Depressive Jungs "Viele dachten, ich wär eine faule Sau"

Er jubelte im BVB-Stadion, legte Platten auf, traf Freunde. Doch plötzlich verlor Fabian, 20, jeden Antrieb und brachte nichts mehr zustande. Depression, lautete die Diagnose - und damit begann der steinige Weg zur Genesung.

Von Sonja Leister


Am schwierigsten ist das Aufstehen. Wenn schon morgens die "innere Last" da ist, wie er sie nennt, diese Last, die ihn ins Bett drückt; wenn sein Körper sich zentnerschwer anfühlt, dann raubt sie ihm jeden Antrieb und jede Freude.

Schlapp, müde, lustlos: Jeder Zehnte erkrankt an Depressionen.
REUTERS

Schlapp, müde, lustlos: Jeder Zehnte erkrankt an Depressionen.

Fabian Klauser*, 20, Schüler an einem Berufskolleg in Bochum, steuert das Fachabitur an. Eigentlich ist er ein Typ, der immer unterwegs ist: Sport treiben, Freunde treffen, Platten auflegen. Jede zweite Woche jubelte er früher in der Fankurve des BVB. Doch dann machte sein Leben eine Vollbremsung - und er wusste nicht, warum.

Es ging auf einmal gar nichts mehr. Fabian schottete sich ab, stand nicht mehr auf. Stunde um Stunde verbrachte er im Bett, schlapp und müde. "Das war wie von hundert auf null", sagt er, "ich war total gelangweilt, aber ich hatte einfach nicht die Kraft, etwas zu machen." Fabian war nicht mehr Fabian.

Inzwischen quält er sich wieder aus dem Bett, immer öfter rafft er sich auf und beginnt den Tag. Denn er weiß mittlerweile, dass er krank ist und dass er gegen die Krankheit angehen muss.

Vom Musterschüler zum Schluffi wider Willen

Bis vor drei Monaten hatte Fabian keine Ahnung, was mit ihm los war. Ein Arzt stellte schließlich die Diagnose: Depression. Für Fabian kam das überraschend. "Aber die Nachricht war auf jeden Fall eine Erleichterung für mich, weil ich endlich verstehen konnte, was los war", sagt Fabian heute. Endlich hatte er eine Erklärung dafür, warum nichts mehr lief; warum er sich selbst kaum wiedererkannte.

Eigentlich war Fabian ein guter Schüler, er träumte von einem Pharmaziestudium. Doch in der 12. Klasse interessierte ihn plötzlich nichts mehr. Die Zukunft war nur noch ein graues, formloses Etwas. Er fehlte tagelang unentschuldigt, verpasste Klausuren. "Viele dachten, ich wäre einfach eine faule Sau", sagt Fabian, "aber das war kein Schuleschwänzen im eigentlichen Sinn. Ich konnte einfach nicht gehen." Die Lehrer waren enttäuscht. Freunde und Familie ratlos. Es ging bergab.

Heute weiß Fabian, dass die Krankheit ihn gelähmt hat. Damals hielt er sich selbst für einen Loser. Denn wie viele Jugendliche konnte er mit dem Begriff Depressionen gar nicht anfangen. Dabei wird die Krankheit immer häufiger bei jungen Menschen behandelt. Zwischen 2000 und 2006 hat sich die Zahl der schweren Fälle fast verdoppelt, nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kommen jährlich fast 10.000 Patienten zwischen 15 und 25 Jahre wegen Depressionen ins Krankenhaus. Dazu kommen unzählige Betroffene, die an leichteren Formen der Krankheit leiden.

Wie Depressionen das Leben Richtung Abgrund reißen

Wen reißt eine Depression in den Abgrund und warum? Wie kann es sein, dass fröhliche, junge Menschen von einem Moment auf den nächsten keine Freude mehr empfinden? Veranlagung kann eine Rolle spielen, Schicksalsschläge, Stress. Ulrike Wortmann-Grohé leitet die Depressions-Station an der Westfälischen Klinik für Psychiatrie in Dortmund. Sie sagt, dass die Krankheit oft in Umbruchphasen akut wird: "So eine Phase ist auch das Erwachsenwerden. Wenn man als junger Mensch lernen muss, auf eigenen Beinen zu stehen, ist das eine große Belastung."

Bei depressiven Jugendlichen wird die Lage noch schwieriger, weil sie wegen der Krankheit oft lange aussetzen müssen in der Schule oder am Arbeitsplatz. Umso wichtiger ist schnelle Hilfe, sagt die Ärztin: "Je früher die Behandlung beginnt, desto kürzer ist der Leidensweg der einzelnen. Und desto größer ist die Aussicht auf eine Genesung."

Es war Fabians Mutter, die ihn im Sommer zum Arzt brachte, ihn regelrecht zwang, sich untersuchen zu lassen. Sie spürte, dass etwas nicht stimmte mit ihm. Damals war er genervt, heute ist er dankbar: "Es ist auf jeden Fall sehr, sehr wichtig, dass man jemanden hat, der einen an die Hand nimmt und da rausholt. Alleine schafft man es auf gar keinen Fall."

Seit ein paar Wochen ist er krank geschrieben und in Behandlung. Medikamente sollen helfen gegen die Antriebslosigkeit. Den Rest muss er mit Hilfe seines Therapeuten selbst hinkriegen. Fabian versucht, herauszufinden, warum er krank geworden ist. Denn eine richtige Ursache hat er noch nicht erkannt. Noch ist sie ein formloses Etwas.

(*Name von der Redaktion geändert)



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.