Leben und Lernen

Anzeige

Lehrergeständnis

"Anstatt alles Digitale zu verbieten, müssen wir Kinder lieber erziehen"

Der Digitalpakt ist ausgebremst, die Länder wollen sich in die Schulpolitik nicht reinreden lassen. Unser Autor, an seinem Gymnasium IT-Koordinator, ärgert sich - und räumt mit ein paar Irrtümern auf.

Getty Images/Blend Images

Schülerinnen mit Tablets im Unterricht

Montag, 10.12.2018   10:47 Uhr

Anzeige

Dass Schule die Kinder auf ein Leben in der digitalen Welt vorbereiten muss, darüber sind sich eigentlich alle Experten einig. Auch unser Autor, Gymnasiallehrer in Hamburg, der deshalb IT-Koordinator seiner Schule geworden ist - einerseits aus pädagogischen Überlegungen heraus, andererseits aber auch aus persönlichem Interesse.

Wenn er mit Kollegen, Eltern oder Bekannten über guten, zukunftsfähigen und damit digital gestützten Unterricht diskutiert, stößt er allerdings immer wieder auf Vorurteile und Irrtümer. Hier kommen die häufigsten Fehlannahmen - und die passenden Gegenargumente.

Die Kinder von heute sind Digital Natives? Nein, das sind sie nicht.

Das bloße Aufwachsen mit Apple und Android macht Kinder noch lange nicht zu Experten. Ganz im Gegenteil! Die Bedienung digitaler Geräte ist immer intuitiver geworden, der Preis dafür hoch: Kinder wissen nicht mehr, was im Hintergrund passiert, wo das Handy aufhört und das Internet anfängt.

Dazu verklebt der fließende Übergang von Fake News und seriösen Nachrichten in sozialen Netzwerken den Blick auf die Welt: Wahrheit und Lüge sind nur schwer zu unterscheiden. All das lernen Kinder nicht beim bloßen Schreiben von Whatsapp- Nachrichten.

Schüler wollen immer nur am Handy daddeln? Das stimmt so nicht.

Anzeige

Wir dürfen die Faszination, die wir empfanden, als wir mit zwei weißen Balken und einem Quadrat Tennis spielten, nicht auf die Jugendlichen von heute übertragen. Für sie sind Computer schon immer da und überall. Sie sehen sie oft nüchterner, als wir es ihnen zutrauen: als Werkzeuge, Spielzeuge, Alltag und Zeitfresser.

Ungestillt ist der Durst nach echten Erfahrungen, nach Klassenfahrten, nach Bewegung und Schlammschlachten; wir müssen diese Dinge mit ihnen unternehmen und sie nicht aus lauter Bequemlichkeit durch das Tablet sedieren.

Anzeige

Anstatt alles Digitale zu verbieten, müssen wir die Kinder lieber erziehen. Die Fußball-App gehört genauso wenig zum ersten Rendezvous wie heimliche Nachrichten unterm Tisch in den Unterricht. Das Onlinewörterbuch in die Englischstunde jedoch schon.

Digitale Medien verdummen? Unsinn.

Elektronische Medien sind schlecht für die Schulnoten, so die These des Populärwissenschaftlers Manfred Spitzer. Doch was hilft es, wenn wir die Kinder auf eine analoge Schule vorbereiten, wo die Arbeitswelt doch immer digitaler wird? Sollten wir dann nicht eher an der Schule etwas ändern?

Ganz ehrlich: Wie viele Texte haben Sie in Ihrem Leben bisher in Ihrer geschwungenen vereinfachten Ausgangsschrift geschrieben und wie viele mit Ihrer storchigen Zweifingertechnik auf der Tastatur? Dies ist nur eins von zahlreichen Beispielen, wo Schule verpasst hat, beizubringen, was wir im Alltag brauchen.

Die Schulen sind schlecht auf die Digitalisierung vorbereitet? Stimmt nicht.

Im föderalen Bildungsdschungel gibt es "die Schulen" einfach nicht. Schulen bekommen Geld für die Medienausstattung zugewiesen und entscheiden, was sie damit tun. In der Praxis hängt es stark von Schulleitung und Kollegium ab, wie digital der Unterricht ist.

Dazu ist der Status des Faches Informatik von Bundesland zu Bundesland verschieden. In Bayern ist es schon lange Pflichtfach, in Hamburg hat Informatik diesen Status vor ein paar Jahren wieder verloren. Niemand traut sich an die Stundentafeln der anderen Fächer heran - stattdessen wird versucht, die Inhalte auf die Fächer zu verteilen. Ein gewagter Versuch!

Für Kinder gelten mit Recht sehr strenge Auflagen zum Datenschutz. Auch wenn Sie zu Hause die seitenlangen AGBs ungelesen mit dem Mausrad wegscrollen, so können wir die Daten Tausender Minderjähriger nicht einfach preisgeben. Wer an Schulen innovativ sein möchte, begibt sich schnell in gefährliche Grauzonen. Hier müssen Bund und Länder flächendeckend aktiv werden und eine sichere und komfortable Infrastruktur bereitstellen.

Wir brauchen kein Faktenwissen mehr? Ein Irrtum.

"Steht doch eh alles bei Wikipedia", könnte man meinen. Aber mit diesem Argument werden die Schüler später in einem Meeting oder bei einer Präsentation vor Kunden kaum punkten. Viel wichtiger ist es, die für eine spezielle Situation relevanten Informationen im richtigen Moment strukturiert parat zu haben.

Versailles 1919, Notverordnung von Artikel 25 und 48 - das müssen die Schüler auswendig können, um das Ende der Weimarer Republik zu verstehen. Schüler lernen heute zwar exemplarischer, das heißt lieber eine Sache vertieft als alles oberflächlich, aber: Auswendig lernen gehört genauso dazu wie früher.

Alle müssen programmieren lernen? Nein, müssen sie nicht.

Wer glaubt, Informatik bestehe nur aus Programmieren, der glaubt auch, in Kunst werde nur gemalt. Programmieren ist nur ein winziger Ausschnitt einer riesigen Disziplin. Dabei geht es um Datenbanken, Algorithmen, Betriebssysteme, Netzwerke - die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Um in der digitalen Zukunft zu bestehen, muss man nicht zwangsläufig programmieren können. Es gibt mittlerweile viele Werkzeuge, die diesen Job übernehmen. Sicher braucht man Grundkenntnisse, um diese Tools zu verstehen. Aber nicht jeder muss heute noch per Hand Code schreiben.

Weitere Artikel
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung