Interreligiöses Pfadfindercamp "Wo kommen die denn her, aus Muslimistan?"

Es gibt katholische und evangelische Pfadfinder - und solche, die an Allah glauben. Nun haben erstmals muslimische und christliche Pfadfinder gemeinsam gezeltet, eine Woche lang ohne Strom und fließend Wasser. Geschichte einer Annäherung.

Teilnehmer des ersten christlich-muslimischen Pfadfindercamps: Bei einem Spiel müssen die Kinder Fragen zu den Weltreligionen lösen
Theodor Barth/DER SPIEGEL

Teilnehmer des ersten christlich-muslimischen Pfadfindercamps: Bei einem Spiel müssen die Kinder Fragen zu den Weltreligionen lösen

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Als Matthias Butt inmitten der gerade aufgebauten Zelte die Eröffnungsrede hält, sagt er: "Ich freue mich außerordentlich, dass sich hier auf dem Zeltplatz 'Am Pfaffenwäldchen' zum ersten Mal Muslime und Deutsche zu einem Sommerlager treffen." Muslime und Deutsche? Dass er einen Fehler macht, merkt er nicht, obwohl einige Jugendliche lachen und einer dazwischenruft: "Wo kommen die denn her, die Muslime, aus Muslimistan?"

Hinterher ist dem schlanken Mann mit gestutztem Bart der Fauxpas peinlich. "Natürlich sind Muslime auch Deutsche", sagt er. "Aber so was passiert mir, wenn ich aufgeregt bin." Matthias Butt ist Pfadfinder, Bezirksvorsitzender der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg im Rhein-Erft-Kreis. Sein Geld verdient der 42-Jährige als Maskenbildner am Düsseldorfer Schauspielhaus.

Mit Pfadfindern aus seinem Kreis und dem Bund Moslemischer Pfadfinder und Pfadfinderinnen Deutschlands hat er das erste gemeinsame Zeltlager für Christen und Muslime organisiert, eine Woche unter freiem Himmel ohne Strom und fließend Wasser am Rande des Hunsrück.

Gummibärchen ohne Schweinegelatine

Es soll eine Annäherung werden. Jugendliche beider Religionen sollen erleben, wie die jeweils anderen beten und glauben. "Damit die Kinder in Zukunft nicht mehr die gleichen Fehler wie ich machen", fügt Butt hinzu. Jetzt hat er es geschafft, aus dem Versprecher ein Versprechen zu machen.

Deine Religion, meine Religion? Beim Spielewettbewerb spielt das keine Rolle
Theodor Barth/DER SPIEGEL

Deine Religion, meine Religion? Beim Spielewettbewerb spielt das keine Rolle

Junge Christen und Muslime sollen sich besser kennenlernen. Das ist das Ziel. Das Camp hoch über dem Rhein hinter dem mittelalterlichen Städtchen Rhens soll dafür einen Rahmen schaffen, außerhalb der Schule. Dass ausgerechnet die Pfadfinder sich darum bemühen, scheint nur auf den ersten Blick ungewöhnlich.

Mit etwa 40 Millionen Mitgliedern gehören die Pfadfinder zu den größten Jugendbewegungen weltweit. Obwohl es um Erlebnisse in der Natur geht, um Lagerfeuer und Nachtwanderungen, sind die meisten örtlichen Verbände konfessionell. In Deutschland gibt es katholische, evangelische, evangelikale und auch 150 muslimische Pfadfinder.

100 christliche Kinder und Jugendliche aus Neuss und Grevenbroich sind gekommen, 40 Muslime aus Hessen und Nordrhein-Westfalen.

Es war schon kompliziert, einen Termin zu finden, weil ein Teil der Sommerferien in den Fastenmonat Ramadan fiel - fasten und zelten, das wäre für die Kinder zu anstrengend geworden. Zudem mussten die Organisatoren über die Regeln im Camp verhandeln. Heraus kam ein Kompromiss: Die ganze Woche wird kein Schweinefleisch serviert, Gummibärchen müssen nach islamischen Regeln hergestellt sein, dürfen also keine Schweinegelatine enthalten.

Die Betreuer dürfen nur nach 22 Uhr Bier trinken, und auch das nur, wenn kein Kind sie dabei sehen kann. Dafür beten die Muslime statt fünfmal nur dreimal am Tag - damit das Tagesprogramm nicht so oft unterbrochen werden muss.

Frühstücksboxen beim Pfadfindertreffen: Das Essen muss natürlich halal sein, also den muslimischen Speiseregeln entsprechen
Theodor Barth/DER SPIEGEL

Frühstücksboxen beim Pfadfindertreffen: Das Essen muss natürlich halal sein, also den muslimischen Speiseregeln entsprechen

"Die können ja alle einwandfrei Deutsch"

Beim Mittagessen erzählt die Muslimin Dunja, neun Jahre alt, wie sie sich am vorigen Abend fühlte, als sie zur richtigen Pfadfinderin wurde. Bei Feuerschein und Trommelwirbel gelobte sie, sich an die Pfadfindergesetze zu halten, mit anderen und der Natur respektvoll umzugehen. Sie erzählt von ihrem Bauchkribbeln, weil man doch halten müsse, was man verspreche. Und dass sie auch gelobt habe, Gott zu dienen.

"Echt jetzt?", fragt ein blondes Mädchen verwundert, "ihr musstet das? Wir konnten uns das aussuchen." Eine Pflicht gegenüber Gott? So etwas findet das christliche Mädchen komisch.

Dunja hat schwarze Haare, sie ist groß, dünn und daran gewöhnt, dass andere ihre Religion merkwürdig finden. Sie geht seit einem Umzug ihrer Eltern, die aus Marokko stammen, auf eine katholische Grundschule in Aachen. Zunächst sei ihr dort mulmig gewesen, weil sie glaubte, sie müsse sich nun immer bekreuzigen. "Aber Mama hat gesagt, jeder hat halt seine Religion. Und ich soll nur das machen, was ich will." Inzwischen kennt sich Dunja sogar mit den Fürbitten im christlichen Gottesdienst aus.

So viel wie Dunja wissen die Christen Johanna und Arne noch nicht über die Religion der anderen. Die beiden Zwölfjährigen blicken am Abend in die Flammen des Lagerfeuers, neben ihnen rösten andere Kinder Stockbrot. In Johannas Gymnasialklasse gibt es nur ein muslimisches Mädchen, das liege daran, dass es ein bilingualer Zweig ist, in dem viel auf Englisch unterrichtet wird, glaubt Johanna. Arne geht in die Parallelklasse, in der gibt es einige Muslime. Aber reden würde er mit denen kaum, sie würden oft in Grüppchen zusammenhängen und Türkisch miteinander sprechen.

Pfadfinderin Johanna (r.) und die übrigen christlichen Mädchen wussten am Anfang ziemlich wenig über die andere Religion
Theodor Barth/DER SPIEGEL

Pfadfinderin Johanna (r.) und die übrigen christlichen Mädchen wussten am Anfang ziemlich wenig über die andere Religion

Am Anfang, so erzählen christliche Kinder, hätten sie nicht einmal gewusst, ob alle muslimischen Pfadfinder Deutsch sprächen. Das ist ihnen jetzt ein bisschen peinlich. "Die können ja alle einwandfrei Deutsch", sagt Johanna.

Die Kinder reden darüber, ob man als Muslim in der Hölle verbrenne, wenn man Schweinefleisch esse, und wie die Christen es eigentlich mit der Hölle halten.

"Als wären Muslime Außerirdische"

Auf Interesse für die Religion der jeweils anderen hat Taoufik Hartit, Mitgründer der muslimischen Pfadfindervereinigung, gehofft. Der 32-Jährige hat den Jugendverband für Muslime 2010 gegründet. Seinen Kollegen Butt hat Hartit bei einem Lehrgang für Betreuer von Pfadfindergruppen kennengelernt, da kamen sie auf die Idee eines gemeinsamen Lagers.

Hartit wünschte sich ein Treffen, bei dem Muslime sich wegen ihrer Religion nicht verstellen müssen und doch integriert sind. Es gebe viele christliche Ferienlager, sagt er, aber muslimische Eltern würden ihre Kinder nicht dorthin schicken, weil manche Angst hätten, ihre Kinder müssten an Gottesdiensten teilnehmen.

Am Sonntag nach dem Mittagessen rollen die Muslime ihre Gebetsteppiche im Gemeinschaftszelt aus, so wie nach jeder Mahlzeit. Ein Junge trommelt, für die muslimischen Pfadfinderinnen ein Zeichen, ihre weißen und lilafarbenen Kopftücher überzuziehen. Einige Christen treten vorsichtig durch den Eingang und setzen sich an den Rand, um zuzuschauen.

Dunja (r.) beim Morgengebet. Die Christen schauen interessiert zu
Theodor Barth/DER SPIEGEL

Dunja (r.) beim Morgengebet. Die Christen schauen interessiert zu

Am Nachmittag schnitzen die Kinder Löffel aus Holzscheiten. Taoufik Hartit sitzt in seiner Pfadfinderkluft im Gemeinschaftszelt der Muslime. "Wenn das Zeltlager für die Kinder ganz normal war, haben wir alles richtig gemacht", sagt er. Es werde oft zu einem Politikum gemacht, "wenn Muslime und Christen aufeinandertreffen, als wären Muslime Außerirdische".

Der letzte Tag des Lagers fällt auf einen Freitag, für gläubige Muslime der wichtigste Wochentag. Zum Freitagsgebet haben ein paar Jungen die Gebetsteppiche nach draußen geschleppt, unter einen Baum, weil die Sonne so brennt. Drum herum sitzen die Christen versammelt, zum feierlichen Anlass tragen die meisten ihre Pfadfinderkluft.

Fürbitten? Gibt's auch bei Muslimen

Ein kleiner Mann mit runder Brille betritt den Teppich. Kaddour El Karrouch ist der offizielle "Bundesimam" der muslimischen Pfadfinder, bis zur Rente hat er in einer Futterfabrik bei Düsseldorf gearbeitet.

Schon vor 25 Jahren habe er einen muslimischen Pfadfinderverein gründen wollen, damals jedoch seien viele Eltern noch zu konservativ gewesen, auch Mädchen in solche Gruppen zu schicken. El Karrouch aber wollte, dass Jungen und Mädchen gemeinsam die Werte der Pfadfinder kennenlernen.

El Karrouch predigt auf Deutsch, nur manche Gebete werden auf Arabisch gesprochen.

Faszinierend für die christlichen Kinder: "Nie im Leben hätte ich gedacht, dass das unserem Gottesdienst so ähnelt", sagt Arne und wiederholt noch einmal kopfschüttelnd: "Nie im Leben." Johanna ist begeistert, weil sie gehört hat, dass die Muslime auch Fürbitten haben. "Und einen Moment lang dachte ich, der Imam würde das Vaterunser vorbeten, so ähnlich waren die Worte."

Die Teppiche sind noch nicht alle wieder zusammengerollt, da haben Johanna und Arne einen Beschluss gefasst: Wenn die Schule wieder anfängt, wollen sie die Muslime aus ihrer Stufe ansprechen, schließlich wissen sie ja jetzt etwas über deren Religion. Wer weiß, vielleicht entdecken sie, dass Christen mehr gemeinsam mit Muslimen haben als mit Menschen, die an keinen Gott glauben.



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