte Christiane die achte Klasse und durfte danach die neunte überspringen, weil sie einen Notendurchschnitt von 1,5 hatte. Die zehnte und elfte Klasse schaffte sie in einem Jahr. Kurz vor ihrem 16. Geburtstag legte sie ihre Abiturprüfungen ab, Durchschnittsnote: 1,9. Das war 2003 und Christiane damit eine der jüngsten Abiturientinnen Deutschlands.

Sie hat Bücher geschrieben, wird oft ins Fernsehen eingeladen

Schon während sie am Schloss Torgelow fürs Abitur lernte, nahm sie an Gedächtniswettbewerben teil - und gewann. Bis 2003 wurde sie mehrmals Juniorenweltmeisterin im Gedächtnissport. Aus der Leidenschaft für das Memorieren war schon früh eine berufliche Option geworden.

Christiane hat seit ihrem Abitur Dutzende Fernsehauftritte, sie ist eine der bekanntesten Gedächtnistrainerinnen Deutschlands. Sie hat zwei Bücher veröffentlicht, gleich das erste wurde ein Verkaufserfolg. "Warum fällt das Schaf vom Baum?" heißt es, sie hat es gleich nach dem Abitur geschrieben. "Das ging mir damals wirklich leicht von der Hand", sagt sie. "Ich beschreibe dort ja Techniken, die ich schon seit sechs oder sieben Jahren angewandt habe."

Sie moderiert heute Seminare, in denen die Teilnehmer ihre unkonventionellen Trainingsmethoden erlernen können. Für einen Videospielehersteller präsentiert sie ein neues Programm für "Gehirn-Jogging". Die meisten Menschen, die ihre Tricks lernen, wollen sich besser Namen und Gesichter merken können, sagt sie.

Mit 80, 90, 100 Jahren anfangen, das Gehirn zu trainieren

Hauptberuflich ist Christiane heute Studentin: Sie hat sich an der Hochschule für Politik in München eingeschrieben und arbeitet dort auf ihr Diplom hin. Ob sie als Gedächtnistrainerin arbeiten will? "Vielleicht. Ich kann mir schon vorstellen, den Leuten auch später noch zu zeigen, wie viel mehr in ihnen steckt", sagt sie. "Man kann auch noch mit 80, 90 oder 100 Jahren anfangen, sein Gedächtnis zu trainieren", sagt sie.

Aber selbst die Gedächtnisweltmeisterin kennt manchmal so etwas wie "Vergesslichkeit". In ihrer Internatszeit habe sie sehr häufig wichtige Dinge in ihrem Zimmer liegen lassen, besonders dann, wenn sie über die Ferien nach Hause gefahren ist: ihren Geldbeutel, das Handy-Ladegerät, sogar die Tickets für ihren Flug. Sie nennt das eher "Schusseligkeit". Sie sei einfach zu faul gewesen, sich an die Sachen zu erinnern. Mittlerweile merkt sie sich solche Dinge mit einer ganz eigenen Methode: Sie denkt sich Geschichten aus, in denen sie die wichtigen Gegenstände mit ihren Knien, Armen und anderen Körperteilen verbindet. Und die hat man ja immer dabei.



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