Deutschpflicht an Berliner Schule "Unsere Konfliktlotsen sind arbeitslos"

Zwangsgermanisierung auf dem Schulhof? Böse Kritik musste die Hoover-Realschule einstecken, weil ihre Schüler auch in den Pausen nur noch Deutsch sprechen sollen. Jetzt zeigt sich: Es gibt viel weniger Streit, die Leistungen der Schüler sind besser geworden.


Berlin - Was diese Schulleiterin sich alles anhören musste: Als Ignorantin hat man sie beschimpft, als Gefahr für den Schulfrieden. Von "Zwangsgermanisierung" oder "Diskriminierung" sprachen manche Kritiker. Jutta Steinkamp, Direktorin der Herbert-Hoover-Realschule im Berliner Problembezirk Wedding, brauchte starke Nerven - damals, im Januar 2006.

Hoover-Realschule: Von der Skandal- zur Vorzeigeschule
DPA

Hoover-Realschule: Von der Skandal- zur Vorzeigeschule

Heute wird sie von der Öffentlichkeit als tapfere Heldin gefeiert, als Kämpferin für Völkerverständigung. Sogar den Nationalpreis, eine Auszeichnung für besondere Verdiensteum die Republik, hat man ihr im Juni 2006 verliehen. "Wir brauchen weitere solche Schulen, von denen andere lernen können", sagte der Berliner Landesschulrat Hans-Jürgen Pokall am Dienstag.

Vor zweieinhalb Jahren hatten sich Schüler, Lehrer und Eltern der Hoover-Realschule auf eine in Deutschland einzigartige Regel geeinigt: In der Schule sollte nur mehr Deutsch gesprochen werden, im Unterricht wie auf dem Pausenhof. Neun von zehn Hoover-Schülern sind ausländischer Herkunft, in ihren Familien sprechen sie Türkisch, Russisch, Polnisch, Arabisch. Auf dem Schulgelände aber sollten sie zu einer gemeinsamen Sprache finden.

Ein Jahr lang störte sich niemand an dem Gebot, am wenigsten die betroffenen Schüler. Dann aber berichtete das türkische Massenblatt Hürriyet vom angeblichen "Verbot der Muttersprache", und allenthalben brach Empörung aus. Der Türkische Bund in Berlin protestierte heftig, und Grünen-Vorsitzende Claudia Roth ätzte, Integration lasse sich nicht mit Reglementierungen erzwingen.

Kaum noch Scharmützel zwischen den Gangs

Die Wogen glätteten sich erst wieder, als Schüler und Eltern der Realschule erklärten, bei dem Gebot handle es sich nicht um einen feindseligen Akt der Schulleitung, sondern um einen einvernehmlichen Beschluss der Schulgemeinschaft.

Nun scheint es, als hätten Jutta Steinkamp und ihre Schule alles richtig gemacht. Seit auf dem Schulhof verbindlich Deutsch gesprochen werde, sei die Zahl der Gewalttaten deutlich gesunken, sagt Steinkamp. Früher kam es an der Hoover-Realschule häufig zu Scharmützeln zwischen einzelnen Gangs - Türken prügelten sich mit Serben, Serben mit Russen, Russen mit Arabern. "Das hat sich völlig geändert", sagt Schulsprecher Nezir Asanovic, dessen Eltern aus Serbien stammen. "Jetzt sind unsere Konfliktlotsen arbeitslos."

Und auch im Unterricht legten die Schüler zu. "Die mündliche Kompetenz fast aller Schüler hat sich deutlich verbessert", sagt Direktorin Steinkamp. Faruk Sen, Leiter des Zentrums für Türkeistudien, ist sich daher sicher: "Wer in Deutschland Karriere machen will, soll in der Schule ausschließlich Deutsch sprechen."

Die Herbert-Hoover-Realschule plant derweil schon das nächste Projekt. Im Herbst soll es zu einem Austausch kommen – mit Schulen aus Problembezirken in Großbritannien und Schweden.

pop/dpa

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