Debatte um Reformpädagogik "Schönen Dank für die Anregung, Frau Behler"

Es ist ein Frontalangriff auf die Reformpädagogik: Sie habe versagt, ihre Anhänger müssten nach dem Missbrauchsskandal umdenken, schreibt die Ex-Kultusministerin Gabriele Behler in der "Zeit". Der Tübinger Pädagoge Ulrich Herrmann hat dafür kein Verständnis. In seiner Erwiderung erklärt er, warum.

Odenwaldschule: Ist der reformpädagogische Ansatz illusionär?
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Odenwaldschule: Ist der reformpädagogische Ansatz illusionär?


Eine ehemalige NRW-Kultusministerin, vormalige Studienrätin und Schulleiterin, die ehemalige SPD-Genossin Gabriele Behler sieht sich in der "Zeit" bemüßigt, der deutschen Reformpädagogik den Garaus zu machen. Die "Zeit" druckt ihren Artikel unter der Überschrift "Lehrer müssen nicht geliebt werden".

Was soll das? Von Müssen kann sowieso keine Rede sein, das Dürfen kann niemand durchsetzen, und dass Lehrer nicht selten tatsächlich geliebt werden, kann niemand unterbinden. Worum geht es in diesem Artikel, der in der Tonlage einem verbalen Amoklauf gleichkommt?

Ex-Ministerin Behler benutzt den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule, um die Reformpädagogik zu diskreditieren. Hier wird ein Straftatbestand mit einem Erziehungs- und Schulkonzept verwechselt. Und zwar mit dem gewaltigen Gedröhne einer Vuvuzela, als müssten die Mauern Jerichos zum Einsturz gebracht werden.

"Was dem Herzen widerstrebt, lässt der Kopf nicht ein"

Bei diesem Geräuschpegel bemerkt die Verfasserin offenbar gar nicht, dass die Behauptungen, Unterstellungen und Zuschreibungen, was denn "die" Reformpädagogik sei, ganz abwegig sind: Behler schreibt, Schule müsse Schule bleiben und der reformpädagogische Ansatz auf ganzheitliche Erziehung sei illusionär. Reformpädagogen erlägen einer Realitätsverweigerung hinsichtlich ihrer Möglichkeiten und Wirkung. Und weiter: Der Lehrer solle Fachmann für Unterricht bleiben, die Rolle als Entwicklungshelfer sei eine Anmaßung ins Private.

Jeder Besucher einer Reformschule kann sich von der Tauglichkeit und dem Erfolg der reformpädagogischen Praxis überzeugen. Reformpädagogen halten ihre Lehrerkollegen nicht für "empathielose Vollstrecker unmenschlicher Fachvorgaben und Handlanger staatlicher Repression" und beweihräuchern sich nicht selbst als pädagogische Missionare. Regeln und Grenzen werden gerade aus der Reformpädagogik angemahnt, siehe Bernhard Buebs Buch "Lob der Disziplin". Frau Behler giftet gegen eine Chimäre: Die Reformpädagogen erlägen einer permanenten Selbstsuggestion und wollten eine Mogelpackung verkaufen.

Was wir heute über die Zusammenhänge von förderlichen Beziehungen und Leistungsfähigkeit wissen, scheint ihr entgangen zu sein, und im Schopenhauer-Gedenkjahr sei dessen Sentenz in Erinnerung gerufen "Was dem Herzen widerstrebt, lässt der Kopf nicht ein": Sie hält reformpädagogische Ansätze für einen "Rückfall in Sozialromantik", für "Bildungskitsch".

Was soll das pädagogische Handeln leiten?

Eines vermeiden Reformpädagogen ganz gewiss, worauf laut Behler "wir Bildungspolitikerinnen und Bildungspolitiker" setzen: Lernstandards. Lernen und seine Ergebnisse standardisieren zu wollen ist nicht nur der untaugliche Versuch geistigen Klonens, sondern erzeugt an Standards gemessene Gewinner und Verlierer und ist eine Absage an das pädagogische Gebot, jedem Kind gerecht zu werden.

Genau das aber scheint Frau Behler ganz recht zu sein: Wo kämen wir denn hin, wenn in der Schule "Wärme, Zuwendung und Liebe" statt "kalte Sachorientierung" im Vordergrund steht? Ihrer Meinung nach soll "Wissenschaftsorientierung" das pädagogische Handeln leiten. Wenn wir nur wüssten, was Frau Behler damit meint.

Behler kritisiert den Deutschen Schulpreis, der "sogenannte" Reformschulen prämiert. Die von ihr hofierten Kultusminister hingegen setzten auf "Qualitätsentwicklung" - aber welche Qualität bitte wenn nicht auch die der prämierten Schulen?

Die drei zentralen Anliegen der Reformpädagogik

Ich möchte Frau Behler mit einigen Hinweisen erklären, was Reformpädagogik war und ist:

Erstens war und ist sie die Antwort auf die frontal belehrende Lernschule, in der Lehrer immerzu und bis zum Burnout Unterricht erteilen. Die Reformpädagogik leitet und unterstützt deren Lernarbeit. Die Lernschule verwandelt sich in die Arbeitsschule.

Zweitens wird der Einsicht Rechnung getragen, dass nur Neugier Lern- und Arbeitsmotivation bewirken kann und dass nur Lernerfolge Leistungswilligkeit hervorrufen. Aus der erfolgreichen Selbsttätigkeit entsteht die Überzeugung von der eigenen Wirksamkeit. Neugier muss geweckt werden: "Was willst du lernen?" Sie erlahmt unter dem üblichen "das musst du lernen".

Drittens also ersetzt die reformpädagogische Praxis Angebot (Unterricht als Abarbeiten des "Stoffs" im Lehrplan) durch Nachfrage: Kurse führen zu Kernen (und nicht umgekehrt), aus Neigung erwächst Leistung (wie auch sonst?).

"Der Lehrer ist die Schule"

Zu Angebot und Nachfrage in vielen staatlichen und privaten Reformschulen gehört übrigens neben dem akademischen das praktische Lernen: in Labors und Ateliers, mit Holz und Metall, Instrumenten und Chemikalien, mit PCs und in Druckerei und Töpferei, möglichst bis zu einem ersten beruflichen Abschluss. Reformpädagogisch orientiertes Lernen geht mit Hirn, Herz und Hand. Und wenn unsere staatlichen Pflichtschulen dies anbieten würden, sähen unsere Integrationsbilanzen anders aus.

In der reformpädagogischen Praxis gilt ganz selbstverständlich: "Der Lehrer ist die Schule." Das stammt vom alten Pädagogen Adolph Diesterweg aus dem 19. Jahrhundert und meint: Der Lehrer bietet und regt an, er inspiriert und individualisiert. Da hätte Ex-Ministerin Behler im Amt doch alle Möglichkeiten für ein segensreiches Wirken in der Schulentwicklung und Lehrerfortbildung gehabt, und die Lehrkräfte hätten sich gegenseitig besucht, um voneinander zu lernen. Hat sie ihnen damals etwa Zeit und Geld dafür gegeben?

Die Landerziehungsheime und die Schulen des reformpädagogischen Verbunds "Blick über den Zaun" praktizieren dies seit vielen Jahren. Diese Schulen können "nicht so weitermachen wie bisher"? Das tun sie längst nicht mehr. Schönen Dank für die Anregung, Frau Behler, Sie hätten für Ihre Schulen ein bisschen früher und mit einem Etatansatz kommen dürfen!

Der Schwulst reformpädagogischer Texte ist heute schwer erträglich

"Unterricht ist als Kern der Schule zu akzeptieren", schreibt sie. Hat das jemand je bestritten? Eine erstaunliche Empfehlung. Die reformpädagogische Praxis der Ganztagsschule und des Landerziehungsheims weist aber bis heute darauf hin, dass der Kern verkümmert, wenn ihn nicht eine nährende Hülle umgibt: das Schulleben in seinen vielfältigen Dimensionen mit Entspannung und Sport, Spielen und Feiern, gemeinsamen Mahlzeiten, mit Exkursionen und musischen Aktivitäten.

Das bedeutet keinen "Totalanspruch" und keine zeit- und energiefressende "Krake", wie Behler meint - das erleiden die Gymnasiasten durch die Einführung des Turbo-Abiturs.

Die Reformpädagogik hat Texte - auch anstößige - hervorgebracht, deren manchmal pathetisch-erhabener Schwulst heute schwer erträglich ist. Und Hermann Lietz, der Gründer des ersten deutschen Landerziehungsheims, wollte keine Kinder von jüdischen Eltern, sondern nur "deutsche Jünglinge". Historiker wissen das - "Lektüre schützt vor Neuentdeckung", pflegte der Göttinger Historiker Hermann Heimpel in solchen Fällen zu sagen.

"Wo ist die Auseinandersetzung mit Lietz' antisemitischem Gedankengut an den nach ihm benannten Schulen?", fragt Behler. Doch einen aktuellen Grund, sich damit auseinandersezusetzen, gibt es für die Lietzschulen nicht, weil niemand behauptet, ihr Leitbild und ihre Praxis heute sei die ihres Gründers vor 110 Jahren.

Programmatik und Praxis, Anspruch und Alltag dürfen nicht verwechselt werden. Frau Behler tut dies wie alle anderen prominenten Kritiker der Reformpädagogik.

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Transmitter, 24.09.2010
1. Theorie und Praxis
Zitat von sysopEs ist ein Frontalangriff auf die Reformpädagogik: Sie habe versagt, ihre Anhänger müssten nach dem Missbrauchsskandal umdenken, schreibt die Ex-Kultusministerin Gabriele Behler in der "Zeit". Der Tübinger Pädagoge Ulrich Herrmann hat dafür kein Verständnis. In seiner Erwiderung erklärt er, warum. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,719220,00.html
Herrmann ist distanziert genug zuzugeben, dass die theorie-philosophische Grundlage der so genannten "Reformpädagogik" in der Alltagspraxis nie eingehalten werden konnte. Mit dieser Vision verhält es sich nämlich wie mit dem Christentum: "Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach." Die Idee der Reformpädagogig ist in der Tat gescheitert. Genau wie die Idee des Kommunismus gescheitert ist. Ist es denn sooooo schwer, das einfach mal zuzugeben?
Neinsowas 24.09.2010
2.
Zitat von TransmitterHerrmann ist distanziert genug zuzugeben, dass die theorie-philosophische Grundlage der so genannten "Reformpädagogik" in der Alltagspraxis nie eingehalten werden konnte. Mit dieser Vision verhält es sich nämlich wie mit dem Christentum: "Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach." Die Idee der Reformpädagogig ist in der Tat gescheitert. Genau wie die Idee des Kommunismus gescheitert ist. Ist es denn sooooo schwer, das einfach mal zuzugeben?
...wenn "Reform-Pädagogik in der Tat gescheitert" wäre, dann gäb´s keine mehr...dann würde die staatliche Schule Pisa verweigern und keine Wettbewerbe mehr ausschreiben, dann gäb´s weder Montessori- noch Waldorf, keine Internate, kirchliche Schulen, u.m., die ihr eigenes Konzept verfolgen ...dann würde noch unterrichtet wie anno dazumal um 1900...aber Lehrer-Hohl-Köpfe wie der von Frau Behler gibt´s noch genug, die sich im Unterricht nur wohlfühlen, wenn sie selektieren können...
Tobermory, 24.09.2010
3. Sinnlose Hetzjagd.
Zitat von TransmitterHerrmann ist distanziert genug zuzugeben, dass die theorie-philosophische Grundlage der so genannten "Reformpädagogik" in der Alltagspraxis nie eingehalten werden konnte. Mit dieser Vision verhält es sich nämlich wie mit dem Christentum: "Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach." Die Idee der Reformpädagogig ist in der Tat gescheitert. Genau wie die Idee des Kommunismus gescheitert ist. Ist es denn sooooo schwer, das einfach mal zuzugeben?
Sie vergessen, dass "Reformpädgogik" nie, wie der Kommunismus ein einheitliches Manifest hatte. Die Szene ist ausgesprochen heterogen und reicht von etwas spleenigen bis zu höchst seriösen Konzepten. Was ist denn Ihre Alternative? Unser, ach so perfektes staatliches Schulsystem, das in jedem Bundesland seit Jahrzehnten unterschiedliche Reförmchen produziert? Außerdem ist es ein Fehler, den Blick nur auf den Unterricht zu verengen. Inzwischen hat sich ja die Erkenntnis langsam durchgesetzt, dass die Ganztagsschule kommen muss. Die gibt es z.B. bein den Landschulheimen schon seit Jahrzehnten. Was ist daran zu kritteln? Da wird doch auf billigstem Niveau der Skandal an der Odenwaldschule instrumentalisiert, um seriösen Alternativen zum staatlichen Schulbetrieb den Garaus zu machen. Lietz mag ja Antisemit gewesen sein. Pädagogen mit dieser Einstellung gab es auch an anderen, insbesondere den staatlichen Schulen. Nehmen wir doch ein konkretes Beispiel. "Salem" ist wohl die prominenteste reformpädagogische Schule in Deutschland. Gegründet auf Initiative eines des Antisemitismus unverdächtigen badischen Prinzen, der als Leiter der Schule einen Juden, Kurt Hahn, wählte. Der musste dann 1933 emigrieren und gründete in England ein Internat nach ähnlichem Muster, das es heute noch gibt. Wieso sollte ein Schule, wie Salem, die regen Zuspruch verzeichnet, gescheitert sein? Das müssten Sie mal erklären. Wollen Sie Ihr Verdikt auch gleich auf die internationale Ebene ausweiten? In England gibt es massenhaft private Schulen, die man als "reformpädagogisch" bezeichnen könnte. Ich habe mal eine besucht, die schon vor vierhundert Jahren gegründet wurde. Dort kommt niemand auf die absurde Idee, den privaten Alternativen das Existenzrecht abzusprechen. Das liegt schlicht daran, dass sie i.d.R. besser sind, als die öffentlichen Schulen. Auch in Deutschland schicken immer mehr Eltern, die es sich leisten können, ihre Kinder auf private "reformpädagogische" Schulen. Dafür gibt es gute Gründe. Ebenso, wie es aus gutem Grund "Salem" im Gegensatz zum "Kommunismus" noch gibt. Wer so, wie Sie argumentiert, will (aus welchen Gründen auch immer) nur den alternativen und privaten Schulen an den Kragen. Was wäre denn gewonnen, wenn die dicht machen würden?
fpa, 24.09.2010
4. Behler nur populistisch
Zitat von sysopEs ist ein Frontalangriff auf die Reformpädagogik: Sie habe versagt, ihre Anhänger müssten nach dem Missbrauchsskandal umdenken, schreibt die Ex-Kultusministerin Gabriele Behler in der "Zeit". Der Tübinger Pädagoge Ulrich Herrmann hat dafür kein Verständnis. In seiner Erwiderung erklärt er, warum. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,719220,00.html
Wie wenig geschichtsbewußt Frau Behler argumentiert, wenn sie sagt zeigt meine eigene Erfahrung. Ich stamme aus einer Lehrerfamilie. Mein Vater, geb. 1898, war von 1923-1963 Schulleiter in einem Dorf. In der Verwandschaft (mein Vater hatte 10 Geschwister) gab es etliche weiter e Lehrer uns Lehrerinnen. Alle waren weit weg von jedem Anspruch an Reformpädagogik. Bei meinem Vater lag noch bis zuletzt der Rohrstock und wurde sogar gelegentlich auch noch eingesetzt ... nicht nur als Zeigestock. Was DIE Schule aber beherzigte, und eben auch den Erfolg bei schwierigeren Schüler hervorbrachte, war eben genau das: Der Lehrer als verantwortlicher Begleiter ins Leben des Kindes begriffen, und eben nicht als jemand, der ausschließlich dafür da ist, normierte Inhalte auf standartisierte Weise - unter völliger Abstinenz jeglicher perönlicher Verbindung - unter seiner Schülerschaft zu verbreiten. Das so etwas wie der Satz von Schopenhauer gilt "Was dem Herzen widerstrebt, lässt der Kopf nicht ein" mußte erst gar nicht erwähnt werden, da es eine handlungsimmanente Selbstverständlichkeit war.
infoseek, 24.09.2010
5. .
Beim Lesen von Behlers Text tauchte mir gleich wieder das protestantisch-calvinistische Gespenst auf: Leistung aus Lust an der Leistung ist Sünde, Leistung, die nicht durch schwitzige Mühsal voller Aversion vollbracht wurde, ist nichts wert. Und sie ist in Behlers Augen noch weniger wert, wenn sie nicht wenigstens innerhalb eines streng normierten Rahmens erbracht und gemessen wurde. Das ist die gute alte Rohrstockpädagogik des 19. Jahrhunderts, nur ohne Rohrstock, stattdessen mit den letztlich für eine stabile Persönlichkeitsentwicklung ebenso schädlichen manipulativen "wissenschaftlichen" Psychotricks von heute. Und was Behler nun gar nicht wahrhaben will: Die staatlich betriebenen Schulen arbeiten heute mit einer Vielzahl von Ideen und Konzepten, die von der "Reformpädagogik" von Montessori bis Waldorf im Verlauf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden. Was sie nicht sagt, ist, durch was sie all das ersetzen will, wenn sie diese Elemente der "gescheiterten Reformpädagogik" aus den staatlichen Schulen verbannt. Der Großteil davon ist heute Stand der von ihr so hoch gepriesenen Wissenschaft. Was bleibt also von Behlers Text? Substanzloses ideologisches Geschwurbel. Genau das, was man in den Schulen am allerwenigsten braucht. Und so jemand war eine große Nummer in der Bildungspolitik. Gruselig.
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