Bundesweites Bildungsniveau Grundschüler schlechter in Mathe und Deutsch

Bei einem bundesweiten Test unter Grundschülern haben sich die Viertklässler in Rechnen und Lesen deutlich verschlechtert. In einzelnen Bundesländern fällt der Trend besonders stark aus.

Grundschülerin in Baden-Württemberg
DPA

Grundschülerin in Baden-Württemberg


Grundschüler können deutlich schlechter rechnen, schreiben und zuhören als noch vor fünf Jahren. So lassen sich die Ergebnisse eines Vergleichstests für die Schulfächer Deutsch und Mathe in der 4. Klasse zusammenfassen.

Der Test wurde im Auftrag der Kultusminister der Länder vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) durchgeführt. Für die Jahrgangsstufe vier wurde die bundesweite Vergleichsstudie erstmals 2011 durchgeführt. Die Kompetenzen der neunten Klassen werden bereits seit 2008/2009 getestet, zuletzt 2015. Der sogenannte IQB-Bildungstrend gilt als deutsches Pendant zur internationalen Pisa-Studie.

Was wurde getestet?

Wie bereits 2011 mussten die Schülerinnen und Schüler in den 16 Bundesländern im Fach Deutsch zeigen, wie gut sie lesen, zuhören und schreiben können. In Mathe wurden - ebenfalls wie bei der Vorgängerstudie - fünf Kompetenzbereiche getestet, von Rechnen über Geometrie bis Logik.

Beispielaufgaben aus dem Test finden Sie hier. Grundlage für die Aufgaben sind gemeinsame Bildungsstandards, auf die sich die Kultusminister 2004 geeinigt haben.

Darüber hinaus wurden Hintergrundinformationen erhoben, die helfen sollen, die Ergebnisse einzuordnen und Aussagen über die Lehr- und Lernbedingungen zu treffen. Untersucht wurde etwa, ob Herkunft oder Geschlecht sich auf die Kompetenzen auswirken. Dazu erhielten sowohl die Kinder als auch die Eltern Fragebögen, zudem wurden Schulleitungen und ausgewählte Lehrerinnen und Lehrer befragt.

Wer nahm teil?

Bundesweit machten laut IQB 29.259 Viertklässler aus 1508 Grund- und Förderschulen bei dem Test mit, der bereits im vergangenen Jahr durchgeführt wurde. Die Schulen wurden nach einem Zufallsverfahren ermittelt. Ebenfalls per Zufall wurde an den Regelschulen eine Teilnehmerklasse bestimmt. An den Förderschulen wurde demnach hingegen eine größere Testgruppe gebildet, die meist mehrere Lerngruppen umfasste.

Die wichtigsten Ergebnisse

Deutsch-Kompetenzen bundesweit

Bei den Tests wurde untersucht, ob die Viertklässler die geforderten Mindeststandards erreichen. Bundesweit trifft das im Bereich Lesen auf knapp 66 Prozent zu, beim Zuhören erreichen gut 68 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Anforderungen, bei der Orthografie 54 Prozent. Demgegenüber stehen knapp 13 Prozent beim Lesen, 11 Prozent beim Zuhören und rund 22 Prozent beim Rechtschreiben, die den Mindeststandard verfehlen. Ausreißer nach oben gibt es ebenfalls, beim Lesen und Zuhören erreichen jeweils 10 Prozent der Viertklässler den sogenannten Optimalstandard. Im Bereich Orthografie sind es neun Prozent.

Im Vergleich zur ersten Erhebung vor fünf Jahren haben sich die Werte im Bundesdurchschnitt teils deutlich verschlechtert, einzig im Bereich Lesen sind sie laut IQB-Bildungstrend weitgehend stabil. Für die Bereiche Zuhören und Orthografie seien hingegen "signifikant negative Trends zu verzeichnen, die größer ausfallen", so die Studienmacher. Die Zahl der Viertklässler, die den Regelstandard erreicht, ist beim Lesen um 5 Prozentpunkte und bei der Rechtschreibung um zehn Prozentpunkte zurückgegangen.

Deutsch-Kompetenzen in den Bundesländern

Die Ergebnisse unterscheiden sich je nach Bundesland erheblich. Positiv stechen Bayern, Sachsen und Schleswig-Holstein bei den Kompetenzen Lesen und Zuhören hervor, Bayern und Saarland in der Orthografie. Schlusslicht in allen drei Bereichen ist Bremen, Berlin ist stets unter den letzten drei. Besonders verschlechtert im Bereich Zuhören haben sich Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt.



Mathe deutschlandweit

In Mathematik haben sich die Ergebnisse im Vergleich zur ersten Studie ebenfalls verschlechtert, durchschnittlich um knapp sechs Prozentpunkte. Die Studienmacher sprechen auch hier von einem "signifikant negativen Trend". Insgesamt erreichen 62 Prozent der Viertklässlerinnen und Viertklässler den Regelstandard, 15 Prozent verfehlen ihn, 13 Prozent übertreffen ihn deutlich.

Mathe-Kompetenzen in den Bundesländern

Spitzenreiter ist wie bereits im Fach Deutsch auch in der Mathematik Bayern, gefolgt von Sachsen und Sachsen-Anhalt. Am Tabellenende stehen Nordrhein-Westfalen, Berlin und Bremen. Am deutlichsten verschlechtert - um knapp zehn Prozentpunkte - hat sich Baden-Württemberg, gefolgt von Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.



Unterschiede nach Herkunft, sozialem Hintergrund und Geschlecht

Es gibt in allen Kompetenzbereichen deutliche Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen entsprechend der Geschlechterstereotype. Die Viertklässlerinnen sind in Deutsch besser, am größten ist der Unterschied im Bereich Orthografie, gefolgt von Lesen und Zuhören. Die männlichen Mitschüler sind hingegen in Mathematik besser.

Dieser Unterschied besteht in allen 16 Bundesländern. Eine Ausnahme sei lediglich der Bereich Zuhören im Fach Deutsch, hier gebe es in den meisten Ländern keinen signifikanten Unterschied zwischen Mädchen und Jungen.

Laut den Machern der Studie ist das Interesse der Jungen und Mädchen an beiden Fächern jedoch vergleichbar, die Motivation hat demnach keinen großen Einfluss auf die Leistung. Allerdings gebe die Untersuchung Hinweise darauf, dass Mädchen ihre mathematischen Kompetenzen niedriger einschätzten als gleich kompetente Jungs.

Zur Auswirkung des sozialen Hintergrunds auf das Kompetenzniveau kann die Studie kein abschließendes Bild liefern, da zu einigen Bundesländern Daten fehlten. Insgesamt sei die Zusammensetzung der Schülerschaft in der Grundschule aber recht heterogen, die Selektion setzt also erst später ein. Trotzdem geht ein höherer Sozialstatus mit höheren Werten auf der Kompetenzskala einher. Auch bei den Grundschülern zeigt sich damit der Zusammenhang zwischen Leistung und Elternhaus.

In zwei Bundesländern haben sich diese Unterschiede seit 2011 noch verstärkt: in Baden-Württemberg im Bereich Lesen und in Sachsen im Bereich Zuhören.

Die Zahl der Viertklässler, die einen Migrationshintergrund haben, hat sich innerhalb der letzten fünf Jahre um neun Prozent erhöht und lag zum Zeitpunkt der Erhebung 2016 bei etwa 34 Prozent.

Im Fach Deutsch stellen die Studienmacher einen signifikanten Nachteil für diese Viertklässler fest. Besonders schlecht schnitten sie im Bereich Zuhören ab, im Bereich Orthografie ist der Unterschied zu Kindern ohne Migrationsgeschichte am geringsten.

Auch in Mathe schneiden die Kinder mit mindestens einem zugewanderten Elternteil schlechter ab. Kinder der zweiten Zuwanderergeneration, die selbst in Deutschland geboren sind, schneiden besser ab, als Kinder der ersten Zuwanderergeneration, die selbst im Ausland geboren sind. Damit liefert die Studie Hinweise darauf, dass die schulische Integration im Generationsverlauf zunehmend besser gelingt.

Umgang mit Heterogenität

In einer weiteren Analyse haben die Forscher im Auftrag der Kultusministerkonferenz (KMK) die Rahmenbedingungen von Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf untersucht. Hierbei sei insbesondere das Geschlecht und die soziale Herkunft bedeutend: Jungen und Kinder aus Familien mit einem niedrigen sozialen Status haben demnach häufiger einen festgestellten Förderbedarf und besuchen häufiger eine Förderschule als Mädchen und Kinder aus Familien mit einem hohen sozioökonomischen Status. Die Herkunft der Kinder wirke sich hingegen nicht auf den sonderpädagogischen Förderbedarf aus.

Zudem stießen die Forscher auf Unterschiede hinsichtlich der besuchten Schulart. Förderschüler, die dem Inklusionsgedanken folgend eine reguläre Grundschule besuchten, schnitten durchschnittlich besser ab als Viertklässler an Förderschulen. Die Kinder an den Förderschulen waren aber motivierter als die Förderschüler an den Grundschulen.

Die Forscher sehen es deshalb als besondere Herausforderung, an Grundschulen den Unterricht so zu gestalten, dass er nicht nur die Kompetenzen der Förderschüler stärkt, sondern auch ihre Motivation. .

Die Präsidentin der KMK, Baden-Württembergs Bildungsministerin Susanne Eisenmann, sagte bei der Vorstellung der Studie, die heterogene Schülerschaft stelle die Länder vor große Herausforderungen. "Die Ergebnisse der Studie zeigen einen bundesweiten Handlungsbedarf bei der Förderung in den Kernfächern Deutsch und Mathematik."

sun

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ksail 13.10.2017
1. Bildungspolitiker
Das Beispiel Baden-Württemberg zeigt mal wieder deutlich, dass - sobald in der Bildungspolitik die Ideologie ins Spiel kommt - es sofort zu Lasten der Leistung geht. Das könnte einem ja egal sein, weil es hoffentlich irgendwann mal wieder korrigiert wird. Leider geht das aber zwischenzeitlich zu Lasten vieler Schüler-Jahrgänge und die jenigen, die den Karren in den Dreck gefahren haben, müssen sich nicht persönlich verantworten. Und das macht einen doch etwas wütend.
sleeping_beauty 13.10.2017
2.
Wen wundert das? Wenn Bildungspolitik nur noch nach ideologischen Maßstäben stattfindet und ohne den gesunden Menschenverstand, dann kommt eben Schrott dabei heraus. "Schreiben nach Gehör" ist so ein Beispiel, wie linksgrüne Ideologie eine komplette Generation von Kindern ruiniert hat. "Gesamtschule" ist ein anderes Beispiel.
Cardio84 13.10.2017
3. Analyse?
Soviel zu den blanken Zahlen, aber wo bleibt die Analyse der Ergebnisse? Was ist der Grund für die schlechteren Ergebnisse? Sind die Schüler dümmer? Sind die Lehr - und Lernbedingungen schlechter? Warum ist Bayern mal wieder Klassenbester? Warum rutscht Baden Württemberg unter dem grünen Lehrer in allen Kategorien ab? Fragen über Fragen!
Wolfgang Heubach 13.10.2017
4. Kein Wunder
Die Bildungspolitik in Deutschland ist doch längst zur Spielwiese von inkompetenten Politikerinnen und Politikern verkommen. Wie im Labor: Die Schülerinnen und Schüler sind Versuchskaninchen für jeden Blödsinn. Damit verschleudert Deutschland sein geistig dringend notwendiges Potenial und Kapital für die Zukunft. Besserung ist leider nicht in Sicht. Benötigt wird auch in einem förderalen System eine verlässliche, nachhaltige und kompetente Schul- und Bildungspolitik. Sowie das dafür notwendige Personal an qualifizierten Lehrerinnen und Lehrern. Das wäre gut investiertes Geld.
hornochse 13.10.2017
5. Wen wundert es
Ich nehme immer mehr Schüler nicht mehr stillhalten können, kaum noch 10min. konzentriertes Arbeiten durchhalten und sich nur noch bedingt (an)leiten lassen. Sie daddeln und sind mit Smartphonen und den neusten Trends beschäftigt also dem womit sich sonst pubertierende 7./8. Klässler beschäftigten. Meine Vermutung: Eltern haben nur noch bedingt Zeit für eine entwicklungsgerechte Erziehung durch ihr eigenes Hamsterrad, mediale Einflüsse nehmen überhand, die Lehrkräfte verkümmern zu "Erziehungspersonal" und sind restlos überfordert auf Grund der hiesigen Zustände. Inklusive Bildungsanordnung überfordert zusätzlich durch den Mangel an ausgebildeten Kräften die dem begegnen könnnen. Strikte kaum flexible Vorgaben geben den Kindern den Rest, da sie nur noch schwer dem Tempo folgen können. Ein Teufelskreis der sich nur noch mit intensiver Umstrukturierung und viel Investition begegnen lässt wenn wir der Verantwortung gegenüber unseren Schülern (zukünftige verantwortungsvolle Generation) begegnen möchten.
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