Ost-West-Austausch Warum Schüler aus NRW nach Sachsen fahren - und umgekehrt

Ist fast 30 Jahre nach der Wende noch ein Schüleraustausch zwischen Ost- und Westdeutschland nötig? Nein, sagt die Ostbeauftragte der Regierung. Manche Schulen halten trotzdem daran fest.

Sächsische Schweiz
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Städte gründeten Partnerschaften, Schulklassen besuchten sich gegenseitig: Nach dem Mauerfall gab es viele Bemühungen, Menschen aus Ost- und Westdeutschland zusammenzuführen. Inzwischen ist vieles davon versandet.

Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Helmut Holter, fordert nun wieder "Schülerprojekte im Austausch zwischen Leipzig und Stuttgart". Er hat damit eine Debatte angestoßen. Denn Studien zeigen, dass Vorbehalte und Unterschiede zwischen Ost und West fast 30 Jahre nach der Wende noch nicht überwunden sind.

Einen flächendeckenden innerdeutschen Schüleraustausch hält die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke, trotzdem für überholt. "Junge Leute empfinden die Unterschiede gar nicht mehr, sie gehen unbefangen miteinander um", sagt sie.

Auch der Lehrerverband kann dem Vorschlag wenig abgewinnen. Regelmäßige Austauschprogramme seien aufwendig, sagte Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger. "Viele Schulen haben schon alle Hände voll zu tun, den USA- und Frankreichaustausch am Laufen zu halten."

Doch einzelne Schulen im Osten und Westen haben trotzdem über die Jahre nicht aufgehört, sich gegenseitig zu besuchen. Was hat es den Schülern dort gebracht? Der SPIEGEL hat mit Schulleitern, Lehrern und Jugendlichen gesprochen.

Die Sechstklässler der Europaschule in Rheinberg im Ruhrgebiet pflegen seit rund 20 Jahren einen Austausch mit Schülern des Lessing-Gymnasiums im sächsischen Hohenstein-Ernstthal. Einmal im Jahr überwinden ein gutes Dutzend Schüler die 545 Kilometer, um eine Woche lang in einer Gastfamilie im jeweils anderen Landesteil zu wohnen. Oft müssen die Plätze ausgelost werden, weil so viele Schüler mitfahren wollen.

"Ich halte den innerdeutschen Austausch immer noch für wichtig", sagt Koordinator Christian Drummen aus Rheinberg. Schüler und auch ihre Eltern lernten sich und den jeweiligen Alltag kennen und schlössen dabei oft Freundschaften.

Hannah mit Mitschülerinnen am Lessing-Gymnasium
Lessing-Gymnasium Hohenstein-Ernstthal

Hannah mit Mitschülerinnen am Lessing-Gymnasium

Die 15-jährige Hannah aus Sachsen hat den Austausch vor drei Jahren mitgemacht. Sie will ihre Gastfamilie in Rheinberg unbedingt demnächst wieder besuchen. "Sie waren alle sehr nett." Die Austauschwoche war Hannahs erster Besuch in Westdeutschland. "Es war lustig, wie hochdeutsch sie dort geredet haben", erzählt sie. "Und es gab auch Gulasch!"

Vera, 14, aus Rheinberg fuhr im selben Jahr nach Hohenstein-Ernstthal. "Der Dialekt war manchmal schwer zu verstehen", erinnert sie sich. Aber es sei spannend gewesen zu hören, wie Menschen dort die DDR und die Wende erlebt hätten. Und eigentlich sei der Alltag in ihrer Gastfamilie auch nicht anders gewesen als zu Hause.

Schülerinnen Vera (l.), Nikola (r.) und Christian Drummen von der Europaschule Rheinberg
Europaschule Rheinberg

Schülerinnen Vera (l.), Nikola (r.) und Christian Drummen von der Europaschule Rheinberg

Vera und Hannah sagen, sie seien ohne Vorurteile nach Sachsen und nach Nordrhein-Westfalen gefahren. Doch nicht alle Jugendlichen können sich denen entziehen. "Die abwertende Haltung, die im Westen gegenüber dem Osten besteht, schlägt sich auch bei jungen Menschen nieder", sagt Klaus Schroeder, Historiker an der Freien Universität Berlin und Leiter des Forschungsverbunds SED-Staat. Es sei erschreckend, wie wenig Schüler und Studenten über die deutsche Teilungsgeschichte wüssten.

Vorurteile und Unwissen kennt auch Lehrerin Ilka Schuchardt vom Elisabeth-Gymnasium in Halle, die einen jährlichen Austausch ihrer Zehntklässler mit dem Robert-Bosch-Gymnasium bei Stuttgart ins Leben gerufen hat. "Einige Gastschüler waren überrascht, als sie die schöne Altstadt von Halle gesehen haben. Sie dachten offenbar, in Halle sei alles grau", sagt Schuchardt.

Dabei geht es der Schule nicht darum, auf Unterschieden zwischen Osten und Westen herumzureiten. "Es ist einfach schön, andere Orte und Menschen kennenzulernen", sagt die 18-jährige Sarah aus Halle, die vor zwei Jahren mit Klassenkameraden eineinhalb Wochen lang in Baden-Württemberg war. Sie habe dort auch viel gelernt über die deutsche Geschichte, zum Beispiel in Stuttgart-Stammheim über die RAF.

Schülerinnen Sarah (links) und Lisa aus Halle
Elisabeth-Gymnasium

Schülerinnen Sarah (links) und Lisa aus Halle

Das Austauschprogramm könne ebenso gut mit einer Schule in einem beliebigen anderen Bundesland stattfinden, sagt Schulleiter Michael Mingenbach. Auch zwischen Jugendlichen im Norden und Süden Deutschlands oder in der Stadt und auf dem Land herrsche eine andere Lebenswirklichkeit. "Man kann immer etwas lernen, wenn man sich woanders hinbewegt."



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