Ehrgeizige Schüler Karrierecoach ab Klasse elf

Bloß nichts dem Zufall überlassen: Nicht nur Manager lassen sich coachen, auch Schüler haben ihre eigenen Karriereberater. Ein Berliner Dienstleister will Abiturienten den Weg zur perfekten Laufbahn ebnen.

Von Sascha Borrée


Er will es ganz genau wissen: Wenn Henrik Rath in diesem Jahr mit Abitur von der Schule abgeht, steht sein weiterer Werdegang bereits fest. "Ich will nichts dem Zufall überlassen. Ich bin ein Typ, der sein Leben lieber plant."

Sport ist die große Leidenschaft des 19-Jährigen, und dazu soll es bitte ein Job im Management sein. Damit bei diesen konkreten Vorstellungen auch nichts schief geht, lässt sich Rath schon jetzt zur Karriere anleiten: von einer Schülerberatung.

Kunde Thomas Schröder: "Seit der ersten Klasse ehrgeizig"

Kunde Thomas Schröder: "Seit der ersten Klasse ehrgeizig"

Dass Berater ihr Geld damit verdienen, an den Karrieren von Führungskräften zu feilen, daran hat man sich gewöhnt. Auch dass sie ihre Dienstleistungen verzweifelten Berufseinsteigern und Hochschulabgänger anbieten, ist gang und gäbe. Die Campusmondi Agentur in Berlin hat ein neues lukratives Geschäftsfeld entdeckt: Sie berät Schüler, und zwar schon ab der elften Klasse.

"Je früher, desto besser", sagt Matthias Trüper, Geschäftsführer von Campusmondi. Eine Bewerbung für eine Uni in den USA oder in Kanada könne locker bis zu einem Jahr dauern. Wer vorne dabei bleiben will, muss sich also zeitig entscheiden. Die meisten von Trüpers Kunden kommen in der Regel ein halbes Jahr vor dem Abi. Am besten, so Trüper, ist es, "wenn sie schon in der 11. Klasse kommen, bevor sie sich ihre Leistungskurse aussuchen." Die Zeiten langwieriger Selbstfindung seien vorbei - heute gelte es, keine Zeit zu verlieren und Fehler zu vermeiden.

Karriereplanung in der elften Klasse

"Ich will Gewissheit haben, was ich nach der Schule machen werde", sagt auch Henrik Rath. In der Schule wurden ihm nur die Klassiker wie Germanistik, Jura oder BWL vorgestellt - wie man sich Praktika angelt oder eine Uni auswählt, konnte ihm keiner sagen. Deshalb ließ er sich bereits während der Sommerferien beraten. Nach einem ersten Gespräch, in dem er von seinen Wünschen und Vorstellungen erzählen durfte, erstellte ein Psychologe ein Begabungsprofil. Das Ergebnis bestätigte Raths Bauchgefühl: "Sportmanagement passt zu mir", sagt Rath.

Nun hat der Schüler einen strengen Zeitplan: "Ich muss Referenzen von Lehrern sammeln, die sind für weitere Bewerbungen wichtig", sagt der Abiturient, "danach erarbeite ich mit Hilfe meines Beraters meinen Lebenslauf, auf Deutsch und auf Englisch".

Die Zeit nach dem Abitur ist auch schon durchgeplant. Auf Anraten des Karrierecoaches wird Rath erst einmal sechs Wochen in Spanien eine Sprachschule besuchen, danach ein oder zwei Praktika in Australien absolvieren, "am liebsten bei einem großen Rugby-Verein". Anschließend soll er ein Semester lang in Down Under studieren, bevor er dann nach Deutschland zurückkehrt, um hier das Studium fortzusetzen. Welches Fach das sein wird, weiß er noch nicht so genau: "Ich glaube, ich soll im Hauptfach BWL studieren und dann als Nebenfach Sportmanagement", so Rath. Demnächst verrät ihm der Berater mehr.

Statt auf Urlaubsreise in die Beratung

Karriereplanung à la carte ist allerdings nicht billig: Nach einem kostenlosen Vorgespräch berechnet Campusmondi 800 Euro für die Erstberatung, weitere Kosten können schnell anfallen, zum Beispiel für eine Vorschlagsliste verschiedener Unis.

"Man muss eben abwägen, ob man mehrmals in Urlaub fährt oder sich eine bessere Bildung leistet", sagt Thomas Schröder, 19, ebenfalls Kunde bei Campusmondi. Für ihn stellte sich die Frage, wie er trotz zweitklassiger finanzieller Ausstattung - "meine Eltern sind weder arm noch reich" - eine erstklassige Ausbildung im Ausland sicherstellen konnte.

Ohne fremde Hilfe wäre Schröder, der sich selbst als "schon seit der ersten Klasse sehr ehrgeizig" bezeichnet, wohl in Deutschland hängen geblieben. Bei der Beratung bekam er die Angebote verschiedener ausländischer Universitäten vorgelegt: "Singapur hätte mich gereizt, war aber zu teuer, ebenso London." Jetzt hat er sich für den Studiengang International Business im niederländischen Maastricht entschieden, wo auf Englisch unterrichtet wird. Vorher will er noch ein halbes Jahr in England verbringen, um seine Sprachkenntnisse durch Kurse und Praktika zu verbessern, während des Studiums dann ein weiteres Praktikum in China absolvieren.

Bloß keine Patzer in der Vita

"Ich stand vor meinen hohen Zielen wie vor einem Berg", sagt Schröder, "alleine kann man den nicht besteigen." Woher hätte er auch wissen sollen, dass das international anerkannte Studium in Maastricht nur 1500 Euro pro Jahr kostet und EU-Bürgern davon auch noch 900 Euro erstattet werden können? Verglichen mit den Bildungsangeboten mancher deutscher Bundesländer, die bald 500 Euro pro Semester verlangen wollen, ist das schon fast ein Schnäppchen.

In den USA sind Karriereberatungen für Teenager bereits die Regel. Dort helfen professionelle College Counsellors schon längst gegen gutes Geld dabei, an einer Eliteuniversität angenommen zu werden. Dabei kommt es dann schon mal vor, dass Schülern geraten wird, sich doch ehrenamtlich für einen guten Zweck zu engagieren, weil sich das in den Bewerbungsunterlagen gut macht. Auch in Deutschland dürfen sich Universitäten ihre Bewerber mittlerweile selbst aussuchen und setzten dabei Kriterien an, die für Abiturienten nicht immer durchschaubar sind - auch hier kann Campusmondi helfen.

Bleibt bei so viel Planung überhaupt noch Raum für eine eigene Entwicklung? "Ich bin kein Stromlinienverformer", sagt Matthias Trüper, der deutsche Schüler mittlerweile schon seit vier Jahren berät. "Zufälle gibt es ja immer noch genug, ich helfe nur bei der Vermeidung von Fehlern." Und Fehler wollen - oder können - sich viele Abiturienten heute nicht mehr leisten.



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