Neue Zahlen zu Drogendelikten Wird auf dem Schulhof wirklich mehr gekifft?

Die Drogenkriminalität ist auf deutschen Schulhöfen teils drastisch gestiegen, zeigen offizielle Zahlen. Der Suchtforscher Theo Baumgärtner warnt vor voreiligen Schlüssen.

Schüler raucht Joint (Symbolbild)
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Schüler raucht Joint (Symbolbild)

Ein Interview von


In Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt hat sich die Zahl der Drogendelikte an Schulen verdreifacht, in Nordrhein-Westfalen und Sachsen verdoppelt - das berichtete die Deutsche Presse-Agentur am Montag unter Berufung auf die Innenministerien und Landeskriminalämter. Auch in anderen Bundesländern ist die Drogenkriminalität auf Schulhöfen demnach gestiegen, meistens gehe es um den Besitz oder Verkauf von Cannabis. Hier erklärt der Suchtforscher Theo Baumgärtner, wie diese Zahlen zu bewerten sind.

SPIEGEL ONLINE: Herr Baumgärtner, diese Zahlen vermitteln den Eindruck, dass immer mehr Schüler Cannabis verkaufen und konsumieren. Stimmt das?

Baumgärtner: Die Zahlen klingen dramatisch, und natürlich muss man jeden Fall sehr ernst nehmen. Keine Frage. Aber man darf die Zahlen auch nicht überbewerten. Ich kenne diverse Studien zu dem Thema und kann sicher sagen: Die deutschen Schulen versinken nicht im Drogensumpf. Das ist kein Massenphänomen. Aber tatsächlich gibt es von Region zu Region, teilweise von Schule zu Schule, durchaus Unterschiede.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin hat sich die Zahl der Drogendelikte in einigen Bundesländern verdreifacht oder verdoppelt. Zeigt das keinen Trend?

Baumgärtner: Der Anstieg ist mathematisch richtig. Aber hochgerechnet auf die Gesamtschülerzahl bewegen wir uns bei den Drogendelikten an Schulen in einem Promillebereich. Außerdem kann der Anstieg diverse Ursachen haben.

Zur Person
  • Privat
    Theo Baumgärtner ist Sucht- und Drogenforscher in der Fachstelle Sucht.Hamburg. Er ist Projektleiter und Autor der SCHULBUS-Studie 2015 zu Suchtmittelgebrauch, Computerspiel und Internetnutzung sowie Glücksspielerfahrungen von 14 bis bis 17 Jahre alten Jugendlichen in Hamburg sowie Sachsen und Bayern.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Baumgärtner: Es muss nicht automatisch daran liegen, dass Schüler mehr kiffen oder dealen. Es kann auch damit zu tun haben, dass viele Schulen das Thema nicht mehr totschweigen. Viele Lehrer sehen genauer hin, handeln kompetenter. Dadurch kommen mehr Fälle ans Licht. Das mag nicht für jede Schule gelten, aber da ändert sich aus meiner Sicht etwas zum Positiven.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach Entwarnung.

Baumgärtner: Nein, so weit würde ich auch nicht gehen. Cannabis ist immer noch die in Deutschland am weitesten verbreitete illegale Droge, und ihre Wirkung wird von vielen Schülern - und teilweise auch Erwachsenen - massiv unterschätzt. Nach dem Motto: "Haben wir früher ja auch geraucht." Dabei könnte inzwischen jeder wissen, dass der regelmäßige Cannabiskonsum psychische Schäden anrichten kann, insbesondere bei Jugendlichen. Deshalb hat diese Droge in den Händen von Jugendlichen nichts verloren, schon gar nicht in der Schule. Aber es ist nicht so, dass immer mehr Jugendliche im Schulkontext kiffen.

Drogendelikte an Schulen
    Wie viele Schüler Drogen auf dem Schulhof konsumieren, wird statistisch nicht erfasst. Einige Bundesländer haben aber Zahlen dazu, wie sich die Drogenkriminalität an Schulen von 2011 bis 2015 verändert hat: In Baden-Württemberg verdreifachte sich die Zahl von 330 auf 880 Fälle. In Sachsen-Anhalt stieg sie von 42 auf 109. Die Landeskriminalämter Nordrhein-Westfalen und Sachsen meldeten jeweils eine Verdoppelung: in NRW von 443 auf 897 Delikte, in Sachsen von 69 auf 128. Ähnlich sind auch die Zuwächse in Thüringen. In Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Hessen war ein leichter Anstieg festzustellen, im Saarland ein leichter Rückgang.

SPIEGEL ONLINE: Wie entwickeln sich denn die Zahlen?

Baumgärtner: In Großstädten wird in der Regel mehr Cannabis konsumiert als in ländlichen Regionen, wo Schüler wiederum mehr Alkohol trinken. In Hamburg zum Beispiel hat jeder vierte Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren irgendwann schon mal Cannabis geraucht. Zwölf Prozent konsumieren es regelmäßig. Im Jahr 2012 waren es noch 17 Prozent. Die Zahlen sind derzeit also rückläufig. Dieser Trend zum regelmäßigen Konsum gilt für diese Altersgruppe auch bundesweit, in der Gruppe der 18- bis 25-Jährigen wird allerdings mehr konsumiert.

SPIEGEL ONLINE: Kiffen ist unter Schülern also nicht mehr so angesagt?

Baumgärtner: Das kann von Schule zu Schule anders sein, aber insgesamt kiffen weniger Schüler. Das könnte damit zu tun haben, dass auch weniger Schüler Tabak konsumieren. Man kann Cannabis zwar auch in Spinat auflösen oder in Kekse einbacken, aber die meisten rauchen es. Und wenn man Rauchen nicht gewöhnt ist, kratzt das erst mal im Hals und ist unangenehm. Der Konsum von Suchtmitteln ist aber insgesamt oft Modetrends unterworfen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist jetzt gerade in Mode?

Baumgärtner: Wir haben in unser jüngsten SCHULBUS-Studie herausgefunden, dass es in Hamburg zum Beispiel einen Anstieg beim Konsum der sogenannten neuen Psychoaktiven Substanzen gibt. Das sind oft Suchtmittel, die man im Internet bestellen kann, sodass Jugendliche da ziemlich leicht rankommen. Jungen nehmen tendenziell öfter diese Aufputschmittel, Mädchen öfter Schmerzmittel.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich diesen Anstieg?

Baumgärtner: Letztlich ahmen Jugendliche immer uns Erwachsene nach und decken gnadenlos unser widersprüchliches Verhalten auf. Wir raten ihnen zwar von Drogen ab, machen ihnen als Gesellschaft aber vor, dass man "etwas" nimmt, wenn man unruhig ist, sich schlapp oder müde fühlt, statt die Ursachen zu beheben. Viele Jugendliche machen das nach, auch weil sie das Gefühl haben, funktionieren zu müssen. Ich finde das sehr bedenklich. Der Gesetzgeber hat die Tabak- und Alkoholwerbung eingeschränkt, vielleicht sollte man das auch mit Arzneimittelwerbung machen.

Mit Material von dpa



insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
mkalus 23.01.2017
1. Ah?
"Dabei könnte inzwischen jeder wissen, dass der regelmäßige Cannabiskonsum psychische Schäden anrichten kann, insbesondere bei Jugendlichen." Könnte das auch mal belegt werden? Das klingt ja alles doch sehr nach "Reefer Madness". Wie wenig sich doch geändert hat. Übrigens: Weniger Panikmache und RICHTIGE Aufklärung (und vor allem Forschung) wäre die bessere Herangehensweise.
ole#frosch 23.01.2017
2. Alkohol- und Tabakwerbung eingeschränkt?
Das Zeug steht zusammen mit Süßigkeiten an der Kasse und füllt genauso viel Regalfläche wie Obst und Gemüse. Der Spielfilm am Abend oder die Sportübertragung wird von Alkoholwerbung begleitet. Ja, wir sind bigott, weil die Gesellschaft genau weiß wie schlimm Alkohol und Zigaretten sind, dass daran tausende Menschen jährlich sterben und Alkohol auch psychische Erkrankungen auslöst. Trotzdem verkaufen wir es zusammen mit Brot, Milch und Wurst im Lebensmittelladen. Aber wenn man cannabis legal in Apotheken verkaufen könnte, würde das Land untergehen, so wie die Niederlande.
Negira 23.01.2017
3.
Könnte auch an der Einführung der Ganztagesschule liegen.... Die Schüler befinden sich einfach länger auf dem Schulgelände. Früher haben Sie halt irgendwo gekifft, jetzt halt eher auf dem Schulgelände....
auto.schilling 23.01.2017
4. Eher weniger
Also ich kiffe nun erheblich weniger auf dem Schulhof als früher. Jetzt als Lehrer hat man ja auch eine gewisse Vorbildfunktion.
Johannes Reindel 23.01.2017
5.
In Baden-Württemberg und Sachsen hat sich die Zahl der Drogendelikte an Schulen verdreifacht, in Nordrhein-Westfalen und Sachsen verdoppelt, frisch-frecher Aufhänger, nach so was will man mehr :D
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