Gegen Diskriminierung an Schulen "Notfalls muss eben mal Unterricht ausfallen"

Der Fall des gemobbten jüdischen Jungen in Berlin steht exemplarisch dafür, dass Schüler andere extrem schnell wegen Religion oder Herkunft diskriminieren, sagt Expertin Sanem Kleff. An Schulen müsse mehr über solche Vorfälle geredet werden.

Zwei Schüler prügeln sich (Symbolbild)
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Zwei Schüler prügeln sich (Symbolbild)

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Frau Kleff, ist die Erfahrung des jüdischen Schülers in Berlin ein Einzelfall?

Kleff: Nein, absolut nicht. Diskriminierung aufgrund antisemitischer Haltung gibt es in Deutschland seit Jahren an zahllosen Schulen in unterschiedlichem Ausmaß. Das ist kein neues Phänomen und auch kein Einzelfall. Das macht es nicht weniger schlimm. Wir beobachten insgesamt, dass Schüler andere in jedem Schuljahr millionenfach diskriminieren, weil sie sie bestimmten Gruppen zuordnen.

Zur Person
  • Privat
    Sanem Kleff ist Bundeskoordinatorin des Netzwerkes "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage". Dem Netzwerk gehören bundesweit mehr als 2300 Schulen an.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Kleff: Im Prinzip picken sich Schüler eine beliebige Eigenschaft eines Menschen heraus und werten ihn darüber ab. Sie beschimpfen ihn, weil er eine Brille trägt, vermeintlich "fett" oder "schwul" ist - oder eben einer bestimmten Religion oder ethnischen Gruppe angehört. So können auf dem Schulhof plötzlich Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten, Kurden und Türken oder ähnliches aufbrechen. Als ich früher im protestantischen Bremen zur Schule ging, hieß es: 'Wir spielen nicht mit Katholiken'!

SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als ob es eine natürliche Eigenart von Schülern wäre, sich von anderen abzugrenzen und diese abzuwerten.

Kleff: Das ist keine Besonderheit von Schülern. So etwas kommt vermutlich in allen gesellschaftlichen Gruppen vor. Aber auf dem Schulhof kommen Minderjährige zusammen, und die reden in der Regel sehr unverblümt und geben das wieder, was sie an Abgrenzungen und Diskriminierungen aus der Welt der Erwachsenen übernehmen. Sie bekommen mit, was in ihren Familien oder in den Medien gesagt wird - und greifen diese Denkmuster auf, ohne immer die Zusammenhänge zu verstehen. Es ist zum Beispiel zu befürchten, dass die Spannungen zwischen Kurden und Türken sich zunehmend auch als Konflikte auf den Schulhöfen wiederfinden.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Lehrer mit solchen Diskriminierungen umgehen?

Kleff: Wir dürfen nicht vergessen, dass wir über Kinder reden oder - wie im Fall der Berliner Schule - zumindest über Minderjährige, die nicht älter sind als 16 Jahre. Es gibt verschiedene Institutionen, die versuchen, ihr Gedankengut in die Köpfe von Minderjährigen zu bringen, seien es die Reichsbürger mit ihren rechten Verschwörungstheorien oder islamistische Prediger. Die Schule muss dem etwas entgegensetzen und als eindeutiges Lernziel vorgeben: Alle Menschen sind gleich viel wert, Diskriminierung dulden wir nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann das konkret aussehen?

Kleff: Es ist wichtig, die Tat an sich zu verurteilen und über den Vorfall zu reden. Wie das geht, dafür gibt es kein Patentrezept. Wir beobachten zum Beispiel bei antisemitischen Vorfällen, dass die Täter verschiedenste Hintergründe haben: Das sind arabische oder türkische Jugendliche, die stark vom Nahostkonflikt in ihren Herkunftsländern geprägt sind. Es sind Schüler aus dem Neonazi-Milieu oder aus einem Pseudolinken-Lager, das antikapitalistische aber auch judenfeindliche Thesen propagiert. Je nachdem, wie der Fall liegt, müssen Lehrer unterschiedlich argumentieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Bundeskoordinatorin des Netzwerkes "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage". Was können Schulen tun, um Diskriminierung vorzubeugen?

Kleff: Es hilft jedenfalls nicht, nur dann aktiv zu werden, wenn gerade jemand diskriminiert und zum Beispiel als "schwule Sau" beschimpft wurde. Lehrer sollten in jedem Fall mit ihren Schülern immer wieder darüber reden, wie man Diskriminierung verhindert, aber zum Beispiel auch über politische Konflikte in den Herkunftsregionen ihrer Familien. Die Schüler fühlen sich emotional damit verbunden. Es ist wichtig, darauf einzugehen und mit ihnen über die Ereignisse zu reflektieren.

SPIEGEL ONLINE: Viele Lehrer beklagen, dass ihnen dafür im Schulalltag viel zu wenig Zeit bleibt.

Kleff: Und das finde ich wirklich schlimm. Es ist frustrierend, dass nach besonderen Fällen von Diskriminierung immer schnell beklagt wird, dass die Schule etwas hätte tun müssen. Aber tatsächlich lässt man Lehrern und Schülern viel zu wenig Raum für soziales Lernen. An oberster Stelle stehen Mathe, Chemie oder Deutsch, und in der Nachmittags-AG kann es dann mal um Menschenrechte gehen - wenn's zeitlich passt. Das geht nicht. Soziales Lernen muss genauso wichtig sein. Notfalls muss eben mal Unterricht ausfallen.



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
RudiRastlos2 04.04.2017
1.
Deutschland hat sich eben in den letzten Jahren durch seine Immigrationspolitik auch Antisemitismus importiert. Eine Tendenz, die, so fürchte ich, uns in Zukunft noch in weit aus größerem Maße beschäftigen wird. Eine Schande für ein Land mit dieser Geschichte :(
Atheist_Crusader 04.04.2017
2.
"Im Prinzip picken sich Schüler eine beliebige Eigenschaft eines Menschen heraus und werten ihn darüber ab. Sie beschimpfen ihn, weil er eine Brille trägt, vermeintlich "fett" oder "schwul" ist - oder eben einer bestimmten Religion oder ethnischen Gruppe angehört. So können auf dem Schulhof plötzlich Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten, Kurden und Türken oder ähnliches aufbrechen." Whoa, mal langsam. Sich einfach nur Jemanden rauszupicken und Dinge suchen die man an ihm aussetzen kann, das IST Mobbing. Aber nicht wenige Kinder (und ein großer Anteil daran Muslime) haben bereits ein Problem mit Juden. Und das äußert sich vielleicht wie Mobbing, ist aber nicht das Gleiche. Ein normaler Mobber kann eine Person wegen seiner Brille fertig machen und einen anderen Brillenträger in Ruhe lassen. Bei religiös motiviertem Hass ist das Opfer schon vorprogrammiert - man wählt es nicht willkürlich aus und versucht dann die Wahl im Nachhinein zu rechtfertigen. Also werfen wir mal bitte nicht ganz normales (natürlich dennoch problematisches) Mobbing mit unserem zum einem Gutteil importierten Antisemitismus zusammen. Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, auch wenn sie sich ähnlich äußern.
Marellon 04.04.2017
3. Klartext, bitte!
Klartext, bitte! Der jüdische Schüler ist nicht von "Mitschülern gemobbt" worden, sondern von arabischen und türkischen Mitschülern beschimpft und gewalttätig belästigt worden. Warum ist man so feige, und nennt das Kind nicht beim Namen?! Man hat ein paar Jahrzehnte darauf verwendet, um in der Bundesrepublik einen anständigen Umgang miteinander aufzubauen, und nun lässt man das Erreichte vor die Hunde gehen, indem man Zuwanderern aus vornehmlich muselmanischen Ländern freie Hand lässt bei ihrem miesen Benehmen, das nicht hierher passt. Will man es erst erkennen, wenn es zu spät zu ist? Diese Leute haben sich den hier üblichen Umgangsformen unterzuordnen. Und wenn sie das nicht können oder wollen, sollen sie ihren Koffer packen und wieder in die Region zurückgehen, aus der sie gekommen sind und deren Sitten und Gebräuche sie nach Deutschland und in andere europäische Länder mitnehmen wollen.
ice945 04.04.2017
4. Die Foristen über mir
stehen auch gerade auf dem Schulhof und verprügeln gleich aus diversen Gründen ihre muslimischen Mitschüler... Ihre Kommentare, liebe Foristen, zielen genau so auf Religion und Herkunft ab! Sie diskriminieren! Natürlich würden Sie das einem Muslim nie ins Gesicht sagen; Sie werden ja auch nicht handgreiflich. Aber vielleicht ja mal Ihr Nachwuchs, wenn Sie dem so ein "Feindbild" mitgeben. Fassen Sie sich erst mal an Ihre eigenen Nasen!
dauernörgla 04.04.2017
5.
Welchen Umgang ? Den von Neonazis? Den Umgang mit Hartz 4 Empfängern?Den von Schröder mit Merkel? Den von Honess und dem Steuerzahler? Den von Auto u Fahrradfahrern? Den vom guten alten Nachbarschaftsstreit ? Den Umgang mit seinen alten Angehörigen im Altersheim? Meine Güte was für ein Blödsinn, bald kommt auch wieder das Gesabbel von der Leitkultur, Streit auf dem Schulhof gab es schon immer, ( ohne das ganze hier zu verharmlosen ) aber junge Menschen suchen nach Identität ,ganz oft durch abgrenzung, das gibt's bei musik,aussehen und heute ist es die religion, nichts was mit ein wenig Zuwendung von allen Seiten nicht hinbekommen kann.Willkommen in der neuen welt, die Wörter sind andere ja,aber der Konflikt ist der altbekannte.
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