Deutsche Schule Istanbul Zweieinhalb Millionen Euro verschwunden

An der Deutschen Schule Istanbul wurde über Jahre Geld von den Schulgebühren abgezweigt. Erstmals nennt das Auswärtige Amt nun Zahlen: insgesamt mehr als 2,5 Millionen Euro. Was wusste die Bundesregierung?

Die Deutsche Schule in Istanbul: Wo ist das Geld geblieben?
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Die Deutsche Schule in Istanbul: Wo ist das Geld geblieben?

Von , Istanbul


Eine Veruntreuungsaffäre erschüttert die Deutsche Schule in Istanbul. In den vergangenen Jahren wurde eine Millionensumme unterschlagen. Die türkische Justiz ermittelt unter anderem gegen den früheren Buchhalter des Schulvereins sowie dessen Lebensgefährtin. Der Verein ist der Träger der Schule.

Auf Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion teilt das Auswärtige Amt nun erstmals mit, wie viel Geld verschwunden ist. "Der Schaden soll 1.922.047 Euro und 2.155.246 Türkische Lira (zum jeweiligen Tageskurs) betragen", heißt es in der Antwort auf die Parlamentsanfrage. Der Schulverein führte offensichtlich Konto in Euro und in Lira, in Deutschland und in der Türkei. Insgesamt beläuft sich der Schaden damit auf mehr als zweieinhalb Millionen Euro.

Immerhin: Deutsche Steuergelder sollen nicht verschwunden sein. "Nach bisherigen Erkenntnissen der Bundesregierung fehlen Schulgebühren, die von den Eltern der Schülerinnen und Schüler gezahlt wurden. Öffentliche Mittel im Rahmen der Förderung für Deutsche Auslandsschulen sind davon nach derzeitiger Kenntnis nicht betroffen", heißt es in der Antwort.

Schulgebühren wurden bar beglichen

Schon seit Jahren kursierten Gerüchte, an der Schule würden Gelder verschwinden. Offensichtlich fielen die fehlenden Summen aber niemandem im Vereinsvorstand auf. Eltern und Lehrer, die kritisch nachfragten, wurden zurechtgewiesen oder eingeschüchtert. Aus Schulkreisen ist zu hören, man habe dem verdächtigten Buchhalter zunächst angeboten, die Angelegenheit zu vergessen, wenn er das Geld einfach zurückzahle.

Erst als die Sache in größerem Kreise bekannt wurde und auch dem Vertreter des deutschen Generalkonsulats im Vereinsvorstand auffiel, erstatteten Generalkonsulat und Schule im Mai 2013 Anzeige - und zwar "gegen alle möglicherweise in Betracht kommenden Beteiligten", wie es aus dem Auswärtigen Amt heißt. "Die Ermittlungen der türkischen Behörden sind noch nicht abgeschlossen. Von einer Thematisierung in der Öffentlichkeit hat der Schulverein abgesehen."

Möglich wurde die Veruntreuung wohl auch, weil die Schulgebühren oft in bar eingezahlt wurden - immerhin 11.800 Euro pro Kind und Jahr für die fünfte bis achte Klasse und 12.500 Euro für Klasse neun bis zwölf.

Was wusste die Bundesregierung?

Zu der Frage, inwiefern das Generalkonsulat von der Barzahlung wusste, heißt es in der Antwort des Auswärtigen Amtes nun: "Die Möglichkeit einer Barzahlung der Schulgelder gegen Erhalt einer Quittung war gängige Praxis. Davon hatten einzelne Angehörige des Generalkonsulats Istanbul Kenntnis. Die Entscheidung über die Barzahlung von Schulgebühren oblag allein dem Schulverein, der unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorwürfe in Istanbul diese Möglichkeit der Entrichtung der Schulgelder abgeschafft hat."

Grünen-Politikerin Claudia Roth, Mitverfasserin der Anfrage, sieht in der Antwort des Auswärtigen Amtes eine "Feigenblattrhetorik". Von Selbstkritik fehle jede Spur, kritisiert sie. "Unklar bleibt, wann und wie die Bundesregierung von den Veruntreuungen erfahren hat, welche Fehler im Betrieb und Management von deutscher Seite gemacht oder geduldet wurden und wie so etwas in der Zukunft ausgeschlossen werden soll", sagt Roth. Der "eigentlich gute Ruf der Deutschen Schule in Istanbul" habe "großen Schaden genommen".

Berliner Sonderprüfer sollen anreisen

Das Auswärtige Amt plant kommende Woche eine Sonderinspektion. Experten aus Berlin sollen die Bücher in Istanbul genau prüfen und feststellen, wohin Gelder geflossen sind.

Der Bundesrechnungshof hatte bereits 2008 und 2010 Unregelmäßigkeiten beklagt. Die Schule musste in diesem Jahr nun 205.000 Euro an Bundesmitteln plus 32.700 Euro Zinsen zurückzahlen, die sie zu viel für Sanierung, Erdbebensicherung und den Neubau einer - bislang nicht errichteten - Sporthalle erhalten hatte.

Die Entlassung von 13 Lehrkräften, schreibt das Auswärtige Amt weiter, habe mit den Vorfällen an der Schule nichts zu tun. Mehrere dieser Lehrer sagen jedoch, man habe sie loswerden wollen, weil sie unbequeme Fragen gestellt hätten. Nach Kenntnis der Bundesregierung bestehe aber "kein Zusammenhang" zwischen den Untreuevorwürfen und den Personalentscheidungen.

Zu viel Gehalt für Dutzende Lehrer - aus Versehen?

Für Irritationen sorgt auch, dass Dutzende Lehrer diesen Juni zwischen 1800 und 8700 Lira, also etwa 600 bis 2900 Euro, zu viel erhalten hätten - ausgerechnet jetzt, wo die Kassen geprüft werden. Anschließend wurden sie nach Aussagen mehrerer Lehrer telefonisch darauf hingewiesen, dass es sich um einen Fehler handele und dass der zu viel gezahlte Betrag zurückgezahlt werden möge, in bar oder auf ein anderes Konto. Ein Versuch, die Kassen rechtzeitig vor einer anstehenden Prüfung zu bereinigen?

Mitnichten, sagt Matthias Köhle, seit zwei Jahren Vorsitzender des Trägervereins. "Es wurde ein neues Buchhaltungsprogramm eingeführt, da hat sich dieser Fehler ergeben." Mit dem "Feststellen gewisser Verluste" aus früherer Zeit habe das "absolut nichts zu tun". Dies sei reiner Zufall. Man habe die Lehrer gebeten, das zu viel gezahlte Geld zurückzuerstatten, "auch in bar, weil es einfacher ist". Manche hätten es aber auch zurücküberwiesen.

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