Deutschkurse für Analphabeten Cheika, 53, malt ein e

Flüchtlinge sollen Deutsch lernen, klar. Was aber, wenn sie nicht einmal in ihrer eigenen Sprache lesen und schreiben können? Viele Lehrer sind mit den Analphabeten überfordert.

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Youssef Abdelkarim hält den gelben Bleistift, als wäre er zerbrechlich. Mit den Fingerspitzen hat er die Enden umfasst. Vorsichtig dreht er den Stift zwischen den Händen in seinem Schoß. "Es tut mir leid, dass ich so viele Jahre verloren habe", sagt er leise.

Der 28-jährige Syrer ist Analphabet. Er ging in seiner Heimatstadt Idlib nur drei Jahre zur Schule, in denen er oft schwänzte, sein Lehrer habe ihn geschlagen, erzählt der zierliche Mann. Als er elf wurde, habe sein Vater ihn auf Baustellen mitgenommen, wo die beiden arbeiteten.

"Ich habe nur gelernt, meinen Namen zu schreiben", sagt Abdelkarim. Er sitzt auf dem grauen Sofa einer Flüchtlingsunterkunft in Kisdorf, einer kleinen Gemeinde in Schleswig-Holstein. Neben ihm sitzt Ingrid Jensen, 75, ehrenamtliche Deutschlehrerin.

Abdelkarim liest bedächtig einen Satz von dem Arbeitsblatt vor, das vor ihm auf dem Tisch liegt. "Wo ist das Taxi?" Das Blatt liegt falsch herum, er kann sogar über Kopf lesen. "Sehr gut", lobt Jensen. Die freundliche Rentnerin hat Abdelkarim monatelang unterrichtet, bis vor einigen Wochen endlich sein Integrationskurs anfing.

Neun Prozent der Flüchtlinge, die seit 2013 nach Deutschland gekommen sind, haben noch nie eine Schule besucht. Fünf Prozent können in ihrer Mutter- oder Landessprache überhaupt nicht, sieben Prozent können nur schlecht lesen und schreiben, wie eine Studie jüngst ergab.

Das sind mehrere Zehntausend Menschen, denen es oft besonders schwerfällt, hier anzukommen. Weil er nicht lesen und schreiben konnte, war Abdelkarim im Anfängerkurs für Flüchtlinge, den Ehrenamtliche in der alten Dorfschule von Kisdorf geben, überfordert. "Die Analphabeten sind dort ausgegrenzt", sagt Astrid Joachim, die die Deutschkurse organisiert.

Cheika Husseins erstes Buch ist ein Lehrwerk

Jensen unterrichtet sie deswegen einmal in der Woche separat, im Wohnzimmer einer Unterkunft für geflüchtete Familien. Drei Frauen sind heute gekommen, eine ist Cheika Hussein, 52, schwarz geschminkte Augen und Strickpulli. Sie sei nie zur Schule gegangen, sagt die Schneiderin aus dem syrischen Hasaka. Das "Lehrwerk zur Alphabetisierung und Grundbildung" ist das erste Buch, das Cheika Hussein je besessen hat.

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Flüchtlinge wie Hussein und Abdelkarim sind eine große Herausforderung für Deutschlehrer im ganzen Land. "Zwei bis drei Analphabeten in einem Deutschkurs reichen, um den Lehrer ratlos zu machen", sagt Didaktiker Alexis Feldmeier, der seit Jahren zur Alphabetisierung forscht. "Ich habe häufig Analphabeten beobachtet, die keinen geraden Strich auf dem Papier ziehen können."

Doch nicht nur das Lesen und Schreiben ist ein Problem. Denn die lateinischen Buchstaben müssen ja auch die Flüchtlinge neu lernen, die mit einer anderen Schrift aufgewachsen sind. Bei vielen Analphabeten komme aber hinzu, dass sie wenig Sprachbewusstsein, meist keine schulische Sozialisation und keine Lern- und Kommunikationsstrategien erworben hätten, sagt Feldmeier. Sprich: Sie wissen gar nicht, wie man lernt.

Das deutsche Bildungssystem ist schlecht auf diese Neuankömmlinge eingestellt. Mehr als 20 Hochschulen bieten zwar Studiengänge in Deutsch als Fremdsprache an. "Doch die Alphabetisierung spielt fast nirgendwo eine Rolle", kritisiert Feldmeier.

"Gut gemeint, aber schlecht gemacht"

Darin seien höchstens die Grundschullehrer ausgebildet. Doch die lernten nicht, wie man Kinder alphabetisiert, die noch kein Wort Deutsch sprechen. "Die Unis müssen reagieren und ihre Studiengänge anpassen", sagt Feldmeier.

Um genügend Fortbildungen anbieten zu können, fehlten derzeit noch Dozenten. Die Kurse seien zudem meist nur einen Tag lang und damit viel zu kurz. "Acht Stunden reichen nicht", moniert der Sprachlehrforscher, der selbst auch Deutschlehrer in Alphabetisierung ausbildet.

Die Fortbildung, die Ingrid Jensen vor zwei Wochen besucht hat, dauerte zweieinhalb Stunden. Da wurde der pensionierten Sekretärin klar, dass sie in den vergangenen Monaten einiges falsch gemacht hat. Dass sie lieber erst mit einzelnen Buchstaben angefangen hätte, statt das ABC und ganze Sätze auswendig zu lernen.

"Es passiert viel, was gut gemeint aber schlecht gemacht ist", sagt Feldmeier. Doch Jensen findet das nicht schlimm. Weil Cheika Hussein und Youssef Abdelkarim trotzdem Fortschritte gemacht haben. "Und weil sie sich freuen, dass ich komme", sagt die 75-Jährige.

Nicht nur Jensen erzählt, dass ihre Schüler enorm motiviert sind. "Die Analphabeten sind mir oft die liebsten", sagt auch der pensionierte Polizeidirektor und Fachhochschullehrer Manfred Bublitz, der in Steinkirchen bei Hamburg Flüchtlingen ehrenamtlich Deutsch beibringt. "Sie sind fleißig, pünktlich und glücklich, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben zur Schule gehen dürfen."

In kleinen Schritten voran

"Sonne, Sofa, Rose, Ente", sagt Cheika Hussein und zeigt auf die Bilder in ihrem Lehrbuch. "Ist das nicht schön?" Jensen strahlt. "Es macht mich zufrieden, dass es vorangeht." Es sind kleine Schritte, Abdelkarim kann nach einem Jahr immer noch keine SMS schreiben. Doch er hat viele Kontakte mit Kisdorfern geschlossen und die monatelange Wartezeit bis zum Integrationskurs gefüllt. Dort könne er jetzt gut mithalten, sagt Flüchtlingshelferin Joachim.

Rentnerin Jensen hat Bekannte, die nicht verstehen, warum sie sich für die fremden Analphabeten einsetzt. "Manche fragen: Warum verschwendest du für die deine Zeit? Und warum hilfst du nicht den deutschen Analphabeten?", erzählt die Rentnerin. "Aber ich kenne gar keine deutschen Analphabeten."

In Deutschland leben mehr als sieben Millionen Erwachsene, die nicht richtig lesen und schreiben können. Die Betroffenen schämen sich oft, Hilfe anzunehmen und sprechen nicht über ihr Defizit.

Cheika Hussein geniert sich nicht, dass sie erst mit 52 Jahren lesen und schreiben lernt. "Als Kind habe ich geweint, wenn ich die Nachbarsmädchen gesehen habe, die auf dem Weg zur Schule waren", sagt die Kurdin. "Jetzt bin ich sehr glücklich." Dabei streckt sie die molligen Arme in die Höhe und malt einen Halbkreis in die Luft, der für die neue Welt steht, die sich ihr in Kisdorf eröffnet.

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