Dank Knochenmarkspende Sarah besiegt den Krebs

Sarah Winter wäre an Leukämie gestorben - wenn sie nicht Stammzellen eines anonymen Spenders bekommen hätte. Erst zwei Jahre nach dem Eingriff durfte die 17-Jährige ihren Retter treffen: Benjamin Schottek, 26. Auf SPIEGEL ONLINE erzählen beide ihre Geschichte.


Sarah Winter: "Es war kurz vor Weihnachten im Jahr 2004, als ich plötzlich auf meiner linken Gesäßhälfte einen Knubbel, ein richtiges Ei unter der Haut spürte. Wir gingen zum Kinderarzt, der schickte mich ins Krankenhaus nach Chemnitz. Es dauerte nur ein paar Tage bis die Diagnose feststand: Leukämie. Das bedeute Blutkrebs, übersetzten mir die Ärzte. Ich konnte mit dem Begriff nichts anfangen, das war völliges Neuland.

Doch dann ging es Schlag auf Schlag: Der Tumor wurde operiert, ich verbrachte Weihnachten im Krankenhaus und bekam eine Chemotherapie. Doch meine Form der Leukämie, die chronisch myeloische Leukämie, spricht darauf nicht an. Es war klar, dass mich nur noch eine Stammzellenspende vor dem Tod retten würde. Und einen passenden Spender zu finden, sei wie die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen, sagten die Ärzte meinen Eltern."

Benjamin Schottek: "Meine damalige Freundin schlug vor, uns für eine Stammzell-Spende registrieren zu lassen. Sie hatte im Lokalradio von einem krebskranken Kind gehört, dass nur durch eine Stammzellspende gerettet werden könne. Dafür gab es eine groß angelegte Aktion in der Essener Gruga-Halle, und wir sind nach der Arbeit dorthin gefahren und haben unser Blut typisieren lassen. Ich habe die Aktion dann schnell wieder vergessen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die eigenen Merkmale mit denen der kranken Person übereinstimmen, ist schließlich so groß wie die eines Sechsers im Lotto."

Sarah: "In den Orten rund um meinen Wohnort wurden Aufrufe zur Typisierung gestartet. Mehr als 1000 Menschen ließen sich Blut abnehmen, doch es war niemand dabei, der mir hätte helfen können. Immerhin konnten aber drei von ihnen mittlerweile anderen Krebskranken Stammzellen spenden."

Benjamin: "Ein paar Monate nach der Typisierung kam ein Schreiben von der Spenderdatenbank DKMS: Ich käme eventuell als Spender in Frage. Ich rief gleich an und sagte, dass ich noch Interesse hätte, und bekam einige Tage später ein Päckchen mit Spritzen und Gefäßen für eine weitere Blutabnahme zur genaueren Bestimmung meiner genetischen Merkmale. Das hat dann alles mein Hausarzt eingesendet.

Trotzdem kam aber erstmal eine Absage. Eine Stammzell-Entnahme sei bedenklich, schrieb die DKMS. Die körperliche Belastung sei vielleicht zu hoch. Schließlich hatte mein eigenes Leben kurz zuvor an einem seidenen Faden gehangen. Bei einem schweren Motorradunfall im Jahr 2004 hatte ich mir die Wirbelsäule gebrochen und drei Wochen im Koma gelegen. Doch weil meine Merkmale unter allen möglichen Spendern am besten passten, sagte ich trotzdem zu, setzte mich auf mein Motorrad und fuhr nach Frankfurt zur Voruntersuchung."

Stammzellenspende ohne Operation

Sarah: "Im März kam endlich ein Anruf: Spender gefunden! Er sei männlich, 26 Jahre alt und 1,78 Meter groß, verriet mir die DKMS. Mehr erfuhr ich nicht. In meiner Vorstellung wurde der Unbekannte zu meinem lebensrettenden Held."

Benjamin: "Bei der Voruntersuchung erfuhr ich, dass meine Wirbelsäule unangetastet bleiben würde. Meine Stammzellen konnten 'peripher' entnommen werden, ohne Operation. Das funktionierte ganz einfach: Sechs Tage lang setzte ich mir Spritzen ins Fettgewebe, die ein Medikament enthielten, das die Produktion von Stammzellen anregte. Die überflüssigen Zellen wurden in meinen Blutkreislauf ausgeschwemmt. Den siebten Tag verbrachte ich im Krankenhaus an einer Art Dialyse-Maschine, die mein Blut durch eine Zentrifuge jagte und die wertvollen Stammzellen herausfischte. Von dem Vorgang habe ich gar nichts gemerkt, ich habe einfach mit zwei Schläuchen im Arm fünf Stunden lang ferngesehen. Ich fühlte mich wie immer. Es war, als sei ich mal eben Essen gegangen.

Damit war mein Teil schon geleistet. Es war ein tolles Gefühl. Nicht lange zuvor war ich dem Tod sehr nah gewesen, jetzt würde ich vielleicht jemand anderem Leben schenken."

Sarah: "Für mich begann jetzt die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich wurde eine Woche lang bestrahlt und bekam drei Tage Chemotherapie, dann kam der sogenannte Tag Null: Mein Immunsystem war komplett ausgeschaltet. Jetzt konnte ich fremde Stammzellen bekommen. Natürlich habe ich mich gefreut, doch körperlich war ich fertig, alles tat weh, mir war schlecht. Doch weil ich nicht wusste, was mich erwartet, hatte ich keine Angst. Zwei Tage lang verbrachte ich mit Schläuchen im Arm, während mir Benjamins Blut verabreicht wurde.

Lange Zeit verbrachte ich anschließend in meinem sterilen Zimmer, dem 'Transplantationszelt'. Ein Bett, ein Schrank, ein Fernseher - das war alles. Briefe wurden in Folien eingeschweißt und desinfiziert und mir durch eine Luke hineingereicht. Wenn mich meine Mutter besuchte, trug sie sterile Handschuhe und einen Mundschutz, und auch wenn ich mich über Besuch gefreut habe, war die Stimmung immer bedrückt. Einmal in der Woche kam der Klinik-Clown 'Knuddel' und klebte ein rosa Glücksschweinchen an die Fensterscheibe. 13 Schweinchen klebten dort, als ich endlich wieder nach Hause durfte."

Zwei Jahre Kontaktsperre

Benjamin: "Nach einer Stammzellspende gibt die DKMS die Kontaktdaten des Spenders zwei Jahre lang nicht heraus. Das ist der kritische Zeitraum, in dem Zellen wieder abgestoßen werden. Sollte dann eine zweite Spende erforderlich sein, könnten passende Spender die Empfänger erpressen, wenn sie sie kennen würden. Weil aber die Leukämie-Kranken und deren Familien oft das Bedürfnis haben, sich an den Spender zu wenden, leitet sie Briefe weiter. Bald meldete sich dann auch die Mutter von Sarah. Das war ein tolles Gefühl. Sie hatte Fotos geschickt und schrieb, dass die Therapie angeschlagen habe und Sarah langsam über den Berg sei."

Sarah: "Kaum ging es mir besser, habe ich ständig an den unbekannten Lebensretter gedacht. Ungeduldig wartete ich, ob er antworten würde. Dann endlich kam der Brief: Er freue sich sehr, schrieb Benjamin, und erzählte von seinem Studium und seinem Motorrad. Doch zwei Jahre lang wurden unsere Briefe kontrolliert. Hätten wir E-Mail-Adressen oder Anschriften ausgetauscht, hätte die DKMS diese Infos geschwärzt."

Benjamin: "Nach zwei Jahren ließen Sarah und ich unsere Kontaktdaten weiterleiten, und wir begannen sofort, uns E-Mails zu schreiben. Wir haben uns sofort auch verabredet. Dafür fuhr ich von Essen nach Ursprung in Sachsen, wo Sarah mit ihrer Familie wohnt. Ich habe in einer Pension eingecheckt, weil wir uns erst einmal an einem neutralen Ort treffen wollten. Ich war nervös, das alles war irre aufregend für mich."

Sarah: "Am Vorabend unseres ersten Treffens schlich ich um den Parkplatz des Gasthofs, von dem ich wusste, dass Benjamin dort wohnen würde, und suchte nach dem Kölner Kennzeichen des DKMS-Autos. Ich hatte drei Kuchen gebacken und an der Rennstrecke Sachsenring ein Buch übers Motorradfahren gekauft. Als ich ihn am nächsten Tag endlich sah, sagte ich "Hallo" und brachte dann erst mal vor Aufregung kein weiteres Wort über die Lippen. Alle meine Verwandten kamen vorbei, um Benjamin kennen zu lernen: Großeltern, Urgroßeltern, meine drei Geschwister, Onkel und Tanten."

Benjamin: "Ich blieb noch zwei Tage bei Sarahs Familie, und obwohl wir praktisch Fremde waren, war die Atmosphäre total herzlich. Ich bin ein Großstadtkind und kannte ein Leben auf dem Land, wie es Sarah führt, überhaupt nicht. Im Sommer dieses Jahres verbrachte ich wieder vier Tage in Ursprung. Familie Winter hatte mir Karten für ein Rennen auf dem Sachsenring geschenkt, und bei diesem Besuch fühlte ich mich schon richtig in die Familie integriert. Sarah ist jetzt eine kleine Schwester für mich, meine richtige Blutsschwester, und das macht mich stolz. Ich hoffe, wir werden uns nie aus den Augen verlieren."

Aufgezeichnet von Carola Padtberg



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