Interview zu sexueller Toleranz "Unangebrachte Witze sind Alltag"

Schüler lernen zu wenig über sexuelle Orientierungen, findet Helge Feußahrens, Vorsitzender des niedersächsischen Landesschülerrats. Sein Bundesland brauche dringend mehr Aufklärung im Unterricht, damit Homophobie aus dem Alltag verschwindet.

Ein Interview von Claudia Malangré

Demonstrantinnen (in Barcelona): "Lesbe wird häufig als Schimpfwort benutzt"
AFP

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Zur Person
  • Privat
    Helge Feußahrens, 19 Jahre alt, ist Vorsitzender des Landesschülerrates Niedersachsen. Seine Hauptaufgabe ist die Koordination zwischen Landesschülerrat und Kultusministerium. Zurzeit besucht er die Berufsbildende Schule 11 Hannover und macht eine Ausbildung zum Versicherungs- und Finanzkaufmann.
  • Landesschülerrat Niedersachsen
SPIEGEL ONLINE: Herr Feußahrens, die niedersächsische Landesregierung plant, sexuelle Vielfalt in Schulen zum verbindlichen Unterrichtsthema zu machen. Weshalb unterstützen Sie und der Landesschülerrat den Plan?

Feußahrens: Das letzte Konzept zu sexueller Vielfalt im Unterricht ist von 1994, seitdem hat sich viel verändert. Wir wollen zeigen, dass der Landesschülerrat ein offenes Gremium ist und dass wir Vielfalt begrüßen. An der Schule muss sich jeder wohlfühlen, egal, welche sexuelle Orientierung er hat.

SPIEGEL ONLINE: Die CDU-Landtagsabgeordnete und Lehrerin Karin Bertholdes-Sandrock hält es für unverantwortlich, wenn Homosexuelle unbeaufsichtigt vor Schülern über ihr Leben sprechen. Sie fordern von ihr, sie solle ihr Mandat niederlegen. Warum?

Feußahrens: Was Bertholdes-Sanrock gesagt hat, ist einfach nicht tragbar. Auch wenn jemand christliche Grundwerte vertritt, sollte er oder sie sich für eine offene und tolerante Gesellschaft aussprechen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird denn bisher an Schulen mit den Themen Sexualität und Vielfalt umgegangen?

Feußahrens: Meist werden sie belächelt, unangebrachte Witze gehören zum Alltag. Schwuler und Lesbe werden häufig als Schimpfwort benutzt, oft von jüngeren Schülern, die gar nicht genau wissen, was die Begriffe tatsächlich bedeuten.

SPIEGEL ONLINE: Gehen Lehrer ernsthaft mit dem Thema um, wenn es um Homosexualität, Bisexualität, Transsexualität, Intersexualität oder Transgender geht?

Feußahrens: Leider nicht immer. Ich habe selbst miterlebt, wie sich ein Biologielehrer über gleichgeschlechtliche Partnerschaften lustig gemacht hat. Nach dem Motto: Da müsse ja etwas schiefgelaufen sein. Manche sparen das Thema in Sexualkunde ganz aus, besonders, wenn ein konservativer Rektor sich dagegen sperrt. Das darf nicht mehr passieren.

SPIEGEL ONLINE: Anfang des Jahres entbrannte in Baden-Württemberg ein großer Streit, weil dort sexuelle Vielfalt in den Bildungsplan aufgenommen wird. Wird das jetzt auch in Niedersachsen ein Aufreger?

Feußahrens: Könnte sein. Aber die Landesregierung verfolgt ein gutes Konzept, das auch bei anderen Parteien und Organisationen viel Zustimmung findet. Ich hoffe deshalb, dass sie das Konzept wie geplant durchsetzt, dann wäre Niedersachsen unter den Bundesländern sogar bei den Vorreitern für mehr Toleranz dabei.

Das Interview führte Claudia Malangré



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 81 Beiträge
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DerSponner 19.09.2014
1. Ja und Nein
Das Thema sollte schon behandelt werden. Aber es sollte auch berücksichtigt werden daß wohl nur 1% der Bevölkerung "betroffen" sind (ohne Wertung). Wenn in den Schulbüchern nur noch Regenbogenfamilien vorkommen würden wäre es ein verzerrtes Bild der Realität.
hedele 19.09.2014
2. Es sind 7 Prozent
Es betrifft nicht 1 Prozent, sondern nachweislich 7 Prozent der Schüler. In diesem Verhältnis sollte das Thema auch im Sexualkundeunterricht und bei Partnerschaftsfragen z.B. im Religionsunterricht vorkommen.
zzyzzx 19.09.2014
3. @derSponner
Es behauptet doch niemand, dass nur noch Regenbogenfamilien vorkommen sollen, genauso wenig, wie das Anerkennen der Existenz homosexueller Partnerschaften die "klassische" Familie in irgendeiner Weise in Frage stellt. Hier soll nichts übertrieben werden, aber es ist gut davon wegzukommen, das Thema zwanghaft totzuschweigen und die Betroffenen alleine zu lassen.
European 19.09.2014
4. Zuviel Sexualkunde
gibt es inzwischen in den Schulen, das behauptet zumindest mein Sohnemann. Das ständige Gelabere sorgt auch nicht für mehr Nachwuchs - dafür ist übrigens Sex da.
Doppelbinder 19.09.2014
5.
@DerSponner Ähem...addieren sie ca. 9 Prozentpunkte und sie sind näher an der Wahrheit. Davon abgesehen finde ich die Angst unbegründet. Es gibt eine verzerrte Wahrnehmung des Themas ("Überall Gutmenschen! Riesige Schwulenlobby! Eine Minderheit diktiert der Mehrheit!" blabla). Homosexualität ist entsprechend ihres Vorkommens durchaus lange noch nicht überpräsent. Aber es würde vermutlich die ganze Diskussion entschärfen wenn die Medien mal klar machen würden, dass wir hier vermutlich von einer einzigen Unterrichtsstunde o.ä. sprechen zum Thema sexueller Vielfalt. Für Kritiker bedeutet "in den Bildungsplan aufnehmen" ja immer gleich sowas wie "es soll ein Schwul-sein-Fach geben" *rolleyes*
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