Arne Ulbricht, Lehrer in Nordrhein-Westfalen "Clausnitz war letztlich nur eine weitere Nachricht"

Rechte Übergriffe wie in Clausnitz oder Bautzen befeuern in den Schulen die Diskussion über Flüchtlinge. Viele Schüler sind entsetzt, andere lassen rechtsextreme Sprüche los. Wie gehen Lehrer damit um?

Arne Ulbricht, Lehrer in Nordrhein-Westfalen
Daniel Schmitt

Arne Ulbricht, Lehrer in Nordrhein-Westfalen


"In den beiden Turnhallen unserer Schule leben Flüchtlinge, und im Politikunterricht beschäftigen wir uns mit Fluchtursachen und dem Krieg in Syrien - für meine Schüler ist die Thematik also sehr präsent. Auch über die Vorfälle in Clausnitz wussten alle Bescheid. Sie waren durchaus betroffen, aber letztlich war es für sie eine weitere Nachricht über Flüchtlinge und wie wir in Deutschland mit ihnen umgehen. Richtig geschockt waren sie zuletzt, als viele Flüchtlinge in einem Lastwagen erstickt sind.

Rechtsextreme Äußerungen habe ich bei dem Thema bisher nicht erlebt, aber ich musste durchaus schon in anderen Situationen gegen Sorgen, Wut und Hass ankämpfen. An einer Schule ging es darum, dass 'die Türken' bloß nach Deutschland kämen, weil sie hier 'Hartz IV nachgeworfen' bekämen. Erst einmal war ich entsetzt. Dann hörte ich mir alles an und sprach mit dem Schüler, und daraus entstand ein Gespräch mit der ganzen Klasse. Als der Schüler sagte, dass er es schade finde, das Wort "Gastarbeiter" zum ersten Mal in der Schule gehört zu haben, da hatte ich das Gefühl, dass der Lehrerberuf unheimlich befriedigend sein kann.

Wichtig ist für mich, den Schülern zunächst immer zuzuhören. Ich muss ihnen erlauben, einen zweifelhaften Standpunkt zu vertreten, und die Kraft aufbringen, sie nicht zu unterbrechen. Denn nur so kann man als Lehrer herausfinden, woher die Sorgen, die Wut und manchmal auch der Hass kommen. Oft bin ich in solchen Situationen aber auch schon gescheitert - das gehört dazu. Ich ziehe deshalb meinen Hut vor Kollegen, in deren Klassen Schüler sitzen, deren Eltern bei Pegida mitmarschieren und die ihren Kindern ein Denken einprügeln, das zu ändern unsere Aufgabe ist. Denn auch diese Lehrer müssen ihren Schülern zuhören und mit ihnen reden, um das Schlimmste zu verhindern."

Arne Ulbricht, Lehrer für Französisch und Geschichte an einem Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen. Er ist Autor mehrerer Bücher über Lehrer. Mehr erfahren Sie auf seiner Webseite.

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