Deutsche Schule Singapur Erfolg am Rand des Dschungels

Bildung made in Germany als Trumpfkarte? Davon musste eine einst schlingernde deutsche Auslandsschule Manager- und Diplomatenfamilien erst überzeugen. Inzwischen segelt sie auf Erfolgskurs - auch britische und koreanische Kinder büffeln jetzt Goethe und Schiller.

Von Jürgen Kremb, Singapur


Jürgen Kremb

"Was war das Schwerste am Strukturwandel, Herr Direktor?" Günter Boos setzt sein verschmitztes Lächeln auf, mit dem er bei langen Sitzungen in Singapurs Tropennächten so manchem Gegner seiner beherzten Reformen die Zornesröte ins Gesicht getrieben hat. Er kratzt sich am Kopf: "Dass unsere Kinder Schuluniformen tragen sollten, davon waren die deutschen Eltern nur schwer zu überzeugen."

Das ist fast schon britisches Understatement. Der Hesse Boos hat es sich wohl von all den Lehrern abgeschaut, die sich jetzt auf dem Campus tummeln und nur noch Englisch sprechen. Sie kommen aus 20 Nationen, von Kanada bis Australien. Und die Knirpse, die sie bis zur Hochschulreife schleifen, gar aus 31 Ländern. Über Kleinigkeiten wie Uniformen - dschungelgrünes T-Shirt, schwarze Hose, Mütze "gegen den Sonnenstich" - wird hier nicht mehr gezankt.

Denn die Deutsche Schule Singapur ist längst zu einer der besten Lehranstalten avanciert, die deutsches Bildungsgut im Ausland vermitteln: ein Modell, wie man mit deutscher Erziehung auch Erfolg haben kann.

Das war nicht immer so. Als Boos vor sechs Jahren die Schule samt Kindergarten übernahm, befand sich die "Dschungel-Penne" in einer ernsten Krise. Mit dem Fall Julia Bohl kam es knüppeldick: 2002 war die Schülerin war in Asiens Saubermann-Kapitale mit knapp einem halben Kilogramm Haschisch bei einer Hausdurchsuchung aufgeflogen. Ihr drohte die Todesstrafe, 2005 wurde sie aber schon nach drei Jahren aus der Haft entlassen.

Viele Rivalen in Südostasiens Bildungszentrale

Dazu litt die Einrichtung unter ruinösem Schülerschwund. Erst schlossen im Zuge der asiatischen Finanzkrise viele deutsche Firmen ihre Vertretung, dann platzte die Internet-Blase, schließlich kam die Sars-Krankheit hinzu. Wenn die Väter ihre Job verlieren oder nach Hause beordert werden, merkt es die Schule in Südostasiens Wirtschaftsmetropole sofort: Statt über 600 drückten nur noch 492 Schüler die Schulbank.

"Es ging ums Überleben", sagt Boos.

Höchste Zeit für Reformen: Der Direktor ließ Englischunterricht in der Grundschule und im Kindergarten einführen. Dagegen hatten sich Eltern und auch Lehrer lange gewehrt - mit dem urdeutschen Argument, man dürfe die Kleinen nicht überfordern. Was die aber leisten können, wenn man sie nur anspornt, zeigten in diesem Schuljahr erstmals die Fünftklässer: Sie bauten an Wochenenden eigenständig einen Roboter und nahmen damit an einem Wettbewerb aller Schulen Singapurs teil.

"Letztlich verkaufen wir eine Dienstleistung, die heißt Bildung made in Germany", sagt Boos. "Da zählt nur der Erfolg." Aber das ist nicht einfach in einer Stadt, deren Politiker sich mit Vorliebe ständig selbst auf die Schulter klopfen, weil sie zu den konkurrenzfähigsten und wirtschaftsfreundlichsten der Welt gehört.

Mehr als eine Million Ausländer leben in der 4,5-Millionen-Metropole. Mit zahlreichen Hochschulen, Colleges und einem guten Dutzend Auslandsschulen ist Singapur die Bildungszentrale Nummer Eins in Südostasien. Um ausländische Schüler buhlen etwa die "American School", das französische Lycee und das weltweit anerkannte "United World College".

Und ihre Eltern wollen Erfolge ihres verwöhnten Nachwuchses sehen, denn sie selbst gehören der Kaste der gut verdienenden Arbeitsnomaden an. Die Väter sind Siemens-Manager, Diplomaten oder Wissenschaftler in der neu entstehenden Bioindustrie - immer auf der Überholspur. Im Schnitt bleibt eine deutsche Familie nur viereinhalb Jahre in der Tropenstadt und zieht dann weiter nach New York, Shanghai oder Frankfurt. "Die Eltern wollen von uns ein Stück Heimat für ihre Kinder", sagt Boos, "gleichzeitig sollen sie fit werden für die Globalisierung."

Schülerzahl fast verdoppelt

Im Sommer 2005 wagte die Schule deshalb den großen Sprung nach vorn. Der etwas biedere und kantige Name "Deutsche Schule Singapur" wurde eingemottet und ersetzt durch "German European School Singapore" (GESS). Jetzt existiert neben dem deutschsprachigen Zweig, der vorerst noch in 13 Jahren traditionell zum Abitur führt, auch der europäische "Eurosec"-Zweig mit der Unterrichtssprache Englisch. Dort können die Schüler in nur zwölf Jahren das weltweit anerkannte "International Baccalaureate" erwerben. Es ist die erste deutsche Auslandsschule, die diesen Bildungsabschluss anbietet.

Nicht alle der 5200 Singapurer Deutschen waren damit einverstanden. Der Schulvorstand fetzte sich. Selbst der damalige Botschafter wetterte, dass für die ehrgeizigen Pläne Steuergelder verschwendet würden und die schulische Qualität leide. Wie bei jeder Auslandsschule wird auch der deutsche GESS-Zweig zu einem Viertel aus dem bundesdeutschen Bildungshaushalt finanziert. Den Rest müssen die Eltern oder deren Arbeitgeber mit Schulgebühren von bis zu 8000 Euro jährlich selbst aufbringen.

Die Sorge war unberechtigt. Bisher lag die Schule mit einem Abiturschnitt von 2,1 vor dem Aristokrateninternat Salem (2,2) und Spitzen-Abiländern wie Baden-Württemberg (2,3) oder Bayern (2,4). Nun ist die Mannschaft von Boos auch wirtschaftlich erfolgreich.

Seit Einführung des Eurosec kann sich die GESS vor Elternanfragen kaum retten. Jetzt liest der Sohn eines indischen Ingenieurs oder eines südamerikanischen Diplomaten zusammen mit der Tochter eines britischen Piloten Shakespeare und Goethe, Fontane und Kerouac. Bildung "made in Germany", dazu noch in EU-Verpackung, scheint ein richtiger Verkaufsschlager zu sein. Derzeit unterrichten 136 Lehrer über 900 Schüler. Allein 240 sind es auf der Eurosec, darunter 130 Deutsche. "Bis wir die Tausendermarke erreichen", sagt Boos, "ist es nur eine Frage der Zeit."

Dann hat er sich allerdings eine Verschnaufpause verordnet. Weil es auf dem gut 12.000 Quadratmeter großen Schulgelände schon eng wird, wurden die oberen Klassen in Räume einer benachbarten Hochschule ausgelagert; in der Schublade liegen Pläne für weitere 6000 Quadratmeter. Rote Zahlen kennt Boos nicht, aber Gewinne darf die Schule laut bundesdeutschen Beamtenregeln auch nicht machen. Überschüsse investiert sie daher in den Ausbau. Ein Sportkomplex nebst Bahnenpool, dezent in eine Urwaldlichtung auf dem benachbarten Schweizer Club platziert, ist eine Perle modernster deutscher Umwelttechnologie.

Naturschauspiel vor dem Klassenzimmer

Das spricht sich herum. "Zusehends wird unsere Schule auch bei Eltern aus Asien, Australien und zahlreichen englischsprachigen Ländern beliebt, die eine Ausbildung nach europäischen Bildungsgrundsätzen suchen", sagt der Brite Iain Fish, Leiter der Oberstufe der Eurosec, den Boos auf dem lokalen Markt für die Leitung des Eurosec-Zweiges abwarb. Da die deutschen Lehrergehälter deutlich über den ortsüblichen Konditionen liegen, kann der Schulleiter für jede Stelle aus den besten von 30 bis 40 Bewerbern auswählen.

Die deutsche Schule auf einem Hügel des Villenviertels Bukit Timah ist ein ziemlich exotisches Erlebnis. Sie grenzt an ein Naturschutzgebiet. Aus den Klassenzimmern genießen die Pennäler den Blick in die letzten Reste von Sekundärurwald. Manchmal ziehen Affenhorden übers Schulgelände, Waranechsen wurden schon gesichtet, Flughunde segeln durch feucht dampfenden Dickicht, der gleich hinter dem weißgetünchten Trakt beginnt.

Der Unterricht in den klimatisierten Räumen ist kaum weniger aufregend als das Naturschauspiel. Mit der Eurosec genießen die Schüler fast den Bildungsluxus einer amerikanischen Elite-Highschool. Für Siebtklässler steht Schauspielunterricht auf dem Stundenplan, es gibt eine Schlagzeug-AG, die Computerausbildung nimmt großen Raum ein. Lerntheorie ist Pflicht, ein Sozialpraktikum für Oberstufenschüler ebenfalls, darauf legt der Alt-68er Boos besonderen Wert. Letztes Jahr mussten sie eine Schule in Südindien renovieren.

Das bunte Völkergemisch im Klassenzimmer bringt auch Nachteile und führt bisweilen zum Sprachenchaos - trotz Logopädin und Schulpsychologin. Ein Drittel der Kinder kommen aus bi-kulturellen Ehen, manche sind in mehr Ländern zur Schule gegangen, als der Durchschnittsdeutsche im Urlaub besucht hat. Aber auch bei Knirpsen aus deutschen-deutschen Ehen geraten schnell die Vokabeln der Muttersprache durcheinander.

Damit Deutsch dabei nicht auf der Strecke bleibt, hat die Schule ein ausgeklügeltes System der Sprachförderung entwickelt. Das geht im Kindergarten los. In der Eurosec werden die Kinder stufenübergreifend statt im Klassenverband unterrichtet: mit "Deutsch als Muttersprache", als "Zweitsprache" und als "Fremdsprache". Die Einordnung geschieht nach Fähigkeit, nicht nach Herkunft, betont Boos.

Doch niemand ist perfekt. Das musste Boos erst unlängst wieder erfahren. Tränenüberströmt kam ein Mädchen in das Büro des Direktors ("Principal" auf Englisch) und klagte: "Herr Principal, Chris hat meine Feelings gehurtet."



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