Ehrenrunden-Debatte Deutsche sind für das Sitzenbleiben in der Schule

Zwei Drittel der Deutschen halten nichts davon, das Sitzenbleiben in der Schule abzuschaffen. Dafür hatte die Bildungsgewerkschaft GEW plädiert - doch auch die Mehrheit der Kultusminister findet Ehrenrunden weiterhin notwendig. Wer die Versetzung nicht schafft, ist immerhin in prominenter Gesellschaft.

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Albert Einstein: Schulisch relativ schwach
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Albert Einstein: Schulisch relativ schwach

Albert Einstein war zwar ein Mathematik-Überflieger, hatte aber große Probleme im Unterricht, vor allem in Französisch und in literarischen Fächern. Später schaffte er seine Doktorarbeit nicht im ersten Anlauf. Glühbirnen-Erfinder Thomas Edison war keine große Leuchte und verließ die Schule nach der achten Klasse, nachdem ein Lehrer ihn als "Hohlkopf" beschimpft hatte.

Otto von Bismarck und Winston Churchill, Hermann Hesse und Thomas Mann, Moderatorin Lilo Wanders und Chef-Lästerer Harald Schmidt: Sie waren allesamt keine Musterschüler und mussten mindestens eine Klasse wiederholen. Auch Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn bekannte kürzlich, dass sie mit 16 Jahren lieber in die Disco ging, als zu lernen - und deshalb eine Ehrenrunde drehte. Bundesbildungsministerin ist sie trotzdem geworden. Und nicht Matrosin, wie sie zunächst plante.

In vielen Ländern, die bei der Pisa-Studie deutlich vor Deutschland rangierten, gibt es längst kein Sitzenbleiben mehr. In Skandinavien zum Beispiel ist es völlig abgeschafft. In Südeuropa dagegen scheint die deutsche Ehrenrunde Schule zu machen: Bisher werden Schüler in Spanien, das bei der Pisa-Studie ähnlich schlecht wie Deutschland abschnitt, bis zum 16. Lebensjahr automatisch versetzt. Doch nun will das spanische Bildungsministerium das Sitzenbleiben wieder einführen.

Klares Votum für das Sitzenbleiben

68 Prozent der Deutschen sind für das Sitzenbleiben in der Schule. Das berichtet DER SPIEGEL in seiner neuen Ausgabe. Nach einer Umfrage von NFO Infratest für den SPIEGEL votierten nur 26 Prozent für die Abschaffungsforderung der GEW und der niedersächsischen Kultusministerin - eine klare Minderheit. Unterschiede gibt es indes je nach Schulabschluss: Während sich Hauptschulabsolventen mit 58 Prozent gegen die Abschaffung des Sitzenbleibens aussprachen, waren es bei Befragten mit Mittlerer Reife 71 und mit Abitur sogar 77 Prozent.

Harald Schmidt wiederholte die zwölfte Klasse: Und? Hat's ihm geschadet?
AP

Harald Schmidt wiederholte die zwölfte Klasse: Und? Hat's ihm geschadet?

Einer weiteren Umfrage des Bayerischen Philologenverbandes zufolge sprechen sich selbst bei den Schülern drei Viertel für ein Beibehalten des Sitzenbleibens aus. Der Verband hatte allerdings lediglich 1000 Schüler befragt, und das ausschließlich an Gymnasien. Mit 83 Prozent sind vor allem Oberstufenschüler von der Notwendigkeit des Sitzenbleibens überzeugt.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Nachdem die deutschen Schüler bei der internationalen Vergleichsstudie Pisa so miserable Noten eingesammelt hatten, plädierte die Bildungsgewerkschaft dafür, in "vorbeugende Förderung" zu investieren, statt bundesweit rund 250.000 Schüler jährlich eine Ehrenrunde drehen zu lassen.

"Förder- statt Selektionskultur"

"In den meisten Fällen tritt ein Lernstillstand ein, weil lediglich Stoff wiederholt wird. Dies führt bei vielen Schülern zum innerlichen Abschalten", begründete die GEW-Vorsitzende Marianne Demmer ihren Vorstoß, der von der Bundesschülervertretung unterstützt wurde. Das Aussortieren am Ende des Schuljahrs sei eine "brutale und unangemessene Methode, um auf Leistungsdefizite bei Schülern hinzuweisen".

Der Bundeselternrat hält ein bloßes "Abstrafen" lernschwacher Schüler ebenfalls für "völlig unsinnig". "Zum Faktor Langeweile kommt hinzu, dass die Schüler oft gehänselt werden oder sich zum Klassenclown entwickeln", sagte die Vorsitzende Renate Hendricks. Die deutsche Schule brauche eine "Förderkultur statt der bisherigen Selektionskultur".

Am vergangenen Montag gab sich auch Renate Jürgens-Pieper (SPD) als Anhängerin der GEW-Initiative zu erkennen. Durch Sitzenbleiben werde nur Zeit vergeudet, sagte die niedersächsische Kultusministerin. Sie plädierte für Nachprüfungen gefährdeter Schüler in den Sommerferien und für eine Förderung durch zusätzlichen Unterricht etwa nachmittags und samstags. Niemand habe ein "ersatzloses" Abschaffen des Sitzenbleibens gefordert, teilte auch die GEW mit.

Uralt-Klischee von der Kuschelpädagogik wieder en vogue

Extra-Unterricht ist zweifellos teuer, und die meisten bildungspolitischen Initiativen zerschellen ohnedies am Veto der Finanzminister. Doch durch die Streichung des Sitzenbleibens würden auch Mittel frei, rechnete Klaus Klemm vor: 16.500 Lehrerstellen seien durch die jährlich etwa 250.000 Sitzenbleiber gebunden, so der Essener Bildungsforscher. Das entspreche Personalausgaben in Höhe von rund 850 Millionen Euro. Die GEW beziffert die jährlichen Kosten, die durch Sitzenbleiber entstehen, sogar auf etwa 1,2 Milliarden Euro.

Nachprüfung statt Sitzenbleiben: Was wollen die Schüler?
DPA

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Doch die Mehrheit der Kultusminister hält nichts davon, wenn auch schwache Schüler in die nächste Klasse versetzt werden. Einer nach dem anderen schwenkte in den letzten Tagen auf Pro-Sitzenbleiben-Kurs ein - ob in Bayern oder Baden-Württemberg, im Saarland, in Hessen oder Sachsen. Zwar müssten gefährdete Schüler intensiver gefördert werden, so der Tenor. Aber als "ultima ratio" führe am Sitzenbleiben kein Weg vorbei.

In die zunehmend hitzigere Debatte mischten sich auch schrille Töne. So beeilte sich Sachsens Kultusminister Matthias Rößler, das Klischee der "Kuschelpädagogik" aus den letzten Jahrzehnten wieder aufzuwärmen. Die Lehrer müssten mehr Mut zeigen, von ihren Schülern auch etwas einzufordern; dazu gehöre auch ein klares Bekenntnis zu Zensuren. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt präsentierte sich als markige Stimme der Wirtschaft: "Weg von der Soft-Pädagogik". In den ersten Schuljahren sei für "Basteln und Spielen" kein Platz mehr, da müsse es auch um Leistung gehen, verkündete der harte Hundt.

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