SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

13. Oktober 2016, 14:19 Uhr

Digitales Lernen in Deutschland

Zu oft offline

Von

Eine Initiative der Bundesregierung soll deutsche Schüler besser mit WLAN und digitalen Endgeräten ausrüsten. International stehen sie miserabel da. Was läuft in anderen Ländern besser?

Die Olari-Highschool in Espoo liegt nur eine halbe Autostunde von Helsinki entfernt. Als Schulleiterin Kaisa Tikka auf die Idee kam, für ihre Schule Tablets anzuschaffen, fragte sie niemanden, ob sie das darf. Sie spazierte in den nächsten Laden und kaufte ein. Zunächst für drei interessierte Kollegen und sich. Der Einsatz der Geräte im Unterricht überzeugte sie und so fragte sie bald bei einer Versammlung im Lehrerzimmer: "Ich kaufe jetzt Tablets für die Lehrer. Wer will keines haben?"

Inzwischen werden die Tablets in der Olari-High überall eingesetzt: In Sport als Filmkamera; in Erdkunde, um Exkursionen in digitalen Büchern zu dokumentieren; in Englisch, um im Internet zu recherchieren.

So könnte es in Deutschland vielleicht auch eines Tages zugehen. Gerade hat die Bundesregierung erklärt, dass sie fünf Milliarden Euro für WLAN und Endgeräte bereit stellen will. Auch um im internationalen Vergleich aufzuholen. Viele Staaten sind Deutschland beim digitalen Lernen voraus.

Wehklagen in Deutschland

In Tschechien war der Anteil jener Schüler im internationalen Vergleich am größten, die den Computer nutzen können, um gezielt Informationen aus dem Netz zu holen - und sie kritisch zu prüfen. 37 Prozent der tschechischen Achtklässler zeigten das bei der sogenannten ICILS-Studie, der "Internationalen Computer- und Informations-Kompetenz-Studie". In Deutschland konnte das nur ein Viertel der Schüler. Als die Studie 2014 veröffentlicht wurde, setzte in Deutschland das große Wehklagen ein. Denn die deutschen 15-Jährigen landeten unter dem Durchschnitt - wieder einmal bei einer Schulstudie. Weit vorne: Korea, Tschechien, Norwegen.

Bei Korea muss das niemanden wundern. Der Heimatstaat von drei Smartphone-Produzenten, darunter der Weltmarktführer und allmächtige Samsung-Konzern begann schon 1996, eine nationale Digitalisierungsstrategie zu entwerfen. Seit 2005 wird sie Schritt für Schritt in die Tat umgesetzt. Ziel war es, alle Schulbücher aus Papier abzuschaffen. Stattdessen werden die Texte für die Schüler auf Textbooks zur Verfügung gestellt, mobilen Rechnern.

"Zukunftskompetenzen bestehen nicht darin, Dinge auswendig zu lernen und niederzuschreiben", sagt Grundschullehrerin Cha-Mi Kwon, "sie müssen lernen, selbst aus verschiedenen Quellen zu wählen, was für ihre Aufgabe nützlich ist." Koreas Schulsystem betreibt also den Umstieg seines auf Drill und Disziplin fußenden Schulsystems: vom passiven rezeptiven zum aktiven Lernen.

Allerdings ist der Samsung-Staat Vorreiter auch im Negativen. Das Land ist von Smartphones und Internetnutzung übersättigt. Die Regierung hat landesweit insgesamt 140 Internet- und Videogame-Suchtzentren eingerichtet. Inzwischen setzt eine Gegenbewegung zur totalen Digitalisierung der Schulwelt ein. Neuerdings können sich jene Internate vor Bewerbern kaum retten, die ein absolutes Handyverbot aussprechen.

Kleine Länder haben es leichter

Die Computer-Pisa-Studie ICILS hat bestätigt, dass mehr Digitales nicht zwingend mehr Leistung bedeutet: Staaten, die mehr Geld und Geräte in Computerlernen investierten, hatten nicht immer einen Zugewinn bei den Digitalkompetenzen der Schüler.

Kleine Länder wie Tschechien können digitales Lernen einfacher einführen und steuern - wegen ihrer Größe. So gibt es in Tschechien eine Lehrerplattform mit Wikis, Videos und Lernmaterialien. Bereits in den Grundschulen wurde der Informatikunterricht zur Pflicht erklärt. Forderungen danach gibt es auch hierzulande seit Längerem. Aber jedes Bundesland bestimmt seine Lehrpläne autonom.

Als Bundesbildungsministerin Johanna Wanka jetzt für ihren Fünf-Milliarden-Euro-Vorstoß pädagogische Konzepte bei den Ländern zur Bedingung machen wollte, konterte SPD-Fraktionsvize Hubertus Heil trocken: "Das ist sinnvoll - aber es ist verfassungsrechtlich nicht möglich, dass der Bund solche Konzepte von den Ländern verlangt."

Clouds als neue Zentralhirne

Norwegen, auch einer der Spitzenreiter der Computerstudie ICILS, hat ein anderes Element, bei dem das Land weit voraus ist: die gemeinsame Schulcloud, genauer ein Lernmanagementsystem. Es steht für alle Schulen Norwegens bereit und ist so etwas wie ein virtuelles Klassenzimmer: Lehrer bereiten darin ihren Unterricht vor, sie informieren Schüler und stellen Aufgaben. Schüler wiederum bearbeiten in der Lernplattform ihre Texte, allein oder mit anderen.

Das virtuelle Klassenzimmer ist das neue Zentralhirn, jener Ort, der das Lernen in der physischen Schule ergänzt und erweitert. Die Tablets, Laptops oder Smartphones sind nur die Zugangspforten. Deutschland dürfte hier den größten Rückstand haben. Bildungsministerin Wanka hat angekündigt, dass sie in wenigen Wochen beim Nationalen IT-Gipfel eine deutsche Lerncloud vorstellen wird, einen Prototypen, der für 200 Gymnasien vorgesehen ist - bei insgesamt 40.000 Schulen.

Und auch das, was Kaisa Tikka an der Olari-Highschool nahe Helsinki gemacht hat, ist hierzulande nicht so leicht möglich. Wenn ein Schulleiter ausprobieren will, ob ein Tablet pädagogisch geeignet ist, kann er nicht einfach eins kaufen. Er muss sich in der Regel erst an die Schulträger wenden. Die kalkulieren, suchen aus und besorgen dann auch die Rechner. In Finnland ist der Schulleiter beim Computerkauf König, in Deutschland eher Bettler.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH