Badeunfälle "Die meisten ertrinken vollkommen still"

Mindestens 404 Menschen sind im vergangenen Jahr in Deutschland ertrunken. Ein Schwimmlehrer erklärt, warum Gefahren unterschätzt werden.

Kinder in Berliner Freibad (Symbolbild)
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Kinder in Berliner Freibad (Symbolbild)


In Deutschland sind im vergangenen Jahr mindestens 404 Menschen bei Badeunfällen ums Leben gekommen, wie eine Statistik der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) zeigt. Das sind zwar weniger als im Vorjahr, die DLRG führt das aber vor allem auf das schlechte Wetter im Sommer zurück. Grund zur Entwarnung gebe es deshalb nicht.

Laut DLRG kann mehr als die Hälfte der Grundschüler nicht richtig schwimmen. Als sichere Schwimmer gelten Kinder, die die Anforderungen des Jugendschwimmabzeichens Bronze sicher beherrschen. Auch deshalb komme es immer wieder zu Badeunfällen. Allein 2017 ertranken mindestens 14 Kinder im Grund- und Vorschulalter.

Im nordrhein-westfälischen Bad Oeynhausen ist Anfang des Jahres ein sechsjähriger Junge im Schwimmunterricht ums Leben gekommen. Gerichtsmediziner fanden Anzeichen für einen Ertrinkungstod. Eine abschließende Untersuchung wird in den kommenden Wochen erwartet.

Bei dem Jungen in Bad Oeynhausen stellt sich vor allem die Frage, wie er gerade im Schwimmunterricht ertrinken konnte. Wie die Polizei mitteilte, betreute ein Schwimmlehrer zwölf Kinder zwischen vier bis sechs Jahren. Zusätzlich war in dem Hallenbad ein Bademeister anwesend. Während des Kurses habe er das Kind bemerkt, das auf den Grund des Beckens gesunken war. Ob der Bademeister die ganze Zeit beim Schwimmkurs dabei war, ist unklar.

"Im Schwimmunterricht gibt es immer wieder brenzlige Situationen"

Obwohl unverzüglich Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet worden seien und der Notarzt gerufen wurde, starb der Junge laut Polizei wenig später im Krankenhaus. Wie lange der Sechsjährige unter Wasser war, stehe noch nicht fest. Der Bademeister und der Schwimmlehrer machen von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.

"Im Schwimmunterricht kann es schnell zu brenzligen Situationen kommen", sagt Matthias Stoll von der DLRG. Etwa, wenn die Kinder vom Beckenrand springen, direkt aus der Umkleidekabine ins Wasser laufen oder tauchen wollen, obwohl sie noch nicht schwimmen können. "Gerade bei vier- bis sechsjährigen Nichtschwimmern muss man ständig aufmerksam sein", sagt Stoll.

Zwölf Nichtschwimmer für nur einen Betreuer seien definitiv zu viele. "Schwimmlehrer sollten sich nicht unter Druck setzen lassen, so viele Anfänger gleichzeitig allein zu betreuen. Die Verantwortung sollte niemand übernehmen", sagt Stoll. Die DLRG empfiehlt bei Anfängern maximal vier bis sechs Kinder pro Schwimmlehrer. Eine verbindliche bundesweite Vorgabe gebe es jedoch nicht.

Eltern sollten deshalb bei der Wahl der Schwimmkurse auf eine entsprechende Gruppengröße achten, empfiehlt Stoll. "Es ist auch wichtig, dass eine zweite Aufsichtsperson anwesend ist", sagt er. Da es immer sein könne, dass ein Kind auf die Toilette muss oder sich nicht wohlfühlt. "Ich passe auch immer auf, dass ich kein Kind im Rücken habe, denn im Ernstfall entscheiden Sekunden", sagt Stoll.

Stilles Ertrinken

"Im Fernsehen sieht man immer wieder Ertrinkende, die um sich schlagen und um Hilfe rufen. In Wirklichkeit ertrinken die meisten jedoch vollkommen still", sagt Stoll.

Gerade Kinder zeigten beim Ertrinken oft kein Abwehrverhalten. "Sie winken nicht mit den Armen oder schreien um Hilfe, weil sie instinktiv vermeiden wollen, dass sie Wasser in den Mund bekommen", sagt Stoll. Stattdessen gerieten Kinder sehr schnell bäuchlings mit dem Kopf unter Wasser. Für Außenstehende wirke das oft wie spielen.

Trotz des Unfalls in Bad Oeynhausen rät Stoll Eltern zu einem Schwimmkurs für ihre Kinder. "Meist fällt es den Kindern dann leichter, Ängste abzubauen", sagt er. Dass ein Kind beim Schwimmunterricht stirbt, wie in Bad Oeynhausen, sei die absolute Ausnahme.

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