DDR Der letzte Jumbo

Die DDR wird in der internationalen Bankenwelt nicht mehr als kreditwürdig angesehen. Sie kauft nun um so emsiger in der Bundesrepublik.


Über die Geschäfte mit der "kapitalistischen BRD" weiß der Staatsratsvorsitzende der DDR Gutes zu berichten. Der Handelsumsatz klettert, so Erich Honecker, auf "eine kaum vorstellbare Summe".

Der Erfolgsbericht stimmt, im innerdeutschen Handel werden die Zuwachsraten zweistellig gemessen. Während der gesamte Welthandel abbröckelt, die globale Rezession auch beide Republiken durchschüttelt, brummt das Geschäft unter Brüdern.

aus: DER SPIEGEL 17/1983
DER SPIEGEL

aus: DER SPIEGEL 17/1983

Die Deutschen schoben 1982 Waren im Wert von 13 Milliarden Mark in beiden Richtungen über die sonst so dichte Grenze, zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Drei Jahre hintereinander erzielte die DDR dabei einen dicken Überschuß.

Neuerdings aber verbucht die Bundesrepublik ein Plus. Seit sechs Monaten steigen die Aufträge aus dem Osten mit zweistelligen Raten. Im Januar und Februar stockten die Westdeutschen ihren Ostversand im Vergleich zum Vorjahr um mehr als die Hälfte auf.

"Eine gute Grundlage", feierte vorige Woche SED-Politbüromitglied Günter Mittag bei seinem Besuch in Hannover und in Bonn den erstaunlichen Aufschwung, sei das "für die Beziehungen" beider Partner. Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff fand den Boom im DDR-Handel "sehr schön", Niedersachsens Ministerin Birgit Breuel strahlte erfreut.

Die Freude scheint vergänglich. Denn der innerdeutsche Aufschwung ist lediglich der Not entsprungen: Die DDR bezieht nur deshalb so viel Ware aus der Bundesrepublik, weil ihr die Devisen für Käufe auf dem Weltmarkt ausgegangen sind.

Das Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) schätzt den Schuldenstand der DDR auf 11,2 Milliarden Dollar. Von allen Oststaaten haben nur die Polen mehr im Westen anschreiben lassen.

Der Kieler Ost-Experte Wolfgang Seiffert, früher Berater der Regierung in Ost-Berlin, rechnet damit, daß innerhalb der nächsten zwei Jahre Zinsen und Kredite in Höhe von rund 4,8 Milliarden Dollar fällig werden. "Es kann leicht dazu kommen", meint Seiffert, "daß die DDR ihre Zahlungen einstellen muß, wenn die westlichen Banken neue Kredite verweigern."

Im kapitalistischen Kreditgewerbe gilt der erste deutsche Arbeiter-und-Bauern-Staat als wenig kreditwürdig. Das angesehene New Yorker Bankenblatt "Institutional Investor Magazine" nährte jetzt die Zweifel, ob die DDR ihre Schulden jemals tilgen kann: In der Bonitätsliste des Blattes rangieren die Ostdeutschen sogar noch hinter Papua-Neuguinea. Aus amerikanischer Sicht ist die DDR bei der Kreditwürdigkeitsprüfung "der größte Verlierer" im gesamten Ostblock.

Keine Bank im Westen pumpt der DDR derzeit Geld, über das der Staat frei verfügen kann. Die letzten Jumbos, wie große Finanzkredite im Jargon des Geldgewerbes heißen, kratzten westliche Bankenkonsortien 1981 zusammen. Seither läuft gar nichts mehr.

Selbst David Rockefeller, der lange Zeit mit der DDR Geldgeschäfte tätigte, hält sich inzwischen zurück. Zwar schickt die Ost-Berliner Deutsche Aussenhandelsbank (Daba) unverdrossen Geburtstagspräsente an den New Yorker Multimillionär. Doch Rockefellers mächtige Chase Manhattan Bank, einst ganz dick im Ostgeschäft, schickt keine Dollar zurück.

Der Mangel an Devisen zwang die DDR-Planer, ihren gesamten West-Handel umzuschichten. Zunächst wurden die Einfuhren aus den übrigen westlichen Industrieländern um ein Drittel gedrückt, gleichzeitig die Ausfuhren um ein Sechstel aufgestockt. Deshalb blieb 1982, rechnet Siegfried Hrzan, Chefökonom der Daba, ganz stolz vor, in der Handelsbilanz der DDR ein Überschuß von 1,5 Milliarden Dollar hängen.

Daß die DDR im selben Jahr rund eine Milliarde Dollar allein an Zinsen berappen mußte, putzt der Ost-Berliner Bankmann nicht so eifrig heraus. Es sei nun mal "Politik der DDR seit 1949", windet sich Hrzan gegenüber westdeutschen Fragern, derartige Zahlen nicht zu veröffentlichen.

Nicht zu verbergen, zumindest gegenüber dem DDR-Volk, ist der Umstand, daß die neue Handelsmethode die heimische Versorgung noch weiter verschlechtert. Die Waren, die jetzt so reichlich in das westliche Ausland fließen, fehlen im Inland. Für Investitionen bleibt weniger übrig, der private Verbrauch fällt ebenfalls. Die gewohnten Schlangen vor Tankstellen und HO-Läden sind noch länger geworden.

In dieser Not blieb nur ein Weg, wenigstens die ärgsten Versorgungslücken zu stopfen: der Einkauf in der Bundesrepublik.

Denn im Geschäft mit der Bundesrepublik braucht Ost-Berlin keine Devisen, der innerdeutsche Handel wird überwiegend bargeldlos abgewickelt. Zumeist tauschen die Deutschen untereinander praktisch Ware gegen Ware. Gemessen wird dieser Tauschhandel in "Verrechnungseinheiten". Gerät die DDR in Lieferverzug, darf sie das gemeinsam geführte Konto um 770 Millionen Mark zinslos überziehen.

Die Westdeutschen gewähren die brüderliche Hilfe, die jetzt so reichlich gewünscht wird, recht gern. Viele Produzenten, von der Agrarwirtschaft bis zur Stahlindustrie, sitzen auf randvollen Lägern. Jeder neue Kunde wird freudig begrüßt, auch wenn er, wie die DDR, die verlangte Ware zunächst auf Pump bestellt oder die Schuld durch Gegengeschäfte tilgt. Dabei kommt einiges zusammen. S.47 1982 hievte die Bundesrepublik den Export in die DDR bei Chemikalien um 31 Prozent, bei Leder um 72 Prozent, bei Eisen und Stahl um 90 Prozent. Für Agrarwaren errechneten die Statistiker ein Plus von 688 Prozent: Die Händler im Westen drehten den Genossen Gerste und Weizen weit über dem Weltmarktpreis an. Möglich war das nur, weil der DDR die Devisen fehlten.

Einzig Investitionsgüter waren 1982 weniger gefragt. Der Absatz sackte um ein Zehntel. Größter Einzelposten blieben rund 2000 gebrauchte Güterwagen, die von der Bundesbahn für knapp 40 Millionen Mark gen Osten abgeschoben wurden.

Auch für das werktätige Volk kauften die Ost-Berliner Funktionäre kurz vor Jahresschluß noch einiges ein. Rechtzeitig zum Fest bestellte die DDR in der Bundesrepublik für 600 000 Mark Lebkuchen, für 14 Millionen Kakao, für 20 Millionen Pralinen sowie jeweils für 30 Millionen Mark Käse und Kaffee.

DER SPIEGEL vom 25.04.1983, Ausgabe 17, Seite 45



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