Deutscher Schulpreis für Anne-Frank-Schule "Aussortierungen kennt man hier nicht"

Der renommierte Deutsche Schulpreis geht dieses Jahr an eine Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein. Der Jury gefiel besonders, dass die Lehrer an der Anne-Frank-Schule auch ihren schwächsten Schülern viel zutrauten - oft mehr als diese sich selbst.

Fünftklässlerin an der Anne-Frank-Schule: Kinder, die über sich hinauswachsen
Theodor Barth/Bosch-Stiftung

Fünftklässlerin an der Anne-Frank-Schule: Kinder, die über sich hinauswachsen


Es ist eine der Fragen, über die sich Eltern, Lehrer, Politiker und Bildungsforscher bundesweit die Köpfe heiß reden: Wie lange sollen die Kinder gemeinsam lernen? Fast in allen Bundesländern werden sie nach vier Jahren aufgeteilt, nur in Berlin und Brandenburg dauert die Grundschule in der Regel sechs Jahre. Vielen Kritikern des mehrgliedrigen Schulsystems ist das zu kurz. Statt einer frühen Separierung in verschiedene Schulformen verfechten sie heterogene Jahrgänge, wie sie Gesamt- oder Gemeinschaftsschulen anbieten.

Dass der renommierte Deutsche Schulpreis dieses Jahr an eine Gemeinschaftsschule mit gymnasialer Oberstufe geht, dürfte die Unterstützer des längeren gemeinsamen Lernens also freuen. Als "Deutschlands beste Schule 2013" darf sich künftig die Anne-Frank-Schule im schleswig-holsteinischen Bargteheide bezeichnen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) überreichte den mit 100.000 Euro dotierten Preis der Heidehof- und der Robert-Bosch-Stiftung am Montag in Berlin.

An der Anne-Frank-Schule lernen Schüler bis zur zehnten Klasse zusammen, egal welche Grundschulempfehlung sie haben. "Sitzenbleiben, Schrägversetzungen oder andere Aussortierungen kennt man hier nicht", sagte Jury-Sprecher Michael Schratz von der Universität Innsbruck. Die Lehrer trauten ihren derzeit 862 Schülern mehr zu als diese sich selbst. "Durch diese Ermutigung wachsen die Mädchen und Jungen buchstäblich über sich selbst hinaus", sagte Schratz.

Schulleiterin Angelika Knies sagte, die Ganztagsschule sei "nach oben offen". "Wir verstehen uns als eine Schule für alle Kinder, vom Förderkind mit Lernbehinderung bis zum Hochbegabten, vom Kind aus schwierigen sozialen Verhältnissen bis zum Akademikerkind." Jeder Schüler solle sein eigenes Lernziel erreichen. Zum Schulprogramm gehören ein jährliches Theaterprojekt für den neunten Jahrgang, Aufenthalte an Partnerschulen in Polen und der Türkei, eine eigene Jobmesse und Firmenpraktika.

Mit sieben Lehrern in einem Einfamilienhaus angefangen

Nach Angaben der Bosch-Stiftung schafft mehr als die Hälfte der Schüler an der Anne-Frank-Schule einen höheren Abschluss als in der Grundschulempfehlung angegeben. Seit neun Jahren sei kein Schüler ohne Abschluss abgegangen, und jedes Jahr gebe es doppelt so viele Anwärter wie Plätze in den fünften Klassen. "Dieser Erfolg war bei der Gründung im Jahr 1989 nicht absehbar, als sieben Lehrer die ersten Schüler in einem Einfamilienhaus unterrichteten", teilte die Stiftung mit.

Der Deutsche Schulpreis wird seit 2006 vergeben. Weitere Preise erhalten dieses Jahr die Grund- und Werkrealschule in der Taus im baden-württembergischen Backnang, die Grundschule Comeniusstraße in Braunschweig, das Gymnasium der Stadt Alsdorf in Nordrhein-Westfalen, die Grundschule Gau-Odernheim in Rheinland-Pfalz und die Private Fachschule für Wirtschaft und Soziales in Erfurt. Jeder dieser Preise ist mit 25.000 Euro dotiert.

Mehr als 100 Schulen hatten sich beworben, 15 waren nominiert. Ihnen hatten die zwölf Jurymitglieder im Januar und Februar einen Besuch abgestattet. Im Auswahlkomitee sitzen neben Wissenschaftlern und Schulleitern auch der Direktor des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, Anand Pant, und der ehemalige Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner.

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Halbwahrheiten rund um die Schule: Lehrer sind faul, Klassen sind groß

lov/dpa



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insgesamt 29 Beiträge
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holystony 03.06.2013
1. Richtig so...
..Aussortieren ist ein veralteter Irrweg. Eine Korrektur ist überfällig, in allen Schulen..
rhindmarsh 03.06.2013
2. Gemeinsamer Unterricht - stabile Gesellschaft
Ich denke, dass auch die Gesellschaft insgesamt von einem gemeinsamen Unterricht profitiert. Je mehr sich jeder Einzelne integriert fühlt, desto stabiler und resilienter die Gemeinschaft. Fühlt sich jemand aussortiert oder ausgegrenzt, sind Frust und Konflikte vorprogrammiert.
kaiserudo 03.06.2013
3. Sehr wahr
Zitat von holystony..Aussortieren ist ein veralteter Irrweg. Eine Korrektur ist überfällig, in allen Schulen..
Unsere schulen Lehren nicht mehr. De selektieren nur noch für die Verwendung des Materials im Kapitalismus. Wer sich nicht anpasst fliegt raus.
Eutighofer 03.06.2013
4. Gleichstarke Gruppen lernen am besten
Dutzendfach wurde in Studien gezeigt, dass ungefähr gleichstarke Gruppen am besten lernen. Die Gesamt/Gemeinschaftsschule ist ein ideologischer Irrweg. Ach ja, in der Jury des "Deutschen Schulpreises" sitzen Fans der Gemeinschaftsschule, durch politisch motivierte Preisvergabe macht man Politik.
Bouh 03.06.2013
5. Gesamtschulen sind auch keine Lösung
es führt schließlich auch nicht weiter das Lerntempo für schwächere Schüler zu drosseln und so bessere Schüler zu "bestrafen". Nicht jeder kann alles gleich gut und manche Schwächen können auch Förderung nicht komplett kompensiert werden doch in der modernen Pädagogik scheint man sich zu dieser Erkenntniss noch nicht durchgerungen zu haben und so müssen Schüler die nicht gleichen Fähigkeiten und damit verbudene Interssen haben trotzdem zusammen lernen weil dies ja so pädagogisch ist.
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