Deutsch-französisches Geschichtsbuch "Ein ziemlicher Spagat"

Die Idee kam von Schülern, die Umsetzung war schwierig – jetzt ist das erste grenzüberschreitende Geschichtsbuch fertig. Deutsche lernen das Kolonialreich, Franzosen den DDR-Alltag kennen - und auch der Film "Good bye, Lenin" spielt eine Rolle.


Bilder eines grimmig blickenden Adolf Hitler 1940 vor dem Eiffelturm, darunter Helmut Kohl und François Mitterrand, die sich 1984 auf dem Gräberfeld von Verdun an den Händen halten: In der Hoffnung auf eine engere deutsch-französische Freundschaft werden Schüler aus Frankreich und Deutschland künftig aus dem gleichen Geschichtsbuch lernen. "Histoire/Geschichte: L'Europe et le monde depuis 1945 / Europa und die Welt seit 1945" ist der Titel des Lehrbuchs, das in beiden Sprachen erscheinen, und ab Herbst für den Unterricht in der achten bis zehnten Klasse zur Verfügung stehen soll.

Daniel Brühl in "Good bye, Lenin": Material für die Geschichtsstunde
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Daniel Brühl in "Good bye, Lenin": Material für die Geschichtsstunde

"Es ist weltweit das erste Mal, dass zwei Nationen zusammen ihre Geschichte schreiben", sagte der deutsch-französische Kulturbeauftragte und saarländische Ministerpräsident Peter Müller bei der Vorstellung des Buches in Peronne.

Geschichte durch die Brille des anderen betrachten und damit ein reicheres Weltbild entwickeln - die Idee zu dem Völker verbindenden Lehrbuch stammt von einem deutsch-französischen Jugendparlament, das vom Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW) initiiert wurde. Bei den Feiern zum 40. Jahrestag des Elysée-Vertrages im Januar 2003 schlugen die jungen Leute "ein Geschichtsbuch mit gleichem Inhalt" vor, um den Abbau von Vorurteilen zwischen Deutschen und Franzosen zu fördern. Die Regierungen griffen die Idee dankbar auf und richteten Expertengruppen ein.

Franzosen lernen DDR-Alltag kennen

Die Umsetzung war steinig, wie Insider einräumen. "Ein ziemlicher Spagat" sei allein die Vorgabe gewesen, die Lehrpläne aller 16 deutschen Bundesländer und des Pariser Bildungsministeriums unter einen Hut zu bekommen, heißt es - eine große Herausforderung für die Autoren. Das Ergebnis der Koproduktion mit dem Pariser Verlagshaus Nathan spreche aber für sich selbst: "Die Schnittmenge ist 333 Seiten dick."

In dem Buch erfahren deutsche Schüler etwa, wie auch Frankreich mit der Aufarbeitung der Nazi-Zeit haderte. Sie lernen, die jahrelang wichtige Rolle der Kommunisten im Nachbarland zu verstehen. Und sie sehen in Grundzügen den Zerfall des französischen Kolonialreiches, der in den Indochina- und den Algerienkrieg mündete. Junge Franzosen erhalten Einblicke unter anderem in den DDR-Alltag oder die deutsche Debatte um die Schuld an den Nazi-Gräueltaten.

Wer mehr will, bekommt Tipps. So sollen sich Interessierte den Film "Good bye, Lenin", das Museum am Berliner Checkpoint Charlie oder das Bonner Haus der Geschichte ansehen, um die DDR und die deutsche Teilung zu verstehen. Zum Nachvollziehen des Kalten Krieges empfehlen die zehn Autoren unter anderem John Le Carrés Thriller "Der Spion, der aus der Kälte kam" oder Stanley Kubricks Film "Dr. Seltsam oder Wie ich lernte die Bombe zu lieben".

Offiziell erscheinen sollen die deutsche und die wort- und bildgleiche französische Ausgabe am 11. Juli in Saarbrücken. Zum Einsatz kommen wird das Werk dann ab nächstem Schuljahr. Folgen sollen zwei weitere Bände für die Geschichte von der Antike bis 1945.

cpa/afp/reuters

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