Lernen Warum der Fokus auf das digitale Klassenzimmer Unfug ist

Bei der Digitalisierung der Schulen machen Bundesländer Druck, denn Deutschland steht schlecht da. Doch: Lernen bleibt lernen - egal, ob analog oder digital. Die Schüler müssen wieder in den Mittelpunkt.

Schüler mit Tablet
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Schüler mit Tablet

Ein Gastbeitrag von Klaus Zierer


Zum Autor
  • Klaus Zierer
    Klaus Zierer (Jahrgang 1976) war Lehrer und ist seit 2015 Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Er hat mehrere Bücher geschrieben, zuletzt erschien "Lernen 4.0".

Die Digitalisierung ist Teil unseres Lebens und die Aufgabe lautet jetzt: Wie machen wir sie für den Menschen nutzbar? Ein Massenmedium ist dabei zentral: die Schule. In Kultusministerien wird mit Hochdruck über finanzielle Mittel, Ausstattung und Schulclouds beraten.

Das ist auch richtig so. Denn es gehört zu den zentralen Aufgaben der Schulen, gesellschaftliche Veränderungen proaktiv zu gestalten. Im Zusammenhang mit der Digitalisierung muss man aber zwei Perspektiven unterscheiden: die des Unterrichts und die der Bildung.

Die Perspektive des Unterrichts: Was wissen wir über Digitalisierung und ihren Einfluss auf die Lernleistung von Schülerinnen und Schülern? In der aktuellen Diskussion wird schnell deutlich: Vieles entspringt vagen Vorstellungen und vereinzelten Erfahrungen. Klarheit liefert die Forschung - etwa die einflussreiche Hattie-Studie, eine Metastudie zu Unterricht und Lernerfolg. Das aktuelle Hattie-Ranking listet 250 Faktoren auf, die Einfluss darauf haben, wie gut Unterricht gelingt. Darunter sind über 20 Digitalisierungsfaktoren, die jedoch in der Summe nur mäßige Effekte haben.

Drei Beispiele:

  • Der Einsatz von Powerpoint wirkt sich kaum auf den Lernerfolg aus. Einer der Gründe dafür ist, dass Lernende eher den Folien folgen als dem Redner und dadurch die entscheidenden Informationen nicht mitbekommen.
  • Die Einzelnutzung eines Computers wird überschätzt. In der Studie "The pen is mightier than the keyboard" konnten die Autoren nachweisen, dass Lernende sich Gehörtes besser merken können, wenn sie es mit Bleistift und Papier mitschreiben als mit Laptop oder Computer.
  • Auch Smartphones sind im Unterricht nicht per se hilfreich. Vielmehr kommt die Studie "Brain Drain" zu dem Schluss, dass allein die Anwesenheit des Smartphones die Aufmerksamkeit verringert und damit auch die Leistungen.

Was folgt daraus? Lernen bleibt lernen - egal, ob analog oder digital. Und damit das gelingt, braucht es Einsatz, Anstrengung und den menschlichen Dialog. Kurzum: Pädagogik vor Technik.

Die Perspektive der Bildung: Dem humanistischen Verständnis zufolge zeigt sich Bildung darin, was jemand aus seinem Leben gemacht hat und nicht darin, was andere aus einem gemacht haben. Sicherlich führt die Digitalisierung in vielfacher Hinsicht zu mehr Lebensfreude. Aber es gibt auch eine Schattenseite: "Smartphone-Sucht".

Die Betroffenen unterliegen einem Reflex und zücken das Smartphone, wann immer ihnen langweilig ist oder sie sich unsicher fühlen. Das führt laut der Studie "Homo Digitalis" unmittelbar zu immer weniger sozialen Kontakten - selbst das Essen in Familien wird durch eine unkontrollierte Smartphonenutzung asozialisiert. Zudem kommen Betroffene kaum noch zur Ruhe und ihre Leistungen in Arithmetik nehmen ab. Außerdem verändern sich neuronale Bereiche.

Digitalisierung ist eine gesellschaftliche Herausforderung

Was folgt daraus? Menschen müssen nicht nur lernen, wie ein Smartphone funktioniert. Sie müssen vor allem lernen, wann es sich lohnt, dieses einzuschalten und wann es besser ist, dieses auszuschalten. Eine umfassende Medienbildung muss das Ziel sein. Hier sind die Schulen besonders gefragt.

Digitalisierung ist eine gesellschaftliche Herausforderung. Gerade der Bildungsbereich ist gefordert - weniger wegen der Chancen für das Lernen, als vielmehr wegen der Risiken für die Bildung. Schule ist der falsche Ort für Digitalisierung als Selbstzweck. Genauso wichtig wie die Frage nach der Zahl der Tablets ist die Suche nach geeigneten Lehrmethoden und ausreichend qualifiziertem Personal. Dieser zweite Aspekt kommt bisher in den zuständigen Ministerien viel zu kurz. Klar ist: Dafür braucht es Geld und Zeit. Wer hier schnell und leichtfertig agiert, verkennt die Möglichkeiten und Grenzen des Menschen.

insgesamt 161 Beiträge
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Seite 1
franz.v.trotta 27.12.2017
1.
Wenn alles gut läuft, gibt es einen Gewinner ... ... : die Industrie. Deswegen ist die FDP so engagiert in Sachen Digitalisierung.
mrbiggg 27.12.2017
2. Es stimmt...
In Schulen wird auf Teufel komm raus die Digitalisierung voran getrieben, ein Konzept ist aber nicht erkennbar. Beispiel Smartboards. Teuer, anfällig und teilweise unpraktisch. Als Alternative ginge ein Beamer mit großem Whiteboard... Wirkt aber leider zu altmodisch, obwohl viel kosteneffektiver. Beispiel Laptopklassen: Der Sinn komplette Klassen mit Laptops oder Tablets auszustatten hört sich schon da auf, wenn in Niedersachsen an Sek 1 Schulen kein verbindlicher Informatik Unterricht stattfindet. Es fehlt doch sowieso an grundsätzlicher Medienkompetenz der Schüler (und Eltern). Auf dem Papier sehen WLAN, Smartboards, Laptops etc. toll aus, aber auch halt nur da.
Strangelove 27.12.2017
3. Gut in der ganzen Diskussion mal wieder etwas vernünftiges zu lesen
und nicht immer den Hype, dass die Kinder durch Computer noch schneller lernen könnten. Meine Erfahrung zeigt auch, das gerade das mit- bzw. aufschreiben durch nichts zu ersetzen ist. Menschen sind keine Computer und funktionieren auch nicht so. Natürlich soll man den kompetenten Umgang mit moderner Technik in der Schule lernen aber es gibt auch viel was man nicht unbedingt braucht. Heutzutage muss z.B. überall eine elektronische Tafel hängen. Es dauert bis der Rechner dafür hochgefahren ist, das Schreiben ist sehr indirekt und man fragt sich wenn man mal selber darauf geschrieben hat was an einer preiswerten analogen Kreidetafel so schlecht ist. Dann gibt es natürlich auch Entwicklungen bei denen mir ganz übel wird. Von einem Berliner Bekannten bekam ich folgendes aus einem Schulprotokoll zu lesen: "Apple hat Interesse an der Schule – als Lernwerkzeug für den Unterricht. Ausstattung der Schule ggf. mit W-LAN usw." Die Firma Apple hat also Interesse an der Schule... ich hoffe für die Kinder diese frühe Prägung bleibt ihnen erspart und die Schule kann WLAN auch anders finanzieren, wobei fraglich ist ob das überhaupt für den Unterreicht nötig ist und nicht nur für die Smartphonejunkies gedacht ist.
jla.owl 27.12.2017
4. Microsoft Werbeveranstaltung
Auch hier, POWERPOINT! Powerpoint ist ein Microsoft-Produkt. In Schulen wird Word und Excel genutzt, warum nicht Open-Source-Produkte wie Open-Office? Für jeden kostenlos! Und wer sich in einer Softwareumgebung zurechtfindet, sollte dies auch in anderen schaffen. Das ist etwa so, als würde ein GEHA-Füller von den Schulen vorgeschrieben. Und wenn dann in Zentralen-Abschlussprüfungen Fragen zu Excel auftauchen, wird mir immer wieder schlecht, wo sind wir?
jozu2 27.12.2017
5. Danke für die Klarheit
Es ist nicht das erste Mal, dass jemand die digitale Schule entlarvt. Manfred Spitzer wird für seine Kritik teilweise regelrecht verteufelt. Die Wahrheit ist, das Digitaltechnik uns vor allem vom Nachdenken entlastet. Das ist in einer Schule so sinnvoll, wie ein Rollstuhl beim Lauftraining. Einzig "selber Programmieren" ist für Schüler eine sinnvolle Tätigkeit, weil es (vielen) Spaß macht und 100%ige Logik abverlangt. Das kann man aber zu Beginn sogar auf einem C64 lernen und braucht erst nach den Grundlagen moderne PCs. Ein Smartphone, Google oder gar PowerPoint braucht man dafür nicht. Und wer mal gelernt hat zu programmieren, bringt sich die Office-Produkte in einem Monat selber "learning-by-doing" bei.
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