Neue Prognose 2025 könnten 22.000 Berufsschullehrer fehlen

Die Kultusminister rechnen mit einem Rückgang der Schüler an berufsbildenden Schulen. Die Gewerkschaft GEW hat nun selbst eine Prognose erstellt - und kommt zu einem ganz anderen Schluss.

Berufsschullehrer in Frankfurt/Main (Archivbild)
DPA

Berufsschullehrer in Frankfurt/Main (Archivbild)


22.000 Lehrer - so groß ist die Lücke, die die Bildungsgewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bis zum Jahr 2025 an den Berufsschulen befürchtet. "Bis zu diesem Zeitpunkt werden fast 340.000 Schülerinnen und Schüler mehr an berufsbildenden Schulen lernen, als bisher von der Kultusministerkonferenz berechnet", sagt GEW-Vorstandsmitglied Ansgar Klinger.

Grundlage der neuen Schätzung ist eine Prognose, die das Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (Fibs) für die GEW erstellt hat und die am Freitag in Berlin vorgestellt wurde. Die Forscher hatten Daten von Bund und Ländern sowie andere Schülerprognosen ausgewertet. Während die Kultusminister 2013 einen Rückgang der Schülerzahl an berufsbildenden Schulen auf 2,15 Millionen vorausgesagt hatte, gehen die Fibs-Forscher von 2,48 Millionen Schülern im Jahr 2025 aus.

Gründe dafür seien unter anderem die Stärke der relevanten Altersjahrgänge, junge Zuwanderer, aber auch steigende Zahlen von Jugendlichen, die an Berufsschulen eine Übergangszeit etwa zur Berufsvorbereitung verbringen oder dort eine vollzeitschulische Ausbildung absolvieren. Auch die Zahl der Ausbildungsverträge war zuletzt gestiegen.

"Nur schwer vorhersehbar"

Die Autoren der Studie sprechen von einer "Trendwende", die sich abzeichne. Die Differenz bei den Schätzungen hat erhebliche Auswirkungen auf den Lehrerbedarf: Nach der KMK-Schülerzahlprognose wären 2025 etwa 129.000 Berufsschullehrer nötig, nach der Fibs-Prognose sind es rund 151.000 Lehrer - und damit 22.000 mehr.

"Grundlegend gilt, dass solche temporären und kurzfristigen Entwicklungen und Veränderungen nicht beziehungsweise nur schwer vorherseh- und prognostizierbar sind", hieß es in der Studie. Auch für andere Schulformen waren in letzter Zeit neue Prognosen vorgelegt worden, die die Schätzung der KMK von 2013 zum Teil massiv in Zweifel zogen.

So errechnete etwa die Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung bis 2025 einen Lehrerbedarf von 35.000 Fachkräften allein für die Grundschulen. Die Zahl enthält auch die Lehrkräfte, die durch Pensionierungen ersetzt werden müssen und für die keine regulären Absolventen zur Verfügung stehen. Umso wichtiger, sagt GEW-Mann Klinger, sei es, dass die Länder jetzt schnell und wirksam handelten.

Allein für die Berufsschulen seien im Jahr 2025 mindestens 1,6 Milliarden Euro zusätzlich nötig. Davon würden rund 1,3 Milliarden auf die Bundesländer entfallen. "Und mit diesem Geld können nur die Standards gehalten werden, notwendige Verbesserungen sind nicht mit eingerechnet", erklärte Klinger.

Details zur Prognose
Welche Daten wurden genutzt?
Die Prognose stützt sich auf eigene Erhebungen des Fibs, dazu auch auf Daten der Kultusministerkonferenz zur Schüler- und Lehrerprognose, auf Zahlen des Statistischen Bundesamts, auf Veröffentlichungen von Landesministerien sowie auf weitere wissenschaftliche Studien.
Ist die Prognose repräsentativ?
Nach Aussage des durchführenden Instituts beziehen sich die Zahlen auf die Gesamtheit aller 16 Bundesländer. Allerdings weisen die Autoren darauf hin, dass es zwischen den Stadtstaaten und den Flächenländern, aber auch zwischen den Regionen in den Flächenländern teilweise deutliche Abweichungen gegenüber dem aufgezeigten deutschlandweiten Trend geben kann.
Welche Unternehmen waren an der Prognose beteiligt?
Die Berechnungen wurden vom Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (Fibs) im Auftrag der Gewerkschaft GEW durchgeführt.

him/AFP

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reader0815 09.03.2018
1. Zukunftsorientiertes Pesonalmanagement = 0
Seit Jahren war vohersehbar, dass die Altersstruktur in den Berufsschulen in Schieflage gerät. Was getan wurde, war praktisch so gut wie Nichts. Im Ergebnis: Atersdurchschnitte der Kollegien im Spektrum der Mitfünfziger. Die Teilnehmer bei Weiterbildungsveranstaltungen im Technikbereich wirken oft zumindest äußerlich wie die eines Ruheständlertreffens. Industrie 4.0, Digitale Herausforderungen etc. kommen viel in Reden und auf Papier vor, in der Ausstattung der Schulen aber eher weniger. Wenn dies weiterhin so bleibt und die Berufsschulen sich im Rahmen von "Lehrer kann doch jeder" zum Sammelbecken für teilweise in der Industrie gescheiterte Ingenieure und Techniker entwickeln, werden uns in den nächsten Generationen andere Länder locker in die Tasche stecken.
austenjane1776 09.03.2018
2. Berufsbildung? Zukunft Sonderschule
Mit "Inklusion", "Flüchtling" und "Ausbildungsunfähig" wird die deutsche Berufsbildung immer mehr zur größten Sonderschule der Republik. Das Duale System ist rückläufig - zu viele Schüler/innen aller "Herkünfte" sind ausbildungsunfähig. Dazu die übliche Mobberei der Lehrer durch die Schulverwaltung - keine maximale Arbeitszeit, beliebige Mehrbelastungen und jede Menge Quatsch auf Papier - "Kompetenz" und so weiter. Wenn die Konjunktur gut läuft, macht das insbesondere in der Technik niemand - was in manchen Klassen abgeht, würde der Normalbürger nicht als "Unterricht" erkennen. Volljährige, die weder Taschenrechner noch Mathe-Ordner haben oder mitbringen, pausenloses Smartphone-Gedaddel, Kosmetik im Unterricht.... das sieht nicht gut aus. Wer da disziplinieren will, wird von "oben" gebremst. Wir schaffen uns ab - Abteilung Berufsbildung.-------------Liebe Eltern, ihr seid die einzige Rettung eurer Kinder - achtet darauf, dass die WAS KÖNNEN. In echt. Einstellungstests machen usw. DAnn reichts später mal für eine Auswanderung - denn die anderen Länder nehmen nur Leistungsträger. -------------------Sorry. Komme gerade aus meiner Berufsschule. Bin etwas erledigt.
montecristo 09.03.2018
3. Arbeitszeit
Der hier vor kurzen eingestellte Artikel zur 47 Std Woche (trotz Ferien!) dürfte ein Grund von vielen sein.
realist29 10.03.2018
4. Kein Wunder
Ich arbeite an einer berufsbildenden Schule. Die technische Ausstattung ist äußerst bescheiden. Wenn es z. B. draußen etwas windig ist gehen beispielsweise die elektrischen Jalousien nicht mehr runter und man kann in der Folge den Beamer oder OHP nicht nutzen. Immerhin soll die Schule in den nächsten fünf Jahren angeblich ein flächendeckendes WLAN Netz erhalten. Unser Chef spricht viel von Industrie 4.0, aber in der Praxis ist davon nichts zu erkennen. Eine ganze Etage der Schule wird für die Beschulung von Flüchtlingen verwendet, denen zumindest rudimentäre Sprachkenntnisse vermittelt werden. Sobald diese Schüler in Regelklassen kommen halten sie den Betrieb auf. In der Folge muss der Notenschnitt permanent angepasst werden, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Wenn man Klassen mit 30 angehenden Einzelhandelskaufleuten unterrichtet versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. Die Fachoberschule und das Berufliche Gymnasium entsprechen - wohlwollend ausgedrückt - einer besseren Realschule. Mittlerweile finden sogar unsere Abiturienten keine guten Ausbildungsplätze mehr. Das Klima an der Schule ist entsprechend angespannt. Viele Lehrkräfte sind häufig krank und es fallen zahlreiche Unterrichtsstunden ersatzlos aus oder werden erst gar nicht erteilt, obwohl sie für den Bildungsgang vorgesehen sind. Teilweise unterrichtet man 2-3 Klassen gleichzeitig. In den kurzen Pausen schleppt man Technik durch das Schulgebäude, kopiert, geht auf Toilette, macht Pausenaufsicht oder setzt sich mit aberwitzigen Schülerbeschwerden auseinander. § 4 des Arbeitszeitgesetzes schreibt Ruhepausen von mindestens 30 Minuten vor, die man jedoch in der Realität nie hat. Als Lehrkraft kann man sich vor Ort anstrengen wie man möchte, man verdient nie auch nur einen Cent mehr als jemand, der Dienst nach Vorschrift macht. Wie die Schule unter diesen Bedingungen gutes Personal an die Schule bekommen möchte ist mir schleierhaft. Außerhalb der Ferien sind 60 Stunden Wochen im allgemeinen die Regel. Während der Abiturzeit ist man dann eher bei 80 bis 90 Stunden. Solche Arbeitszeiten hat man in der Wirtschaft zwar auch, aber dort hat man Technik die funktioniert, Aufstiegschancen und eine leistungsgerechtere Bezahlung. Wenn man sich ansieht, welche Bedeutung Bildung in Südkorea oder China hat, kann einem nur Angst und Bange werden.
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