Studie zur Chancengerechtigkeit Das leere Versprechen vom Aufstieg durch Bildung

Deutschland sollte "Bildungsrepublik" werden, jedes Kind den Aufstieg schaffen können. Das war die Ankündigung beim Bildungsgipfel vor zehn Jahren - erreicht ist das Ziel nicht. Eine Studie zeigt, was fehlt.

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Der Sohn der Putzfrau soll die gleichen Bildungschancen haben wie die Tochter des Professors. So lautet das erklärte Ziel deutscher Bildungspolitik, das vor zehn Jahren in Stein gemeißelt wurde: "Aufstieg durch Bildung" versprachen Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Regierungschefs der Länder beim Dresdner Bildungsgipfel am 22. Oktober 2008. Was ist daraus geworden?

Die Bilanz fällt ernüchternd aus. Kinder, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen oder aus Familien mit Migrationshintergrund stammen, haben immer noch deutlich schlechtere Chancen im deutschen Bildungssystem als andere. Das ist das Ergebnis einer Analyse des Bildungsforschers Klaus Klemm im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Sein Fazit: "Deutschlands Kindertagesstätten und Schulen bauen die Spaltung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer nicht ab, sondern verfestigen sie." Schon in der Kita würden Ungleichheiten von Kindern aus unterschiedlichen sozialen Lebenslagen angebahnt.

"Personalnot in Schulen und an Kitas, mangelnde Ausstattung für inklusives Lernen oder die Integration von Flüchtlingen - wenn Knappheit herrscht oder ein System nicht funktioniert, trifft es die Gruppe der sozial Schwächsten am stärksten", sagt Klemm. Er hat Daten zu einzelnen Stationen im Bildungssystem neu ausgewertet - und auf Chancengleichheit von der Krippe bis zur Hochschule überprüft. Die Ergebnisse:

Die Unterschiede fangen schon vor der Schule an

Kitakinder (Archivbild)
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Kitakinder (Archivbild)

Krippe: Nur 33, 6 Prozent der Kinder unter drei Jahren hatten im Jahr 2017/18 in Deutschland einen Krippenplatz. Beim Bildungsgipfel hatte man dagegen eine Quote von 35 Prozent versprochen - Ziel klar verfehlt. Ob ein Kleinkind in der Kita betreut wird oder nicht, hängt zudem stark davon ob, in welcher Familie es aufwächst.

Bei Familien, in denen der Hauptschulabschluss der höchste ist, haben 16,4 Prozent der unter Dreijährigen einen Krippenplatz: Ist der höchste Abschluss dagegen die (Fach-)Hochschulreife, liegt die Quote bei 37,7 Prozent. Und liegt die Betreuungsquote bei Kindern mit Migrationshintergrund nur bei 20 Prozent, ist sie bei Familien ohne Migrationshintergrund mit 40 Prozent doppelt so hoch.

Die Unterschiede zeigten, dass genau die Kinder nur zu geringen Teilen frühkindliche Förderung erhielten, die diese für ihren weiteren Bildungs- und Lebensweg besonders stark benötigten, sagt Klemm. "Es müsste anders herum sein. Für die Bildungskarriere der meisten Kinder aus Akademikerfamilien ist ein Krippenplatz viel weniger wichtig, weil sie ohnehin zu Hause gut gefördert werden."

"So werden die Weichen schon sehr frühzeitig sehr unterschiedlich gestellt", sagt der Forscher. Die Gründe seien vielfältig. Teils hätten sie mit unterschiedlichen kulturellen Vorstellungen von Betreuung zu tun. "Aber wenn Kita-Plätze ohnehin knapp sind, hat ein Akademikerpaar oft auch die größere Kompetenz, sich einen zu sichern, als die zugewanderte Frau aus Afghanistan."

Kindergarten: Fast alle Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren besuchen einen Kindergarten. Allerdings hängt die Quote auch wieder von der Herkunft ab: So sei der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund, die in eine Kita gingen, in einigen Bundesländern niedriger als bei Kindern ohne Migrationshintergrund.

Unterschiede in der Schule

Schüler (Symbolbild)
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Schüler (Symbolbild)

Grundschule: Wenn Kinder nicht nach Leistung sortiert und auf getrennte Schulen geschickt werden, gilt dies als förderlich, um Chancengerechtigkeit herzustellen - so wie dies bundesweit an den Grundschulen der Fall ist. Davon abgewichen werde allerdings durch zwei Entwicklungen, sagt Klemm.

Erstens: die soziale Entmischung von Wohngebieten, die sich in der Schülerschaft spiegele. "Angesichts steigender Miet- und Immobilienpreise wird sich das noch weiter aussortieren, sodass Kinder aus sozial starken und sozial schwachen Familien noch öfter unter sich bleiben", sagt Klemm. Um Chancengerechtigkeit zu fördern, sei gerade dies kontraproduktiv.

Zweitens: die mangelnde Inklusion eines Teils der Schüler. Bundesweit werden der Studie zufolge 4,3 Prozent aller Schüler noch in separierenden Förderschulen unterrichtet. In Mecklenburg-Vorpommern liege diese Quote sogar bei 6,0 Prozent.

Ganztagsschule: Der Aufbau von Ganztagsschulen gehört zu den ambitioniertesten bildungspolitischen Reformvorhaben in Deutschland, die noch von der rot-grünen Koalition angestoßen wurden. "Das Programm steht für mehr Chancengleichheit in der Bildung in ganz Deutschland", hieß es damals. Zuletzt versprachen Union und SPD im aktuellen Koalitionsvertrag einen "Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen".

Tatsächlich ist Deutschland von einer flächendeckenden Versorgung aber weit entfernt. Zurzeit haben 40,1 Prozent der Grundschüler einen solchen Platz. Die regionalen Unterschiede sind groß: In Hamburg liegt die Quote bei 98,2 Prozent, in Baden-Württemberg bei 16,7 Prozent.



Klemm hat ausgerechnet: Wenn der Rechtsanspruch umgesetzt werden soll, bräuchte Deutschland bis zum Schuljahr 2025/2026 zusätzlich 102.000 Lehrkräfte. Aber der Arbeitsmarkt ist leergefegt, ausreichend Nachwuchs nicht in Sicht. Diese Fachkräftelücke könnte sich je nach sozialer Lage der Schulen noch verschärfen.

"Viele gut ausgebildete Lehrkräfte unterrichten lieber in gutbürgerlichen Stadtteilen", sagt Klemm. Gleichzeitig arbeiteten Quereinsteiger etwa in Berlin schon heute überdurchschnittlich oft an Grundschulen, die durch eine sozial benachteiligte Schülerschaft gekennzeichnet seien.

Wechsel aufs Gymnasium: In Deutschland kann dabei der Studie zufolge von Chancengerechtigkeit keine Rede sein: "In allen Bundesländern ist der Übergang ans Gymnasium in hohem Maße von der sozialen Herkunft bestimmt." Im Schnitt habe ein Kind aus einer Akademikerfamilie bei gleicher kognitiver Fähigkeit und gleicher Lesekompetenz eine 3,81-mal größere Chance auf eine Gymnasialempfehlung als ein Kind aus einer Facharbeiterfamilie.

Diese "schichtspezifische Ungleichbehandlung" trage dazu bei, dass sich die Ungleichheit bei 15-Jährigen fortsetze: 55 Prozent der Kinder aus einer Familie der "oberen Dienstklasse" besuchen demnach das Gymnasium, aber nur 24,4 Prozent der Kinder aus Arbeiterfamilien. Immerhin sei der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund deutlich gestiegen, sagt Klemm.

Unterschiede nach der Schulzeit

Auszubildende (Symbolbild)
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Auszubildende (Symbolbild)

Hochschulen: Die hohe soziale Selektivität setzt sich der Studie zufolge fort, wenn es darum geht, wer ein Studium aufnimmt - und wer nicht. Aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil einen akademischen Abschluss hat, studieren 79 Prozent der Kinder. Aus Familien, in denen beide Elternteile keinen beruflichen Abschluss haben, dagegen nur 12 Prozent.

Ohne Schulabschluss: Der Anteil der Jugendlichen, die das Schulsystem in Deutschland ohne Abschluss verlassen, ist zuletzt wieder gestiegen: von 5,9 (2016) auf 6,5 Prozent (2017). Wer aber nicht mindestens einen Hauptschulabschluss besitze, habe kaum eine Chance auf einen Ausbildungsplatz, heißt es in der Studie. So bleiben 1,45 Millionen junge Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren in Deutschland ohne Berufsausbildung. Die Quote stieg den Angaben zufolge von 13,9 (2016) auf 15 Prozent im Jahr 2017.



"Wer aufsteigt, schafft das Tal nicht ab"

In den vergangenen Jahren sei durchaus einiges erreicht worden, sagt Klemm. Immer mehr junge Menschen würden Abitur machen, studieren, die Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss sei deutlich zurückgegangen. Aber: Bei der Chancengerechtigkeit sei Deutschland längst nicht weit genug vorangekommen.

Das Problem an den derzeitigen Strukturen: "Die schon privilegiert sind, bekommen mehr, die anderen fallen hinten runter", sagt der Forscher. Intelligente Lösungen seien gefragt, aber auch mehr Geld. Auf dem Dresdener Bildungsgipfel wurde versprochen, 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Bildung einzusetzen. 2015, dem Zieljahr, in dem diese Verabredung erreicht sein sollte, waren dies jedoch gerade einmal 9,1 Prozent. Es fehlten 27,1 Milliarden Euro.

Video: Lehrermangel in Deutschland

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curiosus_ 22.10.2018
1. Logo
---Zitat von Silke Fokken--- Der Sohn der Putzfrau soll die gleichen Bildungschancen haben wie die Tochter des Professors. ---Zitatende--- Wo schon in der Grundschule beim ersten Elternabend explizit darauf hingewiesen wird, dass die Mitarbeit der Eltern zwingend notwendig für den schulischen Erfolg der Kinder ist. Und am anderen Ende, im Gymnasium, die selbe Order ausgegeben wird. Wie heißt es schon in der Bibel: An ihren Taten sollt ihr sie erkennen! (Und nicht an ihren Worten) Oder drastischer: Dummschwätzer. Und dazu: ---Zitat von Silke Fokken--- Zweitens: die mangelnde Inklusion eines Teils der Schüler. Bundesweit werden der Studie zufolge 4,3 Prozent aller Schüler noch in separierenden Förderschulen unterrichtet. In Mecklenburg-Vorpommern liege diese Quote sogar bei 6,0 Prozent. ---Zitatende--- Warum wird das hier erwähnt? Erst kürzlich war doch auf SPON zu lesen, dass genau das Ändern dieses Zustandes eher kontraproduktiv ist: *Langzeitstudie - Schwache Schüler gehen in starken Klassen unter* Kinder, die von besseren Mitschülern umgeben sind, lassen sich schneller entmutigen als Schüler in leistungsschwachen Klassen. Die Folgen sind noch 50 Jahre später spürbar. (http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/schule-schwache-schueler-gehen-in-starken-klassen-unter-a-1233603.html) Dieser Punkt wirft auf die "Studie zur Chancengerechtigkeit" doch wohl eher den Schatten des Ideologieverdachts.
Leser161 22.10.2018
2. Enger Blick
Eine Studie mit derart verengtem Blick (Abschluss/Herkunft der Eltern, Abschluss der Kinder) auf ein sehr komplexes Thema, die sich trotz dieser Einschränkung frei fühlt mit dem Finger um sich zu zeigen, kann ich nicht ernst nehmen.
adamk 22.10.2018
3.
"Die Schule" macht ja auch alles dafür, dass die Kluft noch größer wird. Ich sage nur: z.B. Lerninhalte selbst erarbeiten, Präsentationen erstellen (als Gruppe), Internetrecherche. Solange das nicht in der Schule (unter gleichen Voraussetzungen) gemacht wird, haben die Kinder aus bildungsfernen Familien immer das Nachsehen, da die Lehre letztendlich an die Eltern delegiert wird.
reissp 22.10.2018
4. Selsame Interpretation
"Nur 33, 6 Prozent der Kinder unter drei Jahren hatten im Jahr 2017/18 in Deutschland einen Krippenplatz. Beim Bildungsgipfel hatte man dagegen eine Quote von 35 Prozent versprochen - Ziel klar verfehlt" Echt? 1,4 Prozentpunkte Unterschied ist "klar verfehlt"?
friedrich.hayek 22.10.2018
5. Aufnahme in die Einrichtungen
Ein wichtiges Element fehlt meines Erachtens: die Aufnahme in die Kitas / Grundschulen / Gymnasien erfolgt mit wenigen Ausnahmen (Bezugsgebiet) völlig und restlos intransparent. Man meldet sich, an erhält als Eltern ein „ja“ oder einen „nein“; die Einrichtung wählt jeweils frei, welches Kind sie nimmt und welches nicht, und muss die Entscheidung nicht begründen. Das ist schon ziemlich bemerkenswert, wenn man vor Augen führt, wie stark reguliert und transparent so ziemlich alle anderen menschlichen Interaktionen in unserem Leben sind, wo Interesse gegen Interesse in einem Nullsummenspiel gegenübersteht. Und das aus gutem Grund: die komplette Intransparenz führt immer und überall zu Vetternwirtschaft. Vermutlich kennen die meisten von uns die Geschichten, wo jenes Kind den begehrten Platz erhielt, dessen Papa die Leiterin der Einrichtung von früher kennt, oder sich mit Blumen und Geschenken eingeschleimt hat, und so weiter und so fort. Dann braucht man sich nicht wundern, dass die „kulturelle Kompetenz“ ein fast Vierfaches an Unterschied ausmacht, wie im Artikel beschrieben.
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