Das neue Schulradar Spickmich für Mama und Papa

Ab heute gibt es Zeugnisse für Deutschlands Schulen: Im Internet können Eltern die Schulen ihrer Kinder bewerten. Die neue Seite Schulradar.de hat das Spickmich-Team entwickelt. Der Philologenverband ist nicht gerade begeistert, will aber diesmal auf Klagen verzichten.


Die Sache mit der Schule lässt Bernd Dicks, 25, einfach nicht los. Der Düsseldorfer Student der Soziologie, Politik- und Medienwissenschaften ist einer der Macher der Internetseite Spickmich.de, auf der Schüler ihre Lehrer benoten können. Vor mehr als einem Jahr baute er mit drei Kumpels zusammen das Benotungs-Portal auf, inzwischen sind 800.000 Schüler angemeldet und haben über 350.000 Lehrern Noten gegeben.

Immer wieder mussten die Spickmich-Gründer vor Gericht erscheinen, weil zwei Lehrerinnen seit Monaten versuchen, die Seite mit Unterstützung von Lehrerverbänden aus dem Netz zu klagen - bisher stets vergebens. Zugleich melden sich ständig Eltern bei Bernd Dicks und seinem Team, die gratulieren. Oder ihr Leid klagen.

"Vor kurzem rief eine Frau an", erzählt Dicks, "die hatte ein echtes Problem. Der Lehrer ihres Kindes kam konsequent betrunken in den Unterricht. Sie wollte etwas dagegen unternehmen. Zum Klassenlehrer oder Schulleiter gehen wollte sie nicht, weil sie Nachteile für ihr Kind befürchtete. Sie wollte einen Rat, an wen sie sich wenden kann. Oder einfach jemanden zum Austausch, der das Gleiche erlebt hat."

Es war nicht der erste Anruf dieser Art. Auch wenn es sich um weniger handfeste Probleme handelt: Viele Eltern wollen sich nicht damit zufrieden geben, die Schule nur einmal im Jahr beim Tag der offenen Tür oder beim Elternsprechtag von innen zu sehen.

Noten fürs Schulklima, Gebäude und die Lehrer

Nach dem stark beachteten Start von Spickmich wuchs bei Dicks und seinen Kollegen eine Idee: Sie wollten ihrem Portal eine große Schwester geben. Eine seriösere, also weniger krawallige, eine ruhigere. "Schulradar" heißt sie nun und ist ist ab heute im Netz. Das Prinzip: Eltern bewerten die Schulen ihrer Kinder. Allerdings nicht in Kategorien wie "menschlich", "motiviert" oder "cool und witzig", wie auf Spickmich.de – beim Schulradar geht es etwas leiser zu.

"Die Seite soll auch eine Hilfe für Eltern sein, die gerade auf der Suche nach einer Schule für ihr Kind sind", sagt Bernd Dicks. Sie sollen sich orientieren, informieren und austauschen. Sucht zum Beispiel ein Vater eine neue Schule für seine Tochter, geht er auf die Seite, gibt in einer Maske den eigenen Wohnort ein und kann einen Umkreis bestimmen, in dem die zukünftige Schule liegen soll.

Dann kann er sich bei "Schulradar" zum einen das ansehen, was viele Schulen auch auf ihre eigene Internetseite stellen: zum Beispiel Adresse, Schülerzahl, Schulprofil, Bilder vom Rektor und dem Haupteingang. Aber darüber hinaus gibt es hier die Möglichkeit, die Schule in sechs verschiedenen Kategorien zu bewerten:

  • Individuelle Förderung
  • Gebäude und Ausstattung
  • Lehrkräfte
  • Schulleitung
  • Schulklima
  • Unterrichtsbegleitende Aktivitäten

Anders als bei Spickmich können die Eltern ihre Noten mit Kommentaren auch noch kurz begründen und für den Punkt "Gebäude und Ausstattung" sogar Fotos hochladen. Ergänzt wird der Eintrag einer Schule durch Noten, die Schüler der gleichen Schule bei Spickmich verteilt haben.

"In Zukunft wollen wir auch noch die Lehrer-Noten von Spickmich einbinden", sagt Bernd Dicks, "aber nicht eins zu eins – wir werden eine Spanne angeben: Die Lehrer dieser Schule haben bei Spickmich Noten von 3,4 bis 1,7 erreicht, zum Beispiel".

Die Informationen zu den Schulen und die Bewertungen der Eltern werden allmählich in die Seite einfließen. Bisher umfasst die Datenbank alle weiterführenden Schulen Deutschlands und soll demnächst noch durch knapp 17.000 Grundschulen erweitert werden. Das Ziel: ein solider Überblick über alle Schulen und eine Vergleichsmöglichkeit für Eltern - sie sollen die richtige Schule für ihr Kind finden können, wenn die Grundschule vorbei ist.

Stiftung Warentest für alle Schulen

Schulradar.de soll eine Plattform für Service und Information werden, keine Eltern-Community-Seite, auf der man mal so richtig über die Pauker der Kinder ablästern kann. Bernd Dicks und seine Kollegen wollen die Seite eher zu einer Art Stiftung Warentest für alle Schulen machen. Im Forum der Seite können die Eltern gezielt nach Informationen suchen: Was macht man also, wenn der Lehrer immer betrunken versucht zu unterrichten? Wie organisiert man einen Schulwechsel richtig? Wie steht eine Schule im Vergleich zu anderen Schulen in der Umgebung da?

"Viele Schulen sind ja immer noch eine Art schwarzer Kasten, in den keiner richtig reingucken kann", sagt Bernd Dicks. Er wünscht sich mehr Wettbewerb zwischen den Schulen – so eine Seite könne dabei helfen, "Eltern, Lehrer und Schulleitung dazu zu bringen, mehr miteinander zu reden".

Das sieht Peter Silbernagel vom Philologenverband Nordrhein-Westfalen ganz anders: "Ein Radar kann etwas orten und zum Beispiel auf ein Problem in einer Schule hinweisen – aber nicht dabei helfen, es zu lösen." Schulradar habe darum das gleiche Problem wie Spickmich: "Das ist eine ausgebremste, unzureichende und verkümmerte Art der Kommunikation, weil Eltern und Lehrer hier nicht miteinander reden - sondern übereinander", so Silbernagel. "Mir wäre es lieber, wenn die Eltern zu den Gesamt- und Fachkonferenzen kommen und die Lehrer und die Schulleitung direkt ansprechen, wenn es ein Problem gibt."

"Mit 20 Eltern einloggen und die Noten polieren"

Die Benotung im Internet sei eine Abkapselungsstrategie - wenn Eltern dort aktiv würden, sei doch schon etwas "grundsätzlich verkümmert", so Silbernagel. Die Seite werde auch weder Ängste abbauen noch den positiven Wettbewerb zwischen Schulen fördern – "das hat schon bei Spickmich nicht geklappt. Wenn ich Schulleiter wäre, würde ich mich mit 20 Eltern zusammentun, wir würden uns bei Schulradar einloggen und unserer Schule einfach mal ein paar gute Noten geben."

Gerichtlich werde der Philologenverband nicht gegen Schulradar.de vorgehen, sagt Silbernagel. Die bereits mehrfach abgewiesenen Klagen einer Lehrerin gegen Spickmich unterstützt der Verband aber auch weiterhin. Und bei aller Kritik – an dem, was sich Bernd Dicks und die anderen Spickmich-Macher andauernd ausdenken, hat sogar der sonst so strenge Lehrerfunktionär ein wenig Spaß: "Ich werde mir den Schulradar wohl mal ansehen." Vielleicht zusammen mit ein paar Eltern.



insgesamt 207 Beiträge
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Seite 1
af1755, 08.04.2008
1.
Zitat von sysopWas die Jugendlichen gut finden, wollen die Eltern schon lange: Der Schule und den Lehrern mal ein Zeugnis ausstellen. Auf der Seite "Schulradar" können sie ab heute jede Schule in Deutschland benoten. Eine gute Bewertungs-Idee?
Effekthascherischer Blödsinn
Pnin, 08.04.2008
2.
Zitat von sysopWas die Jugendlichen gut finden, wollen die Eltern schon lange: Der Schule und den Lehrern mal ein Zeugnis ausstellen. Auf der Seite "Schulradar" können sie ab heute jede Schule in Deutschland benoten. Eine gute Bewertungs-Idee?
Ab heute? Und da sind schon sämtliche Schulen meines Städtchens bewertet - eins der kleinsten Gymnasien z.B. bereits mit 24 Elternbewertungen und dazu haufenweise "Lehrerzitate"? Seltsam, seltsam..
mimi, 08.04.2008
3. und wo finde
ich die bewertungskriterien? lg mimi
MarkK 08.04.2008
4.
Zitat von PninAb heute? Und da sind schon sämtliche Schulen meines Städtchens bewertet - eins der kleinsten Gymnasien z.B. bereits mit 24 Elternbewertungen und dazu haufenweise "Lehrerzitate"? Seltsam, seltsam..
Stimmt. Hab auch gerade mal nachgeschlagen: Gymnasien an meinem Wohnort bekommen entweder eine 2,7 oder 2,8, Realschulen eine 3,0 oder 3,1, berufsbildende Schulen eine 3,3-3,5 und Hauptschulen eine 4,0-4,2. Samt und sonders. Das scheinen mir eher selbsterfüllende Prophezeihungen zu sein - aber bitte, wenn's gewünscht ist...
Pnin, 08.04.2008
5.
Zitat von PninAb heute? Und da sind schon sämtliche Schulen meines Städtchens bewertet - eins der kleinsten Gymnasien z.B. bereits mit 24 Elternbewertungen und dazu haufenweise "Lehrerzitate"? Seltsam, seltsam..
Ich korrigiere mich, ausgerechnet die mit Abstand größte Schule der Stadt fehlt. Dafür ist die Volkshochschule bewertet. Allerdings wird nicht deutlich, woher man da die Bewertung hat, da keine Schülerbewertungen angezeigt werden (dafür aber "Lustige Lehrerzitate"). Alles völlig undurchsichtig.
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