Schulverweigerer schafft Abitur "Verdammt, das funktioniert"

Deutschlands hartnäckigster Schulverweigerer hat seine Reifeprüfung bestanden. Moritz Neubronner, 18, blieb fast die ganze Schulzeit dem Unterricht fern. Nun beendete er eine außergewöhnliche Schulkarriere - im Alleingang.

Ein Interview von


Zur Person
  • Thomas Neubronner
    Moritz Neubronner, Jahrgang 1996, lebt in Bremen und ist der bekannteste Schulverweigerer der Republik. Lediglich die ersten beiden Grundschuljahre und ein Halbjahr in der zehnten Klasse besuchte er regulären Schulunterricht. Fast ohne fremde Hilfe schaffte er den Hauptschulabschluss und die Mittlere Reife jeweils mit einem Durchschnitt von 1,4. Seine externe Abitur-Prüfung schloss er 2015 mit 2,5 ab.
Wenn Moritz Neubronner die Zeit zusammenrechnet, in der er einen Klassenraum von innen gesehen hat, dann kommt er auf gut zwei Jahre. Nach den ersten beiden Grundschuljahren verkündete Moritz trotzig, dass er den Unterricht nicht mehr besuchen will. Ihn störte der Lärm, er bekam Bauchweh. Seine Eltern nahmen ihn von der Schule.

Seitdem gilt die Familie Neubronner als Symbol der deutschen Homeschooling-Bewegung. Jahrelang stritten Moritz' Eltern vor Gericht dafür, ihre Kinder von der Schulbesuchspflicht befreien zu lassen. Nach einer Niederlage vor dem Europäischen Gerichtshof und der Androhung von Zwangsgeldern meldete der Vater den Wohnsitz der Familie kurzzeitig in Frankreich an, wo der Unterricht von zu Hause erlaubt ist.

Anders als bei vielen Homeschoolern in den USA hat die Weigerung der Neubronners nichts mit der Evolutionstheorie oder dem Sexualkundeunterricht zu tun. Die Eltern sagen, sie hätten bloß akzeptiert, dass ihre Kinder nicht in die Schule wollen.

Mit 16 Jahren besuchte Moritz Neubronner kurz vor der Mittleren Reife noch mal für ein paar Monate die zehnte Klasse, danach organisierte er sich sein Oberstufen-Leben selbst. Vor wenigen Wochen bestand er in einer externen Prüfung das Abitur.

SPIEGEL ONLINE: Glückwunsch, Herr Neubronner. Sie haben erfolgreich Ihre Abiturprüfung geschrieben - fast ohne eine Schule zu besuchen. Wie ging das?

Neubronner: Ich habe mich bei der Schulbehörde für eine externe Abiturprüfung angemeldet und dann ein nettes Gespräch mit den Mitarbeitern gehabt. Da ich keine Vorzensuren hatte, musste ich acht Prüfungen ablegen - vier schriftliche und vier mündliche. Beim Lernen habe ich mich an den Bildungsplänen von Bremen orientiert, die stehen ziemlich detailliert im Netz.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie nicht nervös?

Neubronner: Schon. So viele Prüfungssituationen hatte ich in meinem Leben ja noch nicht. Vor der ersten mündlichen Prüfung in Spanisch fühlte ich mich grauenhaft, ich war extrem aufgeregt. Danach ging es besser.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich auf die Prüfungen vorbereitet?

Neubronner: Vor dem Abi habe ich relativ unstrukturiert gelernt. Für die Prüfungen habe ich versucht, mich jeden Tag für ein paar Stunden an den Schreibtisch zu setzten, habe mich dabei aber von Facebook, Twitter und YouTube ziemlich ablenken lassen. Gelernt habe ich dann fast ausschließlich mit Büchern aus der Stadtbibliothek und Erklärvideos im Internet. Für Spanisch hatte ich einen Nachhilfelehrer. Mit meinen Eltern habe ich vorher eine mündliche Prüfungssituationen simuliert und auch geübt, längere Texte am Stück zu schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Eltern haben jahrelang mit den Behörden gestritten, weil Sie nicht in die Schule gehen wollten. Und dann ist Ihre Familie vorübergehend sogar nach Frankreich gezogen, um der deutschen Schulpflicht zu entfliehen. War es das wert?

Neubronner: Ich persönlich bin zufrieden. Auch in meiner Familie bereut niemand, dass wir diesen Weg gegangen sind. Den meisten Stress hatten aber sicherlich meine Eltern. Es ist schon eine Erleichterung, dass es mit dem Abschluss nun geklappt hat. Und die Zeit in Frankreich war gar nicht so übel.

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SPIEGEL ONLINE: Was ist so schlimm daran, in die Schule zu gehen?

Neubronner: Ich fand es komisch, dazu gezwungen zu werden. Wir haben früher an der österreichischen Grenze gelebt, und ich kannte viele Kinder, die zu Hause unterrichtet wurden. Das wollte ich auch. Heute bin ich froh über die Freiheit, die ich außerhalb der Schule hatte.

SPIEGEL ONLINE: Wie sah Ihr Alltag aus? Sind Sie jeden Morgen aufgestanden und haben gelernt?

Neubronner: Um ehrlich zu sein, nein, das habe ich die wenigste Zeit gemacht. Ich bin viel gereist, habe etwas mit Freunden unternommen, kleine Filme gedreht, Kung Fu gelernt. Und ich habe oft lange ausgeschlafen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nichts vermisst?

Neubronner: Ich kann nur etwas vermissen, was ich gut kenne.

SPIEGEL ONLINE: Zwischenzeitlich schien es so, als würden Sie doch wieder in die Schule wollen. Mit 16 sind Sie für einige Monate in die 10. Klasse gegangen. Wie war das?

Neubronner: Nach kurzer Zeit war mir klar, dass es keine Dauerlösung ist. Ich sage nicht: Schule ist schlecht, und von zu Hause aus Lernen ist gut. Nur für mich funktioniert Letzteres besser. Es war damals aber gut zu schauen, ob diese Erkenntnis nach all den Jahren für mich immer noch gestimmt hat. Außerdem habe ich in dieser Zeit viele Freunde gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Eltern gelten als Symbolfiguren der deutschen Homeschooling-Bewegung und betreiben aktiv Werbung dafür. Wie missionarisch sind Sie unterwegs?

Neubronner: Ich will nicht damit angeben, mein Abitur ohne Schule geschafft zu haben. Ich will den Leuten aber ins Gedächtnis rufen: Verdammt, das funktioniert! Viele wissen das nicht und sind vielleicht unglücklich in der Schule.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr Plan für die Zukunft?

Neubronner: Im Frühling gehe ich vermutlich für ein halbes Jahr nach Kanada, bis dahin werde ich etwas jobben und mir überlegen, was ich studieren will.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie studieren, dann gehen Sie aber hin, oder?

Neubronner: Das lässt sich wohl kaum vermeiden. Aber ich studiere dann ja auch etwas, was mich wirklich interessiert.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 181 Beiträge
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Seite 1
pittydoc 21.08.2015
1. der
für eine Führungsposition.Da stehen sicher alle Personalchefs Schlange .Den weiteren beruflichen Werdegang unbedingt verfolgen.
Phil2302 21.08.2015
2.
Niemals, NIEMALS sollte Homeschooling in Deutschland erlaubt werden. Herzlichen Glückwunsch dass es jemand geschafft hat, der anscheinend genug Grips dazu hatte. Es gibt aber genug Kinder, die das nicht haben. Davon abgesehen (das wird ja schon angesprochen im Artikel) bleibt eins auf der Strecke: Die Freunde. Schule ist auch ein Ort der Sozialisierung. Das könnte sonst das Abrutschen in eine Parallelgesellschaft begünstigen, oder die Chancen von sozial schwachen Familien noch weiter verringern. Hm, wenn ich mir das so angucke doch eigentlich eine super Forderung für die CSU, wenn das mit der Maut mal vorbei ist.
gunpot 21.08.2015
3. natürlich, wenn man die
entsprechenden Eltern hat, die über die nötigen Mittel verfügen und der Schüler nicht den Willen verloren hat zu reüssieren, dann kann so etwas klappen. Sollte ein home schooling wirklich in D zugelassen werden, dann sollte ein Gremien vorher überprüfen, ob hier gewisse Mindestvoraussetzungen erfüllt werden können, sonst haben wir es mit einer Welle von Drückebergern zu tun. Die Anzahl derjenigen, die nicht richtig lesen, schreiben und rechnen können, könnte sonst erheblich zunehmen.
Real Nobody 21.08.2015
4. Wie kommt man auf die Note?
Bei allen anderen Schülern gehen die Noten der Oberstufe mit in die Abi-Note ein. Diese 2,5 ist keine 2,5 - ganz im Gegenteil. Schön, dass er es geschafft hat, aber die Note ist in dem Fall nichts, und im Vergleich zu allen anderen Schülern ist es schlicht extrem ungerecht. Bin gespannt, wann der erste wegen attestierten Übelkeit beim Autofahren seinen Lappen ohne Fahrstunden macht...
mmy 21.08.2015
5. es gibt immer zwei seiten
auf der einen seite muss ich sagen, dass ich den jungen gut verstehe. ich kenne gerade aus dem bereich der jugendhilfe viele kinder für die schule bzw. man muss besser sagen das system schule nicht zum gewünschten erfolg führt. man muss aber auch sagen, dass dieser junge mann absolut eine ausnahme ist und mit sicherheit auch über die entsprechenden persönlichen ressourcen verfügt, um das so zu schaffen. Ich denke in der schule geht es aber noch um mehr als nur im Noten und Wissen. Es geht auch darum soziale interaktion zu lernen und zu erleben, sich auch unangenehmen situationen zu stellen bzw. sich unterzuordnen. ich mag sehr stark bezweifeln, dass er mit der einstellung im leben sehr weit kommt ...
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