Wegen Datenschutz Grundschullehrer schreiben Zeugnisse wieder per Hand

Die Datenschutzgrundverordnung hat eine Grundschule in Düsseldorf derart verunsichert, dass die Lehrer zu einem radikalen Mittel greifen. Die Landesregierung zeigt sich irritiert.

Schulzeugnis aus DDR-Zeiten
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Schulzeugnis aus DDR-Zeiten

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Die Grundschule Kaiserswerth in Düsseldorf reist zurück in die Vergangenheit: Lehrer der Schule schreiben die Zeugnisse nun wieder per Hand - nicht, um auf die Schönheit der Schreibschrift aufmerksam zu machen, sondern aus Angst, dass sensible Daten, also die Leistungsbewertung der Grundschüler, in die falschen Hände geraten könnten.

Schuld daran ist die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), die seit dem 25. Mai in Kraft ist und regelt, wie Unternehmen, Behörden oder Vereine mit personenbezogenen Daten umzugehen haben. Bei den Landesdatenschützern gehen seither so viele Anfragen ein, dass eine Sprecherin des hessischen Datenschutzbeauftragten sagt: "Wir nennen uns nur noch Callcenter."

Den Grundschullehrern aus Düsseldorf hatte ein Jurist den Tipp gegeben, beim Schreiben der Zeugnisse zum Kugelschreiber zu greifen, um auf der sicheren Seite zu sein, wie die "Westdeutsche Zeitung" berichtet. Kugelschreiber sind im Gegensatz zu Bleistiften und Füllfedern dokumentenfest, lassen sich also nicht wegradieren oder löschen.

Elfseitiges Dokument zum Datenschutz

Nun haben die Eltern der Grundschüler Angst, die Zeugnisse könnten knapper als bisher ausfallen. Denn die Leistungen der Erst- und Zweitklässler werden in Textform beschrieben - und für die betroffenen Lehrer ist das nun eine handschriftliche Fleißarbeit. In den Vorjahren hatten sie die Zeugnisse am Computer verfasst. Das dürfen sie auch weiterhin - sie müssen allerdings versichern, dass ihr PC sicher ist, und zwar in einem elfseitigen Dokument.

"Wir raten den Lehrkräften, sich sehr genau zu überlegen, ob sie das Dokument unterschreiben. Sie gehen ein Risiko ein", sagt Berthold Paschert, Pressesprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen. Es handle sich schließlich um sensible Daten, die nichts auf privaten Endgeräten von Lehrern zu suchen hätten. Man denke bloß an die sonderpädagogischen Gutachten im Förderschulbereich. "Wenn da Missbrauch betrieben wird, das wäre prekär."

"Das ist wie Kreidezeit"

Die GEW fordert, Lehrkräfte und Schulen besser mit digitalen Endgeräten auszustatten. "Es gibt kaum Dienstcomputer. Die Zeugnisse mit der Hand zu schreiben, das ist wie Kreidezeit."

Auch Stadt und Land reagieren irritiert auf das Vorhaben der Düsseldorfer Schule, die Zeugnisse wieder mit der Hand schreiben zu lassen. Die Schulleitung selbst will sich dazu nicht äußern, und Thorsten Vetterkind vom zuständigen Schulamt sagte dem SPIEGEL, es stehe jeder Schule frei, wie sie ihre Zeugnisse schreibe. Das Amt prüfe nur, ob die Zeugnisse gültig seien.

Die Bezirksregierung Düsseldorf verweist auf die "Verordnung über die zur Verarbeitung zugelassenen Daten der Lehrerinnen und Lehrer", darin werden Lehrer belehrt, dass sie personenbezogene Daten auf privaten Geräten nur mit der schriftlichen Genehmigung der Schulleitung verarbeiten können.

Aus dem Schulministerium heißt es, die DSGVO habe keine Auswirkung auf die Frage, ob Zeugnisse automatisiert verarbeitet werden dürfen. Es sei nach wie vor zulässig, "Zeugnisdaten für schulische Zwecke (...) auf Privatgeräten der Lehrkräfte zu verarbeiten. Hierbei sind jedoch die Rechte der Schülerinnen und Schüler auf Schutz ihrer persönlichen Daten zu wahren".

Dafür sei ein neuer Vordruck zur Verfügung gestellt worden - das elfseitige Dokument, das die Lehrer unterschreiben müssen. Dieser Vordruck schafft laut Ministerium allerdings keine neue Rechtslage, sondern fasst die "Nachweispflichten nutzerfreundlich zusammen". Das Ministerium prüft derzeit, ob Schulen mit Endgeräten ausgestattet werden müssen, um darauf sensible Schülerdaten zu speichern und zu verarbeiten.

Doch wer ist dafür zuständig, 200.000 Lehrer in Nordrhein-Westfalen mit Computern zu versorgen?

Die Kommunen weisen jegliche Verantwortung von sich. In einer gemeinsamen Stellungnahme des Städtetages, Landkreistages sowie des Städte- und Gemeindebunds NRW, die dem SPIEGEL vorliegt, heißt es: Die kommunalen Schulträger seien verpflichtet, "dass das Schulgebäude die Voraussetzungen für den Einsatz digitaler Technologien erfüllen muss (Breitband-Anbindung, WLAN, Multimedia-Raum). Die "Bereitstellung von Endgeräten für die Nutzung durch Lehrpersonal innerhalb des Schulgebäudes (...) erscheint fraglich". Stattdessen solle für Lehrer in den Schulen eine "angemessene Zahl von fest installierten Bildschirmarbeitsplätzen" eingerichtet werden.

Weiter heißt es: "In der Regel wäre ein solcher Arbeitsplatz für mehrere Lehrkräfte ausreichend." Die Schulleitungen könnten ja "einen Stundenplan für eine gleichmäßige Benutzung" der Computer vorgeben.

insgesamt 98 Beiträge
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zeichenkette 27.06.2018
1. Das ist ein interessantes Problem
Wenn ich das richtig verstehe, geht es hier darum, dass Lehrer ihre Privatcomputer für die Arbeit benutzen, womit natürlich auf diesen Geräten persönliche Daten verarbeitet werden. Mal ganz davon abgesehen, dass das so oder so fragwürdig ist, stellt sich dasselbe Problem in vielen Firmen: In jüngster Vergangenheit ist "Bring your own device (BYOD)" gerade bei hippen und kleinen Firmen schon fast Regel anstatt Ausnahme geworden. Damit werden natürlich auch dort häufig persönliche Daten von Kunden außerhalb der Firma selbst aufbewahrt und verarbeitet. Das ist nicht unproblematisch, das stimmt wohl. Denn damit ist der jeweilige Mitarbeiter allein dafür verantwortlich, dass es auch zuhause einen Zugangsschutz gibt (die Daten also nicht Familienmitgliedern, Mitbewohnern etc. zugänglich sind), dass die Datensicherheit gewährleistet ist, auch wenn er den Computer für private Zwecke benutzt... Das ist mit Sicherheit eine riesige Grauzone.
viktor_lndn 27.06.2018
2. Schulserver
Das kann doch heutzutage nicht ernsthaft ein Problem sein. Es braucht einen (!) Schulserver, der vernünftig gesichert sein muss. Auf diesen kann sich dann jede Lehrkraft einloggen - idealerweise per VPN, sodass die Kommunikation verschlüsselt und sicher erfolgt - und zwar von jedem beliebigen Privatcomputer.
stickedy 27.06.2018
3. Also mal davon abgesehen, dass es nicht wirklich ein Problem ist,
ist es Lehrern, die jeden Monat mehrere 1000 Euro nach Hause bringen, in meinen Augen durchaus zuzumuten, wenn sie sagen wir mal 400 Euro aus eigener Tasche für ein Notebook ausgeben um auf diesem nur schulische Angelegenheiten zu erledigen (ohne Internetverbindung dann in dem Fall, weil paranoid und so) falls da jemand Bedenken haben sollte.
Benjowi 27.06.2018
4.
Offensichtlich merkt die deutsche Kultusbürokratie garnicht mehr, wie lächerlich das Ganze im Jahr 2018 ist. Elf (!) Seiten Merkblatt und Erklärungen zur DGVSO-wie dämlich ist eine solche Regelung! Und dennoch Zeugnisse mit der Hand schreiben-die Albernheiten nehmen in Neuland keine Ende mehr!
Tyrion Lannister 27.06.2018
5. Deutschland, Deine Bildung 2018
Ist halt alles Neuland - und die einzige Partei, die dieses Thema nachhaltig auf der Agenda hatte, hat sich durch eigene Blödheit wieder abgeschafft. Man redet sich lieber über ein non-existentes Problem an den Grenzen die Köpfe heiß, statt auch an dieser Stelle darüber nachzudenken, wie man Prozesse im Neulandzeitalter effizienter gestalten könnte.
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