Umfrage unter Schulleitern Je jünger, desto frustrierter

Fehlende Lehrer, marode Gebäude und zu viel Arbeit: In einer Umfrage haben Schulleiter ihre größten Probleme benannt. Vor allem die unter 40-Jährigen sind unzufrieden. Dabei werden sie dringend gebraucht.

Klassenzimmer an einem Gymnasium in Stuttgart
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Klassenzimmer an einem Gymnasium in Stuttgart

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"Würden Sie Ihren Job weiterempfehlen?" Wer auf diese Frage mit "wahrscheinlich nicht" oder "auf keinen Fall" antwortet, hat wahrscheinlich einiges an frustrierenden Erfahrungen gesammelt. Bei Schulleitern unter 40 Jahren ist das ziemlich oft der Fall: Jeder Dritte (32 Prozent) würde keine entsprechende Jobempfehlung aussprechen. Bei den Über-60-Jährigen sind es nur 22 Prozent.

Das Ergebnis stammt aus einer Studie, die der Verband Bildung und Erziehung (VBE) am Freitag zum Deutschen Schulleiterkongress in Düsseldorf veröffentlicht hat. 1200 Leiter von allgemeinbildenden Schulen sind dafür zu ihrer Arbeitszufriedenheit befragt worden. Die große Mehrzahl ist zwar zufrieden, benennt aber trotzdem zahlreiche Probleme an den Schulen. Und: Je jünger die Schulleiter sind, desto unzufriedener sind sie.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • 58 Prozent der Schulleiter gehen "sehr gern" zur Arbeit, weitere 37 Prozent "eher gern".
  • In allen Schulformen wird der Lehrermangel von den Schulleitern als größtes aktuelles Problem benannt.
  • Fast jeder vierte Schulleiter empfindet Integration und Inklusion als schwierig - allerdings ist die Zahl an Grundschulen (28 Prozent) und Haupt-, Real- und Gesamtschulen (20 Prozent) deutlich höher als an Gymnasien (8 Prozent).
  • Jeder fünfte Befragte klagte über Zeitmangel und starke Arbeitsbelastung.
  • Die größte Unzufriedenheit mit Ausstattung und Gebäuden gibt es bei Schulleitern an Gymnasien.

Auffällig sind die Altersunterschiede: Von den jüngeren Schulleitern unter 40 Jahren sagen immerhin 27 Prozent, dass sie ihre Aufgaben "nie" oder nur "gelegentlich" zur eigenen Zufriedenheit erfüllen. Bei den Über-60-Jährigen sind das nur 13 Prozent.

Für VBE-Chef Udo Beckmann ist das eines der wichtigsten Ergebnisse der Umfrage. "Die neue Generation Schulleitung wird von Anfang an demoralisiert", sagt Beckmann. Wenn ein Drittel der jungen Kollegen den eigenen Beruf nicht weiterempfehle, sei das alarmierend, so der VBE-Vorsitzende: Schließlich seien es gerade die jungen Schulleiter, "die frisch in die Schulleitung einsteigen und in der Regel noch rund 30 Jahre in dieser Position arbeiten sollen".

Für Beckmann ist das auch einer der Gründe dafür, warum es insbesondere an Grundschulen schwer falle, Leitungspositionen zu besetzen. In einzelnen Bundesländern ist der Mangel so groß, dass manche Lehrer gleich mehrere Schulen gleichzeitig kommissarisch führen müssen.

Vor allem Grundschulleiter gesucht

Tatsächlich zeigt eine SPIEGEL-Anfrage bei mehreren Kultusministerien, wie unterschiedlich die aktuelle Situation ist: So sind in Sachsen derzeit 88 von 1356 Schulleiterstellen an allgemeinbildenden Schulen nur kommissarisch besetzt - knapp 6,5 Prozent. Der Großteil davon (57) findet sich an Grundschulen.

Auch in Baden-Württemberg sind es vor allem Grundschulleiter, die fehlen: 147 Stellen sind hier nicht besetzt, zusammen mit den anderen Schulformen liegt die Zahl der offenen Leitungsjobs bei 220. Die Quote liegt damit landesweit bei 5,75 Prozent. Deutlich höher ist die Zahl der vakanten Schulleitungen dagegen in Nordrhein-Westfalen: 14,37 Prozent der Chefposten sind derzeit verwaist.

Von den landesweit insgesamt 5107 Schulen sind derzeit 734 ohne reguläre Führung - auch hier meistens Grundschulen. Hinzu kommen noch einmal 939 Stellvertreter, die zwischen Rhein und Weser fehlen. Immerhin, heißt es im zuständigen Schulministerium, konnten seit Beginn des Schuljahrs 50 Schulleiter und 32 Vertreter neu eingestellt werden.

Der Bedarf an Leitungs-Fachkräften ist also da - und da helfe es nicht, wenn die Schulpolitik immer wieder in die Arbeit der Schulleiter hineingrätsche, sagt Udo Beckmann. Der Umfrage zufolge sagten 82 Prozent der Schulleitungen, es sei belastend, dass die Politik bei ihren Entscheidungen den tatsächlichen Schulalltag nicht ausreichend beachtet. Nach der Schulnote gefragt, die die Schulleiter der Bildungspolitik in ihrem jeweiligen Land geben würden, kam nur ein Notendurchschnitt von 3,8 heraus - und kein einziger Schulleiter vergab eine Eins.

"Kein Politiker darf erwarten, dass sich die riesigen Herausforderungen wie Inklusion und Integration, das Lernen in der digitalen Welt und der Lehrermangel bewältigen lassen, wenn Politik sich weiter weigert, das erforderliche Geld in die Hand zu nehmen", sagt der VBE-Chef.

Seine Forderungen: höhere Stundenkontingente in den Kollegien, der Ausbau von Teamstrukturen in der Schulleitung mit zusätzlichen Stellvertretern - und mehr Gehalt. "Es muss attraktiv sein, eine Schule zu leiten", sagt Udo Beckmann, "momentan ist Schulleitung Mangelverwaltung. Dass unter den bestehenden Umständen Stellen nicht besetzt werden können, sollte niemanden verwundern."

Details zur Erhebung
Wer wurde befragt?
Befragt wurden 1200 Schulleiterinnen und Schulleiter an allgemeinbildenden Schulen in der gesamten Bundesrepublik.
Ist die Umfrage repräsentativ?
Ja, für die Schulleiter an allgemeinbildenden Schulen - und mit einer Fehlertoleranz von +/- 3 Prozentpunkten.
Wie wurde befragt?
Die Umfrage wurde zwischen dem 19. Januar 2018 und dem 21. Februar 2018 mithilfe computergestützter Telefoninterviews durchgeführt. Einzelne Fragen konnten frei beantwortet werden, bei anderen gab es vorgegebene Antwortmöglichkeiten.
Welche Unternehmen waren an der Umfrage beteiligt?
Durchgeführt wurde die Umfrage vom Berliner forsa-Institut im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE).
Gab es Qualitätskontrollen?
forsa sichert die Repräsentativität der Umfrage für Deutschland und damit die Qualität der Daten zu. Das Institut verweist auf die bei Stichproben dieser Größenordnung übliche Fehlertoleranz von +/- 3 Prozentpunkten.


insgesamt 4 Beiträge
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Carabus 09.03.2018
1. Wen wundert es?
Die über 60 jährigen haben doch schon ihre Pension vor Augen. Frust höchstens im Rückblick. Während die, die gerade erst den Job in Angriff nehmen noch viel Durchhaltevermögen brauchen unter immer schlechteren Arbeitsbedingungen. Frust im Anblick was noch kommt. Von daher eine überflüssige Befragung.
Nania 09.03.2018
2.
Ich denke, dass das nicht alles ist. Was ich damals in der Schule schon als Schüler bemerkt habe, war, das junge Lehrerinnen und Lehrer mit neuen, frischen Ansätzen oftmals von den Kollegen belächelt wurden. Da ist in Teilen manchmal ganz offen drüber gelästert worden, selbstverständlich ohne Namen zu nennen. Da war dann von Waldorf-Pädagogik die Rede, sobald ein Lehrer mal nicht dem Muster F folge und andere beschwerten sich, dass neue Lernmethoden ja nur dazu führen würden, dass die Schüler alle schlechter würden. Da wird man als junger Mensch einfach auch schnell demotiviert. Neulich gab es dazu sogar auch einen Artikel, ich bin mir nur nicht sicher, ob das hier war. Gleichzeitig muss die Politik bereit sein, mehr Geld in die Hand zu nehmen um marode Schulgebäude umfassend zu renovieren (und nicht nur grob zu flicken) und die Schulen (technisch) besser auszustatten. Es müssen wieder mehr Lehrer eingestellt werden - in allen Fächern - und die Arbeitslast neu verteilt werden. Wenn wir mehr Lehrer haben, vielleicht sogar einen kleinen Überschuss an jeder Schule, dann ist mehr Zeit zu ordentlicher Vor- und Nacharbeit, und auch für die Betreuung der Schüler. Aber: das muss wiederum bezahlt werden, und da hakt es egal in welchem Bereich.
womo88 09.03.2018
3. Woran wird es wohl liegen?
Ich habe 30 Jahre an verschiedenen Schulformen unterrichtet: Grundschule, Gesamtschule, Berufliche Schule mit gymnasialer Oberstufe. Reine Grundschulen sind meiner Erfahrung nach meist klein, das Kollegium bestehth zu einem großen Teil aus Frauen, von denen die meisten auch nur halbtags arbeiten wollen. Außerdem ist die Besoldung dort geringer als in anderen Schulformen. Schulleiter geht m. E. aber nur mit Vollzeitstelle. Da werden die Interessentinnen/Interessenten dann weniger, udn man hat meist keinen stellvertretenden Schulleiter, muss also alle Arbeit selbst machen. Meine Erfahrung an einer Beruflichen Schule mit gymnasialer Oberstufe und ca. 1200 Schülern. Der stellvertretende Schulleiter war auch noch Stundenplaner, Vertretungsplaner und hatte Unterrichtsverpflichtung. Er kam morgens um 7 Uhr und ging nie vor 17 Uhr. Der Schulleiter hatte dafür das größere Arbeitszimmer und keine Besenkammer wie sein Vertreter und verbrachte weniger Zeit in der Schule. Er war mehr für die repräsentativen Aufgaben zuständig, sperrte die Kaffeeküche, wenn mal wieder einer aus dem Kollegium nicht ordentlich abgewaschen hatte, klaubte Getränkedosen von Fenstern, warf sie in den Flur und beschimpfte anschl. die Aufsicht habenden Kollegen, dass sie nicht genügend beaufsichtigt hätten. Er vertrat die Schule nach außen - ganz wichtig! ;-) Die Arbeit hat der Stellvertreter gemacht. Ich muss sagen, für das Geld A15 hätte ich diese Arbeit nicht machen woll.
austenjane1776 12.03.2018
4. Schulleiter sind Teil des Systems - keine Opfer
Eigenartig - Schulleiter beschweren sich. Wie viele von denen haben sich denn jemals GEGEN die Schulaufsicht gestellt oder irgendeinen Unfug verweigert? Wer schützt aktiv Schüler und Lehrer gegen Überforderung, volle Klassen, schulunfähige Kinder, "Inklusion", "Flüchtling", "kann nix", "hau drauf" und "will nix"? Schulleiter - unkündbar, verbeamtet - können sehr viel machen, ohne ihren Job zu gefährden. Scheinbar kriegen nur die den Job, die schon von jahrelanger Anpassung niemals auf die Idee kommen würden, NEIN zu sagen. Schade eigentlich.
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