Deutsche Lehrer - eine Polemik Überfordert, allein gelassen, ausgebrannt

Das Lernklima ist an vielen Schulen miserabel: Wissen wird als bittere Medizin verabreicht, die tägliche Demütigung ist Programm. Die Lehrer unterrichten nach Schema F, die Schüler lernen wie in der Hundeschule. Und über die drittklassige pädagogische Ausbildung in Deutschland staunen unsere skandinavischen Nachbarn nur. Von Reinhard Kahl


Kennen Sie den? Komiker Olli Dittrich als Oberlehrer: Die Kollegien sind stark überaltert
André Rival / Geo Wissen

Kennen Sie den? Komiker Olli Dittrich als Oberlehrer: Die Kollegien sind stark überaltert

"Stellt euch vor", schwärmt eine Schülerin, "am ersten Tag nach den Ferien haben die Lehrer ihre Handynummern an uns verteilt!" Sie ist kurz zuvor von einem Auslandsschuljahr in Stockholm zurückgekehrt. Um sie herum stehen staunende Berliner Mitschüler und eher gelangweilt wirkende US-Amerikaner, Kanadier und Neuseeländer. "Und was ist daran so aufregend?", fragt eine Stimme mit englischem Akzent. "Die Lehrer waren jederzeit für uns da", sagt das Mädchen, "sogar nachmittags, und sie waren irgendwie..." - "Freunde!" - "Ja, man konnte mit ihnen über alles reden."

Mittsommernacht in Berlin. Am Kleinen Wannsee feiern Austauschschüler von verschiedenen Kontinenten Abschied voneinander. Ein Amerikaner fragt die Deutschen: "Warum sind die Lehrer eigentlich eure Feinde?" Es wird still. Die Berliner Schüler suchen nach Worten. Diese Frage haben sie sich offenbar noch nie gestellt. Dann aber bricht es aus einem von ihnen heraus: "Ihr seid wie der Rotz an meinem Ärmel, hat unser Deutschlehrer mindestens einmal die Woche gesagt", zürnt der Abiturient von einem der vornehmsten Gymnasien der Stadt. "Ihr seid die blödesten Schüler auf der ganzen Welt, habe ich es euch nicht schon immer gesagt?", zitiert ein anderer Schüler eine auf die Pisa-Studie gemünzte Aussage seiner Mathematiklehrerin.

Über die gereizte Stimmung an deutschen Schulen wundern sich Pädagogen in den skandinavischen Ländern. "Befehlsführende Lehrer" hat etwa der Pädagogikprofessor Mats Ekholm, der die schwedische Bildungsbehörde Skolverket leitet, als eine Erklärung für die Probleme ausgemacht.

Beim letzten Gong schnell in den Golf

"In Finnland ziehen Schüler und Lehrer viel mehr an einem Strang", sagt der deutsche Pädagoge Rainer Domisch aus Schwäbisch Hall, der seit vielen Jahren im finnischen "Zentralamt für Unterricht" arbeitet. "In Deutschland glauben Lehrer, Lernen sei eine bittere Medizin, die verordnet werden muss, und viele Schüler wehren sich gegen das Lernen, als wäre es eine Zumutung."

Dittrich als Erdkundelehrerin: Zwei Drittel der Belegschaft an deutschen Schulen, vor allem an Grundschulen, sind Frauen
André Rival / Geo Wissen

Dittrich als Erdkundelehrerin: Zwei Drittel der Belegschaft an deutschen Schulen, vor allem an Grundschulen, sind Frauen

Kein Wunder, dass sich die meisten Schüler und Lehrer darüber einig sind, nicht mehr Zeit als nötig an der Schule zu verbringen. "Beim letzten Gong sind viele meiner Kollegen schneller in ihrem Golf als die Schüler auf dem Fahrrad", räumt der Lehrer Ludwig Eckinger ein, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung, einer der beiden großen Lehrergewerkschaften.

Noch nicht publizierte Ergebnisse der deutschen Pisa-Studie lassen daran zweifeln, dass deutsche Lehrer ihre Schüler überhaupt einschätzen können. Die Bildungsforscher fragten beispielsweise die von ihnen als Elite definierte Lehrergruppe - jene, die an Lehrplänen mitwirkt und Schulbücher schreibt -, wie viele ihrer Schüler im Lesen wohl Aufgaben der höchsten Kompetenzstufe im Pisa-Test bewältigen würden.

Erschnüffeln, welche Fährte der Lehrer gelegt hat

Gymnasiallehrer trauten das fast 80 Prozent ihrer Schüler zu, Hauptschullehrer vermuteten das bei immerhin noch rund 60 Prozent. Tatsächlich jedoch konnte fast keiner der Hauptschüler (0,3 Prozent) die Aufgaben lösen, und unter den Gymnasiasten schafften das nur 29 Prozent.

Olli Dittrich als Biolehrer: Zehntausende neuer Lehrer wurden in den siebziger Jahren eingestellt - und viele haben längst resiginiert
André Rival / Geo Wissen

Olli Dittrich als Biolehrer: Zehntausende neuer Lehrer wurden in den siebziger Jahren eingestellt - und viele haben längst resiginiert

Viele Lehrer lernen offenbar ihre Schüler im Unterricht nicht richtig kennen. Das könnte zum Gutteil an dem schematischen Unterrichtsstil liegen, den die Bildungsforscher des Max-Planck-Instituts am Beispiel des Faches Mathematik beobachtet haben. Eine typische Stunde läuft so ab: Hausaufgaben präsentieren, neues Thema einführen, dieses im Gespräch nach einem fest stehenden Plan Punkt für Punkt durchnehmen, Übungsaufgaben lösen, Hausaufgaben stellen.

Das Schema nennt sich "fragend entwickelnder Unterricht" und gilt als typisch deutsch. Der Lehrer hat ein Ziel fest im Blick und will, dass die Schüler seinem Weg folgen. Sie laufen mit wie in der Hundeschule, häufig an der kurzen Leine, und versuchen zu erschnüffeln, welche Fährte der Lehrer gelegt hat.

Aus Fehlern lernen dürfen deutsche Schüler nicht

"Wir haben bei dieser Art Unterricht keine zusammenhängenden Sätze von Schülern registriert", bilanziert Jürgen Baumert, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Leiter der deutschen Pisa-Studie, "und keine Lehreräußerungen, die länger als eine Minute dauerten." Die Übungsaufgaben seien nicht nach Schwierigkeitsgraden differenziert. Aufgaben mit mehreren Lösungen oder zumindest unterschiedlichen Lösungswegen sind offenbar - anders als etwa in Japan - undenkbar.

"In unserem Unterricht", so Baumert, "stören immer zwei Arten von Schüleräußerungen: die intelligente Antwort, die vorgreift und beiseite geschoben werden muss, und der Fehler." Dass sich jedoch aus Fehlern lernen lässt - und manchmal sogar am besten -, werde nur von wenigen Lehrern bedacht; das sei in Skandinavien und einigen asiatischen Ländern anders.

Den wohl erstaunlichsten Befund lieferte der Erziehungswissenschafter Andreas Helmke, der die Mathematikleistungen von Grundschülern in München und Hanoi verglichen hatte. In Vietnam sind viele Schulen schlecht ausgestattet, mäßig ausgebildete Lehrer stehen vor großen Klassen und müssen mancherorts in drei Schichten unterrichten. Dennoch sind die dortigen Schüler denen aus München in Mathematik haushoch überlegen.

Lesen Sie im zweiten Teil:



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.