"Ehrenmord" an Hatin Sürücü Bundespräsident Köhler dankt couragiertem Schulleiter

Im Februar wurde die Deutschtürkin Hatin Sürücü, 23, in Berlin auf offener Straße erschossen. An einer Neuköllner Schule fand der Mord Beifall, Schulleiter Volker Steffens reagierte sofort mit einem offenen Brief. Das hat jetzt Bundespräsident Horst Köhler gewürdigt.


Hatun Sürücü: Brutal erschossen
Polizei Berlin

Hatun Sürücü: Brutal erschossen

Für den Einsatz in der Debatte um den "Ehrenmord" bedankte sich Köhler in einem Brief an Volker Steffens, Leiter der Thomas-Morus-Oberschule im Berliner Stadtteil Neukölln. Der Bundespräsident schrieb: "Ich finde es richtig, dass Sie die Billigung dieses Mordes durch Schüler der Thomas-Morus-Oberschule zum öffentlichen Thema gemacht und damit eine breite Diskussion über Gewalt und Intoleranz unter jungen Menschen in Gang gesetzt haben." Köhler würdigte ausdrücklich die Leistung der Pädagogen in diesem schwierigen Bereich.

Die türkischstämmige Berlinerin Hatin Sürücü, 23 Jahre alt und Mutter eines fünfjährigen Sohnes, war am 7. Februar mit drei Kopfschüssen an einer Bushaltestelle in Tempelhof ermordet worden. Sie starb noch am Tatort. Ein Telefonanruf hatte die junge Frau aus dem Haus gelockt. Bald darauf verhaftete die Polizei drei ihrer Brüder, 18, 24 und 25 Jahre alt - sie sollen die junge Frau schon länger bedroht haben. Anfang Juli erhob die Berliner Staatsanwaltschaft Anklage gegen die Brüder.

"Sie hat ja wie eine Deutsche gelebt"

Der brutale Mord löste bundesweit Bestürzung aus, weil es um gekränkte Familienehre ging: Zum Verhängnis wurde Hatin Sürücü offenbar, dass sie ihr eigenes Leben leben wollte, sich von ihrer streng konservativen Familie losgesagt und von ihrem Mann scheiden lassen hatte. Sie hatte mit 16 Jahren ihren Cousin in Istanbul geheiratet, eine von den Eltern arrangierte Ehe. Doch Sürücü kehrte nach Berlin zurück, machte ihren Schulabschluss und begann eine Ausbildung als Elektroinstallateurin. Sie galt als lebenslustig und ging gern aus. Das Kopftuch hatte sie abgelegt.

Schulleiter Steffens: "Wir dulden keine Hetze"
SPIEGEL ONLINE

Schulleiter Steffens: "Wir dulden keine Hetze"

Kurz darauf fand der "Ehrenmord" Beifall an der Thomas-Morus-Hauptschule, die in der Nähe des Tatorts in Neukölln liegt, einem Stadtteil mit einem hohen Anteil an Türken. Drei türkischstämmige Schüler hießen den Mord im Unterricht gut: "Sie hat ja wie eine Deutsche gelebt", erklärte einer von ihnen.

Schulleiter Volker Steffens war schockiert - und reagierte prompt: In einem offenen Brief an die Schüler, Eltern und Lehrer drohte er den Schülern für solche "Hetze und Respektlosigkeit" mit scharfen Konsequenzen. Als der Brief in die Medien gelangte, war die Schule plötzlich von Fernsehteams und Fotografen belagert. "Wir wollen an unserer Schule nichts unter den Teppich kehren", sagte Steffens auf einer spontan organisierten Pressekonferenz.

Köhler lobt den Einsatz der Pädagogen

Nach dem Mord kam eine heftige politische und gesellschaftliche Debatte über die Integration und auch über Zwangsverheiratungen und Unterdrückung muslimischer Frauen in Berlin in Gang. Auch Bildungssenator Klaus Böger (SPD) unterstützte die offensive Politik der Neuköllner Schule und nahm dort an einer stark besuchten Diskussion teil.

Bushaltestelle in Tempelhof (im Februar): Gedenken an Hatin Sürücü
DPA

Bushaltestelle in Tempelhof (im Februar): Gedenken an Hatin Sürücü

Ausdrücklich stimmte Bundespräsident Horst Köhler in seinem Brief bereits im Juli der Haltung der Neuköllner Schulleitung zu, wie das Bundespräsidialamt jetzt bestätigte: "Wir müssen die Auseinandersetzung mit Erscheinungen von verbaler und körperlicher Gewalt, wie sie nicht nur an Schulen zu beobachten sind, beherzt und nachhaltig führen."

Es gebe viele Programme, die jungen Menschen Respekt vor den anderen nahe bringen sollen, und er wisse, "wie groß die Anstrengungen von Lehrerinnen und Lehrern auf diesem Gebiet sind", so Köhler. Für die weitere Arbeit wünschte er dem Schulleiter und dem Kollegium "alles Gute, Kraft und Durchhaltevermögen".



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