Computer und Schule "Ein Chat im Klassenzimmer ist albern"

Auf dem Papier ist die Schule längst digital. Doch eine gute Ausstattung mit Computern ist viel zu wenig, sagt Friedrich Schönweiss. Der Münsteraner Medienpädagoge hält nichts davon, Kinder zur menschlichen Schnittstelle zu machen. Im Interview erklärt er, warum Lehrer die Konkurrenz zu PC-Spielen nicht gewinnen können.


SPIEGEL ONLINE:

Schulen ans Netz, Laptops in die Schulranzen, Hausaufgaben-Präsentation mit PowerPoint - geht der Computereinsatz im Klassenzimmer in die richtige Richtung?

Schüler am Computer: Bitte keine pseudocoolen Lernshows
DDP

Schüler am Computer: Bitte keine pseudocoolen Lernshows

Friedrich Schönweiss: Einen Computer in die Schule zu stellen, das bewirkt noch gar nichts. Es ist ziemlich naiv, allein an die technische Wirkung von Computern zu glauben, denn die Lehrer wissen selbst oft gar nicht, was sie eigentlich damit machen wollen. Es ist schade und ärgerlich zugleich, wie viel Kraft in den letzten Jahren in die technische Ausrüstung von Schulen gesteckt worden ist. Konzepte zur Nutzung des Computers im Unterricht sind immer noch Mangelware, und die Lehrer werden kaum geschult. Die meisten Schulen haben dann zwar gut ausgestattete Computerräume, wissen aber herzlich wenig damit anzufangen. Zum Glück ändert sich das allmählich.

SPIEGEL ONLINE: Was muss besser werden?

Schönweiss: Computer bieten eine Fülle von Möglichkeiten, wenn man nicht von der technischen, sondern von der inhaltlichen Seite ausgeht. Intelligente Software kann den Lehrer endlich von der Fixierung auf die gesamte Klasse befreien. Dies versuchen wir zum Beispiel mit unserem Lernserver. Er dient zur computergestützten Diagnose von Stärken und Schwächen in der Rechtschreibung und liefert die individuellen Förderprogramme gleich mit. Damit kann sich der Lehrer ideal um das einzelne Kind kümmern.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich auch nach Technik-Schwärmerei an...

Schönweiss: Ist es aber nicht. Stellen Sie sich vor, ein Lehrer schreibt in der Klasse ein Diktat. Ein Kind schreibt "Urzaeit" statt "Uhrzeit" und bekommt normalerweise vom Lehrer als einzige Rückmeldung ein rotes "Falsch!". Das ist absolut verkehrt, ungerecht und demotivierend. Lehrer können in einer Klasse nicht auf die individuellen Stärken und Schwächen aller Kinder eingehen, und hier greift der Lernserver ein. Die Fehler werden in den Computer eingegeben und analysiert, der Lehrer erhält für jedes Kind ein eigenes Förderprogramm mit allem Drum und Dran. Diesen Aufwand könnte sonst kein Lehrer leisten.

SPIEGEL ONLINE: In vielen Schulen steht der Computer nicht zu Hause beim Lehrer, sondern in der Klasse. Es gibt einen Chat, die Schüler tauschen virtuell die Ergebnisse aus. Sind das nicht einfach nur Spielereien?

"Kinderglaube an die Technik": Friedrich Schönweiss ist Professor für Medienpädagogik an der Universität Münster

"Kinderglaube an die Technik": Friedrich Schönweiss ist Professor für Medienpädagogik an der Universität Münster

Schönweiss: Kommt darauf an. Ein Chat im Klassenzimmer ohne pädagogische Einbettung, das wird schnell albern. Es bleibt ein verbreiteter Irrtum, dass sich die Kinder nur durch peppige, pseudocoole Lernshows zum "Ablernen" verführen lassen. Schule darf nicht krampfhaft versuchen, die Konkurrenz zu Computerspielen gewinnen zu wollen. Wer sich auf diese Schiene begibt, hat schon längst aus den Augen verloren, worum es beim Lernen eigentlich geht.

SPIEGEL ONLINE: Welche Chance hat der Computer im Klassenzimmer dann überhaupt?

Schönweiss: Echtes computer- und netzbasiertes Lernen steht noch ziemlich am Anfang. Leider steckt in vielen Köpfen immer noch der Kinderglaube an die Technik. Wenn die digitalen Medien allerdings intelligent genutzt werden und sie dazu dienen, dass das gemeinsame Erarbeiten von Inhalten im Vordergrund steht, dann haben beide etwas davon, Lehrer und Schüler. Kooperatives Arbeiten, soziales Lernen und Eigenständigkeit bleiben dann keine Fremdwörter. Und die Schule dient zu mehr als nur zum Erwerb von Zertifikaten.

SPIEGEL ONLINE: Wird denn genug getan in der Entwicklung von Förder- und Lernprogrammen?

Schönweiss: Ganz klar: Nein! Es grassiert immer noch die fixe Idee, Lerner und Maschine um jeden Preis kurzzuschließen und um den Lehrer einen großen Bogen zu machen. Vor lauter Verliebtheit in pädagogische Floskeln wie "selbstgesteuertes Lernen" und technische Spielereien wurden ausgerechnet diejenigen vergessen, deren Beruf es ist, zwischen Lernenden und Stoff zu vermitteln. Lehrer sollen nicht überflüssig werden - im Gegenteil: Ihre Kompetenzen müssen gestärkt werden.

Das Interview führte Britta Mersch



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