Die 00er-Generation "HipHop ist die letzte große Jugendkultur"

Porno, Aggro, Flatrate-Säufer: Mit diesen Reizworten wurde die Jugend der Nullerjahre zum Problem abgestempelt. Ein Fehler, sagt Szenenkenner Klaus Farin im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Tatsächlich gibt es keine Jugendkultur mehr, wie wir sie kennen - ständig werden alte Moden zu neuen gemixt.

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SPIEGEL ONLINE: Jugendszenen unterliegen einem steten Wandel. Was hat das letzte Jahrzehnt geprägt?

Farin : Seit den neunziger Jahren entstehen keine großen Jugendszenen mehr. Die letzte dominante Jugendkultur ist im Augenblick noch HipHop - und sie wird die letzte sein. Es wird kleinteiliger, widersprüchlicher, schneller. Die Stile fließen ineinander über. Als Techno anfing, gab es vielleicht drei Stile - heute gibt es unzählige Varianten von Goa für die Techno-Hippies bis zu Gabber, der Hooligan-kompatiblen Variante. Rap mischt sich mit Reggae oder Rockmusik, und auch daraus entstehen neue Stile.

SPIEGEL ONLINE: Aus alt wird neu - ist die Kreativität der jungen Menschen am Ende?

Farin: Umdeutung und Vermischung können auch kreativ sein. Anfang der Neunziger etwa gab es auf der einen Seite Punk, auf der anderen Techno - völlig unvereinbar, dachte man. Und plötzlich meldete sich eine Band namens The Prodigy, und es gab den Elektropunk. Man darf auch die Perspektive nicht vergessen - alles, was entsteht, ist für den 14-Jährigen von heute sowieso völlig neu.

SPIEGEL ONLINE: Warum entstehen keine Massenbewegungen mehr?

Farin: Sie haben keine Zeit mehr dazu. Neue Trends werden so schnell von Medien aufgegriffen und zum Mainstream geformt, dass das langsame Heranwachsen einer großen Jugendkultur kaum mehr möglich ist. Damit eine Jugendkultur so groß werden kann wie etwa HipHop, müssten sich die Medien mit dem Phänomen kontinuierlich drei Jahre beschäftigen. So viel Zeit gibt es aber nicht mehr. Deswegen wird es kleinteiliger und schnelllebiger - was ja nicht schlecht sein muss.

SPIEGEL ONLINE: Jugendkulturen entstehen aus Rebellion am Etablierten. Gibt es noch diese Lust am Protest, wenn Eltern bis in ihre Vierziger hinein jugendlich wirken wollen?

Farin: Ich denke schon. Rebellion gegen das Etablierte bedeutet ja nicht unbedingt ein Aufbegehren gegen die Gesellschaft wie im Punk. Sondern mitunter auch nur gegen die eigenen Alten und gegen die Langweiler in der Schulklasse. Das war in den Fünfzigern bei den Halbstarken so und in den Neunzigern bei Techno. Es geht bei Jugendkulturen einfach darum, etwas Eigenes zu haben, das nicht jeder Gleichaltrige hat.

SPIEGEL ONLINE: Ist das denn noch Aufbegehren, wenn Papa gern Reggae hört, der Junge aber Dancehall?

Farin: Natürlich ist Abgrenzung für Jugendliche heute nicht mehr so leicht wie in den fünfziger Jahren. Aber es funktioniert noch. Die Musik muss nur ein bisschen schneller und extremer werden, dann ist man die Über-30-Jährigen schon los. Dancehall mag auch für Papa akzeptabel sein, Black Metal sicher nicht. Außerdem sind die wenigsten Eltern jugendkulturell geprägt. Auch Jugendliche übrigens nicht: Nur 20 Prozent von ihnen gehören einer Jugendszene an.

SPIEGEL ONLINE: Porno-Jugend, Aggro-Jugend, Säufer-Jugend - immer wieder wird eine Verrohung der Jugend postuliert. Ein Abwärtstrend?

Farin: Dass über Jugend negativ berichtet wird, ist nichts Neues. Seit Sokrates wird die neue Generation stets schlechter als die eigene alte dargestellt. Wir werten das in einer Forschungsgruppe aus: Achtzig Prozent der Berichterstattung über Jugendliche ist negativ. Es geht um Rechtsextremismus, Gewalt, Alkohol und Drogen - Themen, die nur zehn Prozent der Jugendlichen wirklich betreffen.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt Phänomene, die neu sind - zum Beispiel amoklaufende Jugendliche. Oder Flatrate-Saufen.

Farin: Das stimmt so nicht. Das alles gab es immer schon, geändert haben sich nur der Umgang damit, die Quantität der Berichterstattung und die repressiven Forderungen. Seit den siebziger Jahren verletzen etwa gleich viele Schüler andere auf dem Schulhof. Seit zehn Jahren geht die Jugendkriminalität sogar zurück. Es gab noch nie so wenig Jugendliche, die rauchen, das tun beispielsweise nur noch 17 Prozent der Mädchen und jungen Frauen. Sie trinken weniger Alkohol als im letzten Jahrhundert. Und die zwei Prozent der sogenannten "gefährlichen" Trinker gab es schon immer. Die Lage ist also viel entspannter, als die vielen Verbotsforderungen glauben lassen.

SPIEGEL ONLINE: Was bleibt denn übrig von den 2000er-Jahren?

Farin: Ganz klar - in den Nostalgiesendungen im Jahr 2020 wird aus diesem Jahrzehnt HipHop gespielt werden. Neu entstanden sind außerdem Japan-Trends wie Visual Kei und Cosplayer, das hat vor allem die Mädchen geprägt. In Erinnerung werden auch bestimmte Sportszenen bleiben - die Skateboarder, die in diesem Jahrzehnt stärker geworden sind, oder Parcours. Auch die Emos wandeln sich allmählich von einem Kleidungsstil zur Jugendkultur. Was ausstirbt, sind von Medien hochstilisierte Phänomene. Wie der Kult um die Container-Show "Big Brother", der zu Anfang dieses Jahrzehnts beträchtlich war. Die Leute pilgerten nach Köln, harrten vor dem Container aus, es gab Bücher, Veranstaltungen, Foren. Das wird bald vergessen sein wie alles, was nicht in der Alltagsrealität von Jugendlichen selbst erfunden und gelebt werden kann.

Das Interview führte Carola Padtberg



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