Lernplattformen für Schüler "Da schrillen bei mir die Alarmglocken"

Der Datenschutz kommt bei Lernplattformen in Schulen oft zu kurz, warnt der Datenschützer Lutz Hasse. Weil das gravierende Folgen haben kann, hat er mit Kollegen einen Ratgeber erarbeitet.

Digitales Lernen: Datenschutz soll bei Lernplattformen gesichert sein
DPA

Digitales Lernen: Datenschutz soll bei Lernplattformen gesichert sein

Interview von


Aufsätze schreiben oder an Matheaufgaben knobeln - viele Schulen haben dafür Lernplattformen eingerichtet. Schüler erledigen ihre Aufgaben online am Computer und sind dabei mit anderen Schülern und Lehrern vernetzt. Ohne klare Regeln zum Datenschutz birgt dieses digitale Lernen aber erhebliche Risiken, mahnt Lutz Hasse, Datenschutzbeauftragter in Thüringen und Vorsitzender des Bundesarbeitskreises Datenschutz und Bildung.

SPIEGEL ONLINE: Was kann passieren, wenn Schulen Lernplattformen nutzen?

Hasse: Schüler und Lehrer legen darin jede Menge sensible Daten ab. Schüler berichten von ihren Sommerferien, schreiben eine Erörterung, tauschen sich mit anderen aus. Lehrer geben Feedback, auch in Form von Noten. Da schrillen bei mir als Datenschützer gleich die Alarmglocken. Denn in vielen Fällen ist nicht geklärt: Wer hat Zugriff auf die Daten? Sind sie vor fremden Händen gesichert? Wie lange werden sie gespeichert?

Lutz Hasse, Thüringer Landesbeauftragter für Datenschutz
Volker Hielscher

Lutz Hasse, Thüringer Landesbeauftragter für Datenschutz

SPIEGEL ONLINE: Wer hätte denn Interesse an einem Schulaufsatz?

Hasse: Vermutlich hackt sich niemand in eine Lernplattform, um einem Schüler hinterher zu spionieren. Aber angenommen, der Schüler wird eines Tages Chef eines großen Unternehmens oder Politiker und andere haben Zugriff auf sein ganzes Schülerprofil, inklusive Noten und Chats mit Freunden und Lehrern, dann wissen diese Leute sehr viel über ihn und können damit Schindluder treiben. Sie können Druck ausüben und ihn erpressen. Wir kennen das von anderen sozialen Netzwerken.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie die Lernplattformen lieber verbieten?

Hasse: Nein, diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten, und das ist völlig in Ordnung. Schüler und Lehrer können mit Lernplattformen unabhängig von Zeit und Ort kommunizieren, und das bietet viele Vorteile. Es ist mir auch lieber, dass sie darüber chatten als über Facebook oder WhatsApp. Da ist meiner Ansicht nach gar keine Sicherheit gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Was fordern Sie?

Hasse: Die virtuellen Räume, in denen sich Schüler, Lehrer und teilweise auch Eltern bewegen, müssen sichere Wände, Türen und Fenster haben. Da darf niemand einfach reinschneien, der auch in einem analogen Klassenraum nichts zu suchen hätte. Der Zugang zu den Daten und die Frage, wann sie gelöscht werden, muss geregelt sein, und zwar direkt über die Software. Man muss die Daten vor allem vor fremdem Zugriff schützen. Aber bisher gibt es auch "selbst gestrickte Lösungen", die fragwürdig sind.

SPIEGEL ONLINE: Sind professionelle Anbieter besser?

Hasse: Oft sind sie es, aber die Frage ist, wo die Daten am Ende gespeichert werden. Landen sie in einer amerikanischen Cloud, sehe ich da auch ein Risiko.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit Ihren Datenschutzkollegen aus den anderen Bundesländern eine Orientierungshilfe für Schulen erarbeitet. Was steht darin?

Hasse: Schulen finden darin unter anderem Tipps, worauf sie achten müssen, um Zugriffsrechte, Speicherzeit etc. bei ihren Lernplattformen zu regeln. Das ist aber noch kein fertiges Rezept. Wir hoffen auf reichlich Feedback von Schülern und Lehrern, damit wir die Broschüre immer weiter verbessern können.

fok

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.