Ehemalige Rütli-Schule Vom Schlachtfeld zum Bildungsidyll

Eingetretene Türen, Attacken auf Lehrer, Chaos im Unterricht - die Rütli-Schule galt jahrelang als Inbegriff von Schulterror. Das ändert sich: Im Problembezirk Berlin-Neukölln entsteht eine vorbildliche Bildungsoase. Die benachbarten Schulen dagegen darben weiter.

Von Annick Eimer

ddp

Im Büro von Schulleiterin Cordula Heckmann herrscht Aufbruchstimmung. Architektenpläne schmücken die Wände, das Telefon klingelt permanent. Heute kommt wieder eine Delegation, dieses Mal sind es Lehramtsstudenten aus Australien. Fast jede Woche bekommt sie Besuch, von Beamten der Bildungsbehörden aus dem Ausland, von Schulleitern und Politikern. Alle wollen Heckmanns Schule sehen.

Heckmann leitet die Berliner Gemeinschaftsschule Neukölln. Der Name der Schule ist so frisch, dass ihn über die Bezirksgrenzen hinaus kaum einer kennt und die Schule auch noch keine Internetseite hat. Rütli hingegen ist bundesweit ein Begriff. Die ehemalige Hauptschule hat sich inzwischen mit einer Realschule, einer Grundschule und zwei Kindergärten unter neuem Namen zur Gemeinschaftsschule zusammengeschlossen.

Vor rund dreieinhalb Jahren verfassten die Lehrer der Rütli-Schule einen Brandbrief an den Berliner Senat. Sie schrieben von Schülern, die Türen eintraten, ihre Lehrer mit Gegenständen bewarfen und Knallkörper zündeten, und sie forderten die Auflösung der Hauptschule. In den Wochen danach belagerten Kamera-Teams und Journalisten die Schule. Rütli hatte sich einen Namen gemacht: die Neuköllner Terrorschule.

"Hey, ich bin doch nicht Rütli!"

Der Satz "Hey, ich bin doch nicht Rütli!" sei quasi schon ein geflügeltes Wort, sagt Heckmann. Und eines Sonntagabends schreckte sie vor dem Fernseher zusammen, als im Fernsehkrimi "Tatort" ein Lehrer seiner rebellischen Schülerschaft empört die Worte "Wir sind hier nicht an der Rütli-Schule!" entgegenschmetterte.

So kam der Berliner Senat kaum umhin, die Schule ins Programm zu nehmen, als sie sich 2008 um das Modellprojekt Gemeinschaftsschule bewarb. 27 Millionen Euro investiert das Land nun in den Ausbau. Ein weiterer großer Geldgeber ist der Verbund "Ein Quadratkilometer Bildung", ein Zusammenschluss mehrerer Stiftungen. 1,5 Millionen Euro wird der Verbund über die nächsten zehn Jahre spenden.

Wo früher Terror war entsteht heute der Campus Rütli, eine Oase der Bildung auf 48.000 Quadratmetern. Eine Multifunktionshalle soll Sporthalle und kultureller Mittelpunkt für den Kiez werden. Außerdem wird ein Gebäude gebaut, in das eine Ausbildungswerkstätte, die Volkshochschule und ein Elterncafé einziehen werden. Auch die Musikschule wird hier Räume haben. Dafür muss nur noch eine Kleingartenkolonie weichen.

Theater-AG, Sprachaufenthalte, Musikunterricht

Die Unterstützer sind zahlreich. Das berühmte Maxim Gorki Theater beispielsweise bestreitet die Theater-AG. Das British Council organisiert Sprachaufenthalte in London. Die Stiftung Zukunft Berlin hat die Instrumente für das Blas- und für das Streicher-Orchester spendiert. Cordula Heckmann sagt: "Das hätte sich vor ein paar Jahren noch keiner vorstellen können: unsere Schüler mit einer Geige unter dem Kinn." Rund 20.000 Euro hat die Ausstattung der Orchester gekostet.

Steht der Campus Rütli für ein neues bildungspolitisches Konzept im Problembezirk Neukölln? Wohl kaum.

20.000 Euro - diese Summe zaubert Detlef Pawollek ein zynisches Lächeln ins Gesicht. Pawollek ist Schulleiter an der Röntgen-Schule, rund 15 Gehminuten entfernt vom Rütli-Campus. Er hat die gleiche Klientel wie die Vorzeigeschule: Auch hier haben nur knapp 30 Prozent der Schüler einen deutschen Pass.

Rund 24.000 Euro, das ist der Betrag, über den er im vergangenen Jahr frei verfügen konnte. Personalkostenbudget ist der sperrige Begriff für das Geld, das der Senat den Schulen zur Verfügung stellt, um kurzfristig Lehrkräfte anzuheuern, wenn mal ein Lehrer ausfällt. Wird das Geld nicht ausgegeben, kann die Schule es anderweitig nutzen. Pawollek hat einen Teil gespart, um mal ein größeres Projekt zu finanzieren. Dann kam Ende des Schuljahres ein Schreiben des Senats. Alle nicht aufgebrauchten Mittel würden restlos gestrichen.

"Vielleicht fällt vom Neuköllner Leuchtturm etwas Glitter auf uns ab"

Auch Wolfgang Lüdtke ist Leiter einer Neuköllner Schule. Die Kepler-Schule, eine Gesamtschule, befindet sich in der Nähe des S-Bahnhofs Köllnische Heide. Sonnenstudio neben türkischem Kulturverein neben Döner-Bude bilden hier das Stadtbild. Auf dem Weg zur Schule trifft man nur selten eine Frau ohne Kopftuch.

"Nein, wir haben keine Stiftung, die uns jeden Wunsch von den Lippen abliest", sagt Lüdtke. Unterstützung bekommt er trotzdem. Zum Beispiel von einer Tauchschule, die seit Jahren vielen seiner Schüler kostenlos eine Tauchausbildung ermöglicht. Und der Lions-Club finanziert eine Teilzeit-Honorarkraft, die sich darum kümmert, Mentoren an seine Schüler zu vermitteln.

Pawollek und Lüdtke gönnen der zur Vorzeigeanstalt aufgestiegenen ehemaligen Rütli-Schule die üppige Ausstattung. Pawollek sagt: "Hauptsache es kommt den Schülern zugute." Lüdtke: "Vielleicht fällt ja von diesem Neuköllner Leuchtturm ein bisschen Glitter auf uns ab."

Aber dass sich bei ihnen viel ändern wird, daran wollen sie nicht glauben. Und auf den großen Geldsegen hoffen sie gar nicht erst. Pawollek sagt: "Als Neuköllner Schule kann man nur eines kriegen: Mitleid."

Es sei denn, man hat sich mit Negativ-Schlagzeilen einen Namen gemacht und dadurch prominente Unterstützer bekommen. So hat Christina Rau, Gattin des ehemaligen Bundespräsidenten, die Schirmherrschaft für das Rütli-Schulprojekt übernommen. Sie kommt regelmäßig zu Besuch und bringt so manch potentiellen Geldgeber mit.

Dank dieser finanziellen Polster kann Schulleiterin Heckmann an der Ausrichtung ihrer Schule feilen. Die Gemeinschaftsschule wird die Schwerpunkte mathematisch-technisch und musisch-künstlerisch haben.

Pawolleks pädagogische Ziele an der Röntgen-Schule fallen weitaus nüchterner aus. "Wir bereiten unsere Schüler auf eine Ausbildung vor." Ebenso nüchtern zählt er auf, wie sonst ein üblicher Werdegang seiner Absolventen aussieht: Hauptschulabschluss, erweiterter Hauptschulabschluss - den gibt es aber häufig erst nach einer Ehrenrunde. Dann kommt die erste Maßnahme des Arbeitsamtes und der folgen viele weitere.

An der Rütli-Schule sind Sozialarbeiter Kumpels, keine Verwalter

Während sich an der ehemaligen Rütli-Schule vier Sozialarbeiter und zwei interkulturelle Moderatoren um 640 Schüler kümmern, sind es an der Röntgen-Schule gerade mal zwei - für 470 Schüler. Auf dem Rütli-Campus der neuen Gemeinschaftsschule sind die Sozialarbeiter Mentoren und Kumpels. Sie gehen auch zu den Eltern, sprechen in deren Muttersprache über die Zukunft der Kinder, machen klar, wie wichtig Bildung ist. Die Aufgaben ihrer Kollegen an der Röntgen-Schule sehen anders aus. "Die sind nicht zum Kuscheln da", sagt Schulleiter Pawollek. Vielmehr verwalten sie und müssen delegieren - an Jugendamt, Sozialamt und Polizei.

35 der 120 Schüler der 10. Klasse der Rütli-Gemeinschaftsschule haben nach dem vergangenen Schuljahr eine Empfehlung für die gymnasiale Oberstufe erhalten. Schulleiter Lüdtke hingegen ist froh, wenn es mal einer seiner Schüler bis zum Abi schafft.

Es scheint so, dass sich am Rütli-Campus die Investitionen in Bildung lohnen. Und in ein paar Jahren werden vielleicht die Statistiken Auskunft darüber geben, ob man tatsächlich mit Geld Jugendlichen mit Migrationshintergrund die Hartz-IV-Karriere ersparen kann.

Vielleicht aber werden die Statistiken dann keine Aussagekraft mehr haben. Das Problem Rütli könnte sich von allein gelöst haben. Denn die Vorzeige-Schule befindet sich im Herzen des Reuter-Kiezes, besser bekannt als Kreuzkölln, dem Teil von Berlin, der seit einiger Zeit zum neuen Szene-Viertel avanciert.

In der ehemaligen Rütli-Schule ist von diesen Veränderungen noch nichts zu merken. Wohl aber in den Kitas auf dem Campus, die jetzt zunehmend Anmeldungen für den Nachwuchs aus der Mittelschicht bekommen. "Irgendwann kommen die alle zu uns", sagt Heckmann. Und legen dann vielleicht das "Rütli-Abitur" ab. Denn diesen Abschluss kann man ab 2014 an der ehemaligen Terrorschule erlangen.



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Sondermann, 26.10.2010
1. Ganz nett
Hört sich ja ganz nett an. Doch: Wer soll das bezahlen? Sehe nicht ein, dass Steuergelder für diese "Talente" vergeudet werden!
Jemand03 26.10.2010
2. Titel
Zitat von SondermannHört sich ja ganz nett an. Doch: Wer soll das bezahlen? Sehe nicht ein, dass Steuergelder für diese "Talente" vergeudet werden!
Und wenn sie dann unqualifiziert auf der Straße rumlungern und ALG II beziehen ist es dann auch doof. Entscheiden sie sich mal.
Der Markt, 26.10.2010
3. Real gescheitert
An Neuköllner Schulen kann man sehen, daß Multi-Kulti gescheitert ist. Körperliche Gewalt gegen Lehrer, Deutschenfeindlichkeit und Terror gegen deutsche Schüler, daß ist die Realität. Natürlich schicken die grünen Gutis ihre Blagen auf Privatschulen, damit sie die knallharten Realitäten Multi-Kulti-Deutschlands nicht ertragen müssen.
br0iler 26.10.2010
4. wzbw
wenn man Geld in Bildung steckt, kommt am Ende was Gescheites raus. Leider nur ein Vorzeigeprojekt. Die Partei die solche Mittel für alle Schulen gerecht verteilt und das nicht nur kurz vor einer Wahl, bekommt meine Stimme. Wenn wir unsere Kinder gut ausbilden, brauchen wir auch später keine ausländischen Fachkräfte die sonst die Hartz4ler mit durch füttern müssen. Merke: gute Bildung=mehr Fachkräfte=weniger Hartzer Eigentlich ganz einfach, sollten auch Politker verstehen. Vielleicht will man aber keine gebildeten Bürger? Die könnten aufmöpfig werden oder eine Politik in Frage stellen.
benutzer19 26.10.2010
5. Wir zahlen dafür, dass es immer schlimmer wird...
Zitat von Jemand03Und wenn sie dann unqualifiziert auf der Straße rumlungern und ALG II beziehen ist es dann auch doof. Entscheiden sie sich mal.
Genau das ist das Problem: dass Intensivtäter-Jugendliche und Terrorkids (ob mit oder ohne Migrationshintergrund) weich in das soziale Netz fallen und immer auf Hartz-4 zurück greifen können. Dadurch, dass Kindergeld unterschiedslos an deutsche und ausländische Staatsbürger gezahlt wird (ein Skandal!) sorgen wir auch noch für kräftigen Nachwuchs bei der aggressiven Unterschicht, sofern sie aus Migrantenmilieus kommt. So wächst uns eine verlorene Generation nach der anderen entgegen (Clan-Kriminalität, Deutschenfeindlichkeit, Sozialbetrug, usw.).
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