Digitaler Unterricht "Ein Gerät pro Schüler muss nicht sein"

Bund und Länder streiten heftig über die Frage, wie sich die Digitalisierung der Schulen vorantreiben lässt. Doch ist sie überhaupt sinnvoll? Eine Didaktikerin erklärt, worauf es ankommt.

Unterricht mit digitalen Medien (Symbolbild)
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Unterricht mit digitalen Medien (Symbolbild)

Ein Interview von


Zur Person
  • Astrid Eckert / TU München
    Kristina Reiss, 66, leitet das Zentrum für Internationale Bildungsvergleichsstudien an der TU München. Außerdem ist sie Dekanin der Fakultät für Lehrerbildung. Seit den Achtzigerjahren erforscht sie den Gebrauch von Computern im Unterricht.

SPIEGEL ONLINE: Computer im Unterricht, was bringt das?

Kristina Reiss: Wir haben 79 weltweite Studien ausgewertet, die den Effekt von digitaler Bildung ab der fünften Klasse in MINT-Fächern beleuchten. Und wir haben eindeutige Signale gefunden, dass es gut ist, wenn Lehrer im Unterricht Rechner einsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Also je mehr Laptops und Tablets im Klassenzimmer, desto besser?

Reiss: Nein, darauf kommt es gar nicht unbedingt an. Ob Lehrer eine PowerPoint-Präsentation zeigen oder eine Folie auf den Projektor legen, macht keinen Unterschied. Ich unterrichte Mathematik an der TU München und wenn ich mit Kreide an die Tafel im Hörsaal schreibe, tue ich das automatisch in einem Tempo, in dem mir die meisten Studierenden gut folgen können. Ein Erklärvideo wäre hingegen für viele zu schnell. Manchmal sind traditionelle Medien also sogar überlegen.

SPIEGEL ONLINE: Wann ist Software im Unterricht sinnvoll?

Reiss: In den Naturwissenschaften eignet sie sich, um Sachverhalte zu simulieren. Sie kann zum Beispiel veranschaulichen, wie sich die Körpertemperatur eines Marathonläufers ändert, wenn er viel oder wenig trinkt und wenn er in kaltem oder warmem Klima läuft. Die Schüler können die Schieberegler selbst hin- und herziehen. Es befördert das Lernen, Schüler auf solche Entdeckungsreisen zu schicken.

SPIEGEL ONLINE: Wenn diese Entdeckungsreisen sehr komplex sind, könnten sich Schüler auch alleingelassen fühlen.

Reiss: Ja, und es ist dem Gespür jedes Lehrers überlassen zu entscheiden, wann er etwas erklärt und wann er individuelle Lernprozesse moderiert. Unsere Studie hat gezeigt, dass es am besten ist, wenn er dabei zwischen traditionellen und digitalen Medien wechselt. An einer Schule in Singapur hatten zum Beispiel alle Kinder ein Tablet auf dem Tisch, aber sie probierten trotzdem mit zwei echten Schüsseln aus Metall und Plastik aus, in welcher der beiden ein Klumpen Eis schneller schmilzt.

SPIEGEL ONLINE: Muss es denn dann ein Gerät pro Schüler sein?

Reiss: Nein. Unsere Auswertung hat gezeigt, dass der positive Effekt digitaler Medien größer ist, wenn Schüler sie für kürzere Zeiträume nutzen. Zuerst steigern sich ihre Leistungen, doch nach einigen Wochen werden sie wieder etwas schwächer. Deshalb müssen Schüler nicht dauerhaft mit Geräten ausgestattet sein, sondern es reicht auch, wenn sich mehrere Klassen einen Satz teilen. Außerdem ist es sehr wichtig, dass Schüler über den Lernstoff sprechen. Voneinander lernen Kinder und Jugendliche mehr als in stiller Einzelarbeit, das ist auch ein Ergebnis unserer Studie. Keinesfalls sollte man sie vor Geräte setzen und damit alleinlassen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Lernsoftware eignet sich für den Unterricht?

Reiss: Sie sollte adaptiv sein, sich also dem Tempo jedes Schülers anpassen. Wenn er erfolgreich eine Schwierigkeitsstufe gemeistert hat, wechselt er dann automatisch in eine höhere, sodass er nicht dreimal denselben Aufgabentyp lösen muss.

insgesamt 27 Beiträge
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dasfred 14.12.2018
1. Alles zu allgemein gehalten
Smartphone und Tablet sind Werkzeuge und so sollten sie auch eingesetzt werden. Nicht Tablet statt lernen, sonst heißt es eines Tages, was man nicht im Kopf hat, muss man auf dem Smartphone haben. Enorm viel Stoff muss man am Ende der Schulzeit aus dem Gedächtnis abrufen können. Heute wird von vielen nicht mehr zwischen Wissen und Informationen unterschieden. Elektronik kann Wissen nicht ersetzen, nur informieren. Wenn mir ein Bewerber auf Fragen antwortet, dass er ja alles googeln kann, ist er so qualifiziert, wie jemand, der mir sagt, ich habe keine Ahnung, aber ich habe einen großen Bruder, der weiß das. Wir können auch beobachten, dass elektronische Hilfsmittel die Aufmerksamkeitsspanne für viele Themen enorm verkürzen.
ofelas 14.12.2018
2. White Boards
Also digitale Tafel sollten ausreichend sein, dabei kommt es auf die Inhalte an. Dass Google, Apple und andere versuchen massivst in den Education Markt einzudringen ist bekannt.
fuchsi 14.12.2018
3. Bitte keine pauschalen Anweisungen
Studien, die Binsenwahrheiten bestätigen, führen in der Debatte um die Digitalisierung des Unterrichts nicht wirklich weiter. Es geht weniger um die Verteilung der Geräte als vielmehr darum, wie diese Medien das Denken, Lernen und Arbeiten verändern. Fast alle Schüler besitzen ein eigenes Smartphone, viele haben längst einen eigenen Ansatz entwickelt, um damit individuell zu lernen. Lehrer wissen das. Die Forschung sollte diese Erfahrung aufgreifen und von der gegenwärtigen Realität ausgehen anstatt Thesen aus Jahre alten Studien zu extrahieren. Ohne Visionen, was Digitalisierung sein könnte, kommen wir nicht voran, sondern bleiben in der jüngeren Vergangenheit stecken.
joe_guglielmo 14.12.2018
4. Ich bin auch für eine Digitalisierung der Schulen
und für mehr Teilhabe der Lehrer, indem sie von den Schülern lernen! Solange Lehrer unter Medienkompetenz verstehen, dass ihre eigenen Technologieängste an die Schüler weitergegeben werden und sich das Aufdecken von eklatanten Sicherheitsdefiziten im schuleigenen IT Netz ( Passwort= Anmeldename, jahrelang unverändert etc. ) nur durch kriminelle Energie eines "Hackers" erklären können ist digitale Bildung der Lehrer dringend von Nöten!
TS_Alien 14.12.2018
5.
Das Beispiel mit dem Läufer zeigt, wohin die Entwicklung gehen wird. Es wird noch mehr Vorgekautes präsentiert, so dass es immer weniger um das Denken gehen wird. Ein individuelles Lerntempo nützt keinem wirklich etwas. Denn damit hinken die Langsamen immer weiter hinterher. Da träumen viele von einer Revolution im Lernprozess, die selbst oftmals zu wenig Wissen darüber haben, wie ernst- und dauerhaft sinnvoll gelernt wird. Das geht nur über harte Arbeit. Am besten mit Papier und Stift.
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