Tablets im Unterricht "Copy-and-Paste ist eine Weiterentwicklung"

In den meisten deutschen Klassenzimmern wird noch mit Stift, Papier und Tafel gelernt. Wie eine Digitalisierung gelingen kann und worauf Pädagogen sich vorbereiten müssen, erklärt Lehrer und Blogger Torsten Larbig.

Schüler mit Tablets (auf der Bildungsmesse didacta): Disziplinprobleme sind nur Ausreden
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Schüler mit Tablets (auf der Bildungsmesse didacta): Disziplinprobleme sind nur Ausreden

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SPIEGEL ONLINE: Der Bundestag diskutiert über eine digitale Agenda für Deutschlands Schulen. Wer sollte denn die Tablets zuerst bekommen: Schüler oder Lehrer?

Torsten Larbig: Auch wenn man das dortige Schulsystem kritisieren kann, sollte man es machen wie in Südkorea. Dort bekamen die Lehrer schon vor knapp zwanzig Jahren Laptops. Parallel hat man Schulbücher digitalisiert und die Fortbildungen ausgebaut. Bevor man an die Schüler geht, müssen die Lehrer den Mehrwert für das Lernen erst kennenlernen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das wichtig?

Larbig: Wenn Lehrer nicht wissen, wie das Lernen mit diesem Medium geht und wo die Grenzen sind, führt ihr Einsatz zu schlechtem Unterricht: Lehrer werden unsicher und erwarten dennoch von Schülern, dass ihr Lernen gelingt. Das bedeutet aber nicht, dass man sich die Digitalisierung des Unterrichts besser spart. Sondern dass man mehr investieren muss, an Fantasie, an Fortbildungen und damit auch an Geld.

SPIEGEL ONLINE: Reichen Papier und Stifte nicht mehr?

Larbig: Ich möchte meine Schüler auf die Welt vorbereiten, in der sie leben und arbeiten - und das ist eine durch und durch digitalisierte Welt. Zudem geht vieles mit digitalen Anwendungen leichter: Schüler können gemeinsam Texte erstellen. Sie arbeiten an einem Dokument, ohne dass sie dazu in der Schule sein oder zur gleichen Zeit arbeiten müssten. Das Netz macht es möglich, kollaborativer und zugleich individueller zu arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Die Methoden des Netzes werden gerne copy, paste, remix and share abgekürzt. Passt das zu dem alten Humboldt'schen Prinzip des tiefen Verstehens, auf dem besonders das Gymnasium fußt?

Larbig: Für mich ist das kein Widerspruch. Auch das wissenschaftliche Arbeiten, auf das Gymnasium und Abitur vorbereiten sollen, besteht darin, fremdes Wissen aufzugreifen und weiterzuentwickeln. Digitalisierung macht diesen Prozess dynamischer, das heißt "Copy, paste, remix and share" ist eine Weiterentwicklung bisheriger Arbeitsweisen.

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SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht naiv zu glauben, dass Schüler dann brav am Tablet lernen? Die machen doch was ganz anderes damit, oder?

Larbig: Wie sollen sie das digitale Lernen annehmen, wenn Sie keine Möglichkeit haben zu lernen, wie sie diese Geräte sinnvoll als Arbeitsgeräte nutzen können? Die Disziplinprobleme werden vor allem von Schulleitungen, Lehrern und Eltern gern herangezogen, um diese Geräte zu verbieten. Ein hilfloser Versuch!

SPIEGEL ONLINE: Südkorea hat gedruckte Schulbücher abgeschafft. Wird das auch hierzulande kommen?

Larbig: Bislang gab es Lehrmaterial nur von Schulbuchverlagen. Zunehmend gibt es jetzt auch freies Material, sogenannte Open Educational Resources. Sie liegen oft digital vor, wenn auch in unterschiedlicher Qualität.

SPIEGEL ONLINE: Werden die Schulbuchverlage also untergehen?

Larbig: Wenn die Verlage ihre Materialien in guter Qualität und zu realistischen Preisen auf die Tablets und Laptops bringen, dann wird das nicht geschehen. Schulbuchverlage sind allerdings nicht sehr innovationsfreudig. Vielleicht ist da die Politik gefordert. Wieso sollte man nicht über Risikokapital innovative Köpfe und Konzepte für das Bereitstellen digitaler Inhalte fördern?

SPIEGEL ONLINE: Klingt alles nach einem weiten Weg, bis das digitale Lernen endlich in den Schulen ankommt.

Larbig: Am liebsten würde ich einfach die Geräte im Unterricht nutzen können, die die Schüler auch in ihrem Alltag benutzen. Dann könnte ich einen sicheren, vertrauten Umgang mit dem Gerät zumindest teilweise voraussetzen - und müsste nicht jeden Klick erklären.



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