Deutsche Bildungsverlierer Scheitern und Schule sind Zwillinge

Kein Kind darf zurückbleiben? Für deutsche Schulen gilt das nicht. Statt Lernen steht Aussieben auf dem Stundenplan: Das Wirtschaftswunderland produziert Bildungsarmut und Schulversager ohne Aufstiegschance. Das bisschen Pisa-Aufschwung ändert daran wenig - eine Abrechnung.

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Als sein Vater zuschlug, ist er weggelaufen. Christian, 16 Jahre alt, kein guter Schüler, kein braver Schüler, verkrachtes Elternhaus. Die Familie lebt in schwierigen Verhältnissen. Der Sohn kommt mit der Schule nicht zurecht. Oft geht er gar nicht mehr hin, begeht Diebstähle. Der Gewaltausbruch des Vaters spitzt die Situation für Christian zu. Über Nacht steht er jetzt buchstäblich am Rande der Gesellschaft. Drei Wochen lang schläft er bei Kumpels.

Zum Davonlaufen: Das deutsche Schulsystem braucht die "Versager"

Zum Davonlaufen: Das deutsche Schulsystem braucht die "Versager"

"Mir darf gar nichts mehr passieren", sagt Christian. "Nicht einmal mehr Schwarzfahren, sonst gehe ich in den Knast." Er lacht kurz auf. Es klingt wie ein ungläubiger Seufzer. Als könne er's selbst nicht fassen, dass ein so junger Mensch wie er den Anschluss bereits verpasst haben könnte.

Christian, der große Junge aus Augsburg, balanciert auf dem schmalen Grat zwischen gefährdeter Kleinbürgerlichkeit und dem Abdriften in die Kriminalität. Noch ehe er volljährig ist, muss er in ein Wiedereingliederungsprojekt. Er will seinen verpassten Hauptschulabschluss nachholen. Er sieht sich nach Lehrberufen um. Die Sozialarbeiter versuchen unterdessen, anhängige Gerichtsverfahren niederzuschlagen.

Christians Lebenskarriere ist keine Ausnahme. Das deutsche Schulsystem hat eine eigentümliche Förderpraxis. Der Schule ist es fremd, nachhängende Schüler wie ihn rechtzeitig so energisch zu fördern, dass sie den Anschluss von Anfang an halten. Keine Zeit, kein Personal heißen die Ausreden, Sitzenbleiben und Abschulen die Methoden des Schulsystems, diese Schüler loszuwerden. Zigtausende bleiben so jährlich zurück.

Durchlässigkeit nur nach unten

Sie sammeln sich in Sonderschulen oder in prekären Hauptschulen. Sie heißen Schulversager, Schulschwänzer, Schulmüde, Schulvermeider, Schulabbrecher. Es ist erstaunlich, wie oft sich das Wort Schule im Deutschen mit Scheitern kombinieren lässt. Scheitern gehört zur deutschen Schule wie die Wolke zum Regen. 40 Prozent der Schüler erleben gravierende Misserfolge in der Schule: keine schlechte Note, sondern Dinge wie Zurückstellen, Sitzenbleiben und Abstufen.

Nicht umsonst gibt es hierzulande das Wort der Abstiegsmobilität. Es bedeutet, dass Schulwechsel in aller Regel nach unten führen, nicht nach oben. "Produziert werden damit Erfahrungen des Ausgeschlossenwerdens - und dies in einem Ausmaß wie wohl in keinem anderen Schulsystem der Welt", so der Bielefelder Pädagoge Klaus-Jürgen Tillmann.

Und alle wissen es. Seit die Schulstudie Pisa im Jahre 2001 zeigte, dass fast ein Viertel der 15-Jährigen als Risikoschüler wie Christian einzustufen sind, hat kein Thema die Öffentlichkeit so aufgerüttelt wie die neue Bildungskrise. An den strukturellen Problemen aber hat sich seitdem so gut wie nichts geändert. Um ein paar Prozentpünktchen hat die Zahl der Bildungsverlierer bei der letzten Pisastudie im Dezember abgenommen. Und schon jubelte die Politik, man sei wieder auf dem Weg nach oben.

Risikoschüler als Normalfall

Dabei ist Pisa kein Versehen. Pisa hat die Wahrheit des Bildungssystems ganz gut ausgedrückt: Es produziert systematisch Bildungsarmut. Seine durchgehende Schwäche ist der Mangel an Plätzen für Lernwillige - das gilt auch für Kindergärten, die berufliche Bildung, und selbst in die privilegierten Hochschulen quetschen sich zwei Studenten auf einem Studienplatz. Seit fast 30 Jahren ist das jetzt so. Damals hieß es noch, man wolle nur mal eben einen Studentenberg untertunneln. Das entpuppte sich als die Lebenslüge der Nation. In der viel gerühmten dualen Ausbildung ist es ähnlich.

400.000 sogenannte Altbewerber warteten vergangenes Jahr bereits zum zweiten Mal auf eine Lehrstelle. Selbst der Azubi-Boom 2007 konnte sie nicht alle vom Markt räumen.

Will man zeigen, wie groß der Modernisierungsrückstand bei Kindergärten ist, muss man weit zurückgehen. Schon um 1848 forderte Friedrich Fröbel eine pädagogische Revolution des Kindergartens. Kleine Kinder verfügten über große Lernfähigkeiten, meinte der Kristallograf. Also brauche man ein Lernkonzept und gut ausgebildete Lehrerinnen für die Kleinen.

Was Fröbel damals predigte, vertritt heute, 160 Jahre später, eine gewisse Ursula von der Leyen (CDU), ihres Zeichens Bundesfamilienministerin. Denn die Ideen des Erfinders des Kindergartens wurden überall auf der Welt fleißig kopiert. Nur in Deutschland fängt man damit jetzt erst richtig an.

Dabei ist das Land in der Mitte Europas das letzte, das sich ein überaltertes Bildungssystem leisten könnte. Das Industrieland braucht jede qualifizierte Kraft. Der technologische Wandel hat längst begonnen. Und Branchen erfasst, von denen man das nicht erwartet hätte.

Hauptschüler im Stahlwerk? Nein danke

Volker Grotensohn steht in einem Walzwerk im Ruhrgebiet. "Heute gibt es nur noch ganz wenige Menschen in der Halle, und die müssen hochqualifiziert sein", sagt Grotensohn, Ausbildungsleiter bei der ThyssenKrupp Steel AG. Er spricht über einen Beruf, der früher das Sinnbild für den Boom mit ungelernten Kräften war: den Stahlarbeiter. "Es ist völlig abwegig zu denken, man könne heute noch mit Ungelernten Stahl herstellen. Der Mann am Besen, der die Halle ausfegte, ist ausgestorben."

Stahlarbeiter bei ThyssenKrupp: "Hauptschüler ziehen den Kürzeren"
DPA

Stahlarbeiter bei ThyssenKrupp: "Hauptschüler ziehen den Kürzeren"

Wahrscheinlich lässt sich an keiner Branche der technologische Wandel besser illustrieren als an der Stahlherstellung. Als Stahl Jobmaschine und Motor für wirtschaftliche Entwicklung war, gab es im Bergbau etwa 40 Prozent ungelernte Kräfte, in der Eisenindustrie war es ein Viertel. Heute ist das anders. Bei ThyssenKrupp Steel sind unter den rund 1300 Lehrlingen gerade noch sechs Prozent Hauptschüler zu finden. "Man kann nicht sagen, dass wir sie nicht wollen", sagt Rudolf Carl Meiler aus dem Vorstand von ThyssenKrupp, "aber die Hauptschüler ziehen den Kürzeren bei den Tests."

Gleichzeitig explodiert die Zahl der Hochqualifizierten bei Stahlunternehmen. Bei ThyssenKrupp bewarben sich im Jahr 2000 rund 1300 junge Leute mit Abitur oder Fachabitur, zuletzt waren es bereits über 2700. Und die werden gebraucht. Denn Stahl ist ein intelligentes Produkt geworden. In den Hallen beobachten Ingenieure auf computerisierten Steuerständen, ob die Stähle in einwandfreier Qualität produziert werden. Hauptschüler ohne Abschluss werden hier nur noch in einer Art Trostrunde eingestellt - in einer karitativen Maßnahme, finanziert vom Arbeitsamt.

Das Dilemma könnte größer nicht sein. Hier Schüler, die kaum in der Lage sind, die Worte eines bedruckten Blatt Papiers zu entziffern. Dort die neuen Qualifikationsanforderungen einer hochtechnisierten Welt. Und dazwischen die Schule und der Staat, der sie betreibt. Dabei gibt es längst gute Erfahrungen mit einem ganz neuen Lernen. Nicht in Finnland, hier in Deutschland.

Am kommenden Mittwoch beschreibt Christian Füller auf SPIEGEL ONLINE, wie gute Schulen in Deutschland heute aussehen: "Wir können auch anders". Füller ist Redakteur der "taz" und Autor des neuen Buches "Schlaue Kinder, schlechte Schulen: Wie unfähige Politiker unser Bildungsystem ruinieren - und warum es trotzdem gute Schulen gibt" (Verlag Droemer-Knaur).



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 105 Beiträge
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Seite 1
duk2500 19.03.2008
1. Es gibt ja Alternativen
Man kann allen Eltern nur empfehlen, sich außerhalb des staatlichen Schulsystems umzuschauen. Trotz der deutschen Staatsschulgläubigkeit wird in anderen Systemen wie Montessori nicht selektiert sondern gezielt gefördert. Ich habe meine 3 Kinder auf einer Waldorfschule, wo es keine Sitzenbleiber gibt. Trotzdem ist die Quote der Abiturienten und Fachhochsculabschlüsse wesentlich höher als beim Staat. Das kostet halt ein bisschen Geld und man muß ggf. den Skiurlaub streichen. So what, was gibt es für die Kinder wichtigeres als eine gute Ausbildung, die nicht nur hochqualifizierte High-Tech-Knechte für die Industrie oder alternativ Ausschuß produziert? Eine gute Schule soll Menschen ausbilden und den Spaß am lebenslangen Lernen vermitteln.
OlafKoeln, 19.03.2008
2. Generalüberholung tut Not !!!
Zitat von sysopKein Kind darf zurückbleiben? Für deutsche Schulen gilt das nicht. Statt Lernen steht Aussieben auf dem Stundenplan: Das Wirtschaftswunderland produziert Bildungsarmut und Schulversager ohne Aufstiegschance. Das bisschen Pisa-Aufschwung ändert daran wenig - eine Abrechnung. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,542286,00.html
Das jetzige Bildungssystem ist so ziemlich das allerletzte. Dabei hätte man durchaus lernen können - von der DDR - wie die Finnen. Aber das wäre ja politisch incorrect. Wenn man jetzt das Versagen bei der Einführung eines 12 jährigen Abiturs betrachtet (was im Rest der Welt und in Neu-Fünf-Land normal war/ist), kommen einem wirklich die Tränen. Und eine neue (soziale) Teilung wurde ja erst eingeführt - Bachelor und Master. Die Absolvierung eines Masters (möglichst nach praktischer Tätigkeit), können sich i.R. auch nur wieder die mit finanziellen Rückhalt leisten. Für den "Rest" wird es (wiedermal) eng.
Baikal 19.03.2008
3. Quatsch
Zitat von sysopKein Kind darf zurückbleiben? Für deutsche Schulen gilt das nicht. Statt Lernen steht Aussieben auf dem Stundenplan: Das Wirtschaftswunderland produziert Bildungsarmut und Schulversager ohne Aufstiegschance. Das bisschen Pisa-Aufschwung ändert daran wenig - eine Abrechnung. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,542286,00.html
Das ist eine beliebte Ausrede aller die Spaß beim Lernen haben wollen und keine Neugier auf Wissen kennen.
Afrika 19.03.2008
4. Was soll
denn die Schule noch alles leisten? Sicherlich ist mehr Unterstuetzung benachteiligter und schlechter Schueler dringend notwendig, wenn noetig auch mit einem geaenderten Schulmodell. Aber es ist m.E. zu viel verlangt, dass Schulen - und in diesem Sinne die Lehrer - saemtliche Defizite, die ein Kind in seiner Familie erfaehrt, auffangen und korrigieren sollen.
bipolar84 19.03.2008
5. Nicht nachvollziehbar
Ich kann die Stimmung im Artikel überhaupt nicht nachvollziehen. Meine Eltern sind keine Akademiker noch besonders reich. Ich war in der Grundschule nicht der Beste (vermutlich hatte ich Probleme weil ich immer viel jünger war als die anderen). Ich kam dann auf die Realschule und verbesserte meine Leistungen innerhalb von zwei Jahren. Ab der 7. Klasse ging ich dann aufs Gymnasium und habe ohne "Ehrenrunde" mein Abitur geschafft. Seit 4 Jahren studiere ich Elektrotechnik an einer Uni. Diese ganzen Jammergeschichte von sozialer Ausgrenzung etc. und Leistungsdruck kann ich nicht nachvollziehen. Wer sich mit 16 schon am Rande der Kriminalität befindet, dem kann man auch mit dunkelroter Sozialromantik nicht mehr helfen. Vielleicht sollte man mal eingestehen, dass manche Menschen einfach nicht wollen. Was immer wieder gefordert wird, hilft keinem Problemkind. Im Gegenteil: die Starken werden von den Schwachen nach unten gezogen. Es liegt nicht am Schulsystem, wie Pisa gezeigt hat. Die Probleme liegen woanders (Betreuung, Ausbildung der Lehrer, Ausstattung und Möglichkeiten der Schulen, ...).
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