Die Misere der Schüler Genervt, gelangweilt, abgelenkt

Lehrer klagen über unkonzentrierte Schüler, Arbeitgeber über Auszubildende, die weder richtig rechnen noch schreiben können. Und an vielen Schülern perlen alle pädagogischen Bemühungen einfach ab. Die Bildungsexperten rätseln: Was tun gegen die Langeweile in der Schule?


Hausaufgaben findet Miriam, 18, meist ziemlich uncool. "Die bringen mir nicht wirklich was", sagt die Hamburger Gymnasiastin. "In der Zeit arbeite ich oft lieber, weil mir das Spaß macht und ich Geld bekomme."

Jesse, 11, mag Weltkunde nicht. Deutschlandkarten zeichnen, wissen, wo München liegt, wo der Rhein fließt und die Elbe mündet. "Uhh", sagt der blonde Junge und verzieht das Gesicht, "das ist so anstrengend und so langweilig."

Konsumobjekt Handy: Zusätzliche Ablenkung
DDP

Konsumobjekt Handy: Zusätzliche Ablenkung

Sascha, 16, könnte mit den Verwarnungen, Tadeln und Verweisen, die ihm die Schule bisher mit auf den Weg gegeben hat, locker eine Wand tapezieren. Tagelang erschien er gar nicht zum Unterricht, und wenn der Ost-Berliner Junge doch mal wieder im Klassenzimmer auftauchte, dann oft nur, um wegen Störung gleich wieder vor die Tür gesetzt zu werden. Dort ging der Rabatz dann weiter. Schließlich wollte ihn die Schule nur noch loswerden.

Schuld an seinem unrühmlichen Abgang gibt Sascha vor allem einer neuen Klassenlehrerin: "Die kam aus Dortmund oder so und hat von Anfang an einen schlechten Eindruck hinterlassen."

Schüleralltag in Deutschland: Bücher lesen ­ bloß nicht! Aufgaben machen ­ was bringt mir das? Daten und Fakten lernen ­ viel zu anstrengend! Schlechte Noten ­ die doofen Lehrer sind schuld!

Pädagogen klagen über unkonzentrierte Schüler, Arbeitgeber über Lehrlinge, die weder richtig rechnen noch schreiben können und die sich nur schlecht ins Arbeitsteam einfügen.

Lauter lernunwillige Bestien?

Wie "ein kritischer Konsument", mokierte sich jüngst Kinderbuchautor Burkhard Spinnen in der "Süddeutschen Zeitung", würden die Schüler heutzutage "vom Hersteller und Vertreiber des Produktes Bildung permanent Preisnachlässe und Gratisbeigaben" einfordern.

Realschule in Düsseldorf: Motivieren mit schlechten Noten?
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Realschule in Düsseldorf: Motivieren mit schlechten Noten?

Marga Bayerwaltes hat ihren Beruf als Deutsch- und Philosophielehrerin an einem Gymnasium 1999 entnervt quittiert*. Ihre bittere Quintessenz nach 25 Jahren Lehrerdasein: "Mein Unterricht bringt überhaupt nichts. Man könnte ihn genauso gut einstellen."

Nie sei es ihr gelungen, die Noten ihrer Schüler zu verbessern, nie hätten die Kinder verstanden, "was sie falsch gemacht hatten, wieso ein Ausdruck unpassend, eine Argumentation nicht stringent oder eine Haltung verantwortungslos genannt werden konnte".

Statt mitzuziehen, hätten die Jungen und Mädchen sämtliche pädagogischen Bemühungen kühl an sich abgleiten lassen mit Sätzen wie: "Das sehe ich eben anders", oder "Da haben wir eben 'ne verschiedene Meinung".

Deutsche Schüler ­ eine "Horde lernunwilliger, ungezogener, an Fernsehunterhaltung gewöhnter Bestien", wie der Hamburger Bildungskritiker Dietrich Schwanitz sarkastisch meint? Zu unmotiviert, zu gelangweilt, zu abgelenkt, um sich für die Wissensgesellschaft des dritten Jahrtausends fit zu machen?

TV, Internet, Handys sind mächtige Gegner

Oder sind die Jungen und Mädchen einfach nur gut angepasst an eine Zeit, in der Wissen rasant verfällt, in der vom Werbespot bis zur Vorabendsoap der hedonistische Individualist den Ton angibt? Sind es deshalb vielleicht eher die Schulen mit ihren starren Lehrplänen, ihren großen Klassen und hergebrachten Unterrichtsmethoden, sie dem gesellschaftlichen Wandel nicht gewachsen sind und die ihre kindliche Kundschaft allein lassen?

Tatsache ist: In den letzten Jahrzehnten hat sich das gesellschaftliche Umfeld, in dem Schule Kinder motivieren soll, dramatisch verändert. Immer seltener gibt es zu Hause einen Elternteil, der bei den Schularbeiten hilft. Gelesen oder vorgelesen wird in den meisten Familien überhaupt nicht mehr. Stattdessen sitzt jedes zweite Kind täglich mehr als drei Stunden vor dem Fernsehgerät. In jedem dritten Zimmer der über 16-Jährigen steht zudem noch ein Computer. Handys sorgen für zusätzliche Ablenkung ­ 74 Prozent der 12- bis 19-Jährigen haben eins.

Hinzu kommt eine radikal veränderte Berufswelt. Statt wie die Alten ein Leben lang in ihrem Beruf ausharren zu können, müssen sich die Jungen wohl auch bei den Jobs auf eine Art Zappen einstellen.

Bildungsexperten wie der Hamburger Peter Struck fordern deshalb seit langem, Schulen in Lernwerkstätten zu verwandeln, in denen Pädagogen auf die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen Schülers eingehen können.

Die Realität in den meisten Schulen ist davon weit entfernt. Für jedes Kind einen eigenen Lehrplan? Bei 25, 30 oder sogar noch mehr Kindern in einer Klasse nur ein frommer Wunsch. Mit den Jungen und Mädchen auch über häusliche Sorgen reden? Mit einer wachsenden Zahl von Problemkindern und steigenden Unterrichtsverpflichtungen gar nicht zu schaffen.

So sind es bisher nur einige Lehrerkollegien, die den traditionellen Schulalltag oftmals in Modellversuchen mit Gesprächsrunden, Projektunterricht oder Ausflügen in die Arbeitswelt aufmischen und so versuchen, bei ihren Schülern den Spaß am Lernen wieder herauszukitzeln. Die Erfahrungen könnten Vorbild sein für eine Schule, die mehr kostet, aber eben auch viel mehr bringt ­ und das nicht nur den Schülern.

Die Debatte darüber, wie Schule sich verändern muss, hat neuen Schwung bekommen, seit den Deutschen in der Pisa-Studie ein beschämender Platz auf den hinteren Rängen zugewiesen wurde. Selbst Rezepte aus grauer Vorzeit ­ wie die Kopfnote seligen Angedenkens ­ haben ein überraschendes Comeback. Die Zensuren für Fleiß, Ordnung und Betragen sollen mithelfen, aus gelangweilten und überreizten Jungen und Mädchen brave und bildungshungrige Schüler zu machen. In Sachsen ist die vermeintliche pädagogische Wunderwaffe sogar schon im Einsatz.

Die Hamburger Gymnasiastin Miriam kann über die Idee nur lachen. Motivieren mit schlechten Noten? "Da erreicht man doch das Gegenteil", sagt sie und schüttelt über so wenig Einfühlungsvermögen der Altvordern mitleidig den Kopf. "Wenn der Lehrer mir sagt, du kriegst eine Sechs, weil du nicht machst, was ich will, dann würde ich eher sagen, dann geh ich eben." Schließlich, so die 18-Jährige, könne es "ja nicht der Sinn sein, dass man sein eigenes Wesen aufgibt, um so zu werden, wie der Lehrer einen haben möchte".

Lesen Sie im zweiten Teil:



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