Deutschlands Lehrer "Raus aus der Schmollecke"

Wild ist der Westen, schwer ist der Beruf - deutsche Lehrer fühlen sich von der Politik im Stich gelassen und werden gezwickt von Selbstzweifeln. Das haben die Pädagogen doch gar nicht nötig, meint Matthias Rath. Der Ludwigsburger Professor hält das Selbstbild von Lehrern für allzu negativ und ruft sie zu mehr Optimismus auf.


Klassenzimmer: "Erwartungen an die Schule überdenken
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Klassenzimmer: "Erwartungen an die Schule überdenken

Leipzig - Lehrer in Deutschland haben von sich und ihrer Arbeit eine schlechtere Meinung als die Gesellschaft. Zu diesem Befund kommt Matthias Rath, Professor für Philosophie. Die öffentliche Meinung messe den Lehrern kaum Schuld an der Bildungsmisere zu, sagte der Wissenschaftler von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg auf der Leipziger Buchmesse.

Forscher der Hochschule hatten 112 Lehrer aller Schularten in Baden-Württemberg befragt. Fast zwei Drittel der Lehrer schätzten das Ansehen ihres Berufsstandes als "mangelhaft" ein; bewertet wurde es mit der Durchschnittsnote 4,6.

Eine Berufsprestige-Umfrage des Instituts für Demokopie Allensbach ergab 2003 folgendes Bild: Unter 18 Berufen hatten die Bürger vor Ärzten am meisten Respekt, gefolgt von Pfarrern und Professoren. Grundschullehrer schafften es immerhin auf den sechsten Platz. Studienräte schnitten mit dem 13. Platz zwar merklich schlechter ab, landeten aber immer noch vor Journalisten, Offizieren oder Politikern.


Den Ludwigsburger Wissenschaftlern zufolge sehen nur neun Prozent der Bevölkerung bei den Lehrern die Hauptverantwortung für die Bildungsmisere. Vier Fünftel der Pädagogen seien trotz allem zufrieden mit ihrem Beruf und würden ihn wieder ergreifen. Auch ihre Bezahlung schätzten die meisten Befragten im Vergleich zu Berufskollegen in anderen europäischen Ländern als gut ein.

"Optimismus als pädagogische Berufstugend"

Von der Politik fühlen sich die Pädagogen hingegen vor allem in der durch die Pisa-Studie angestoßenen deutschen Bildungsdebatte im Stich gelassen. So wurde die politische Unterstützung in der Umfrage mit der Note 5 benotet. Lehrer sähen sich selbst auch nur wenig in der Lage oder der Verantwortung, die Bildungssituation zu ändern. "Das ist ein Indiz für mangelndes Selbstbewusstsein", sagte Matthias Rath. Ursache hierfür sei auch ein traditionelles Lehrerbild, das durch eigene Erfahrungen und mediale Vermittlung entstehe. "Man erinnert sich an seine eigene Schulzeit und schaut sich den Film 'Die Feuerzangenbowle' an, und schon ist das Lehrerbild fertig."

Grafik: Deutschlands Lehrer
DER SPIEGEL

Grafik: Deutschlands Lehrer

Die Autoren der Studie forderten, Lehrer müssten "raus aus der Schmollecke" und den "Optimismus als pädagogische Berufstugend wieder entdecken". Nur selbstbewusste Pädagogen könnten bei ihren Schülern Selbstbewusstsein wecken.

Zugleich müsse die Gesellschaft ihre Erwartungen an die Schule überdenken. Denn die könne nicht alle Probleme wie Gewalt und Drogenmissbrauch beheben. "Und wer sich hinstellt und Lehrer als faule Säcke bezeichnet, darf sich nicht wundern, dass die aus der Diskussion über die Bildungsmisere aussteigen", erklärte Rath.

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